„Unterdiagnostiziert und unterbehandelt“ – wie eine nationale Strategie Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekämpfen will

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

21. April 2022

Trotz enormer Fortschritte in Diagnostik und Therapie sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen für 40% aller Todesfälle in Deutschland verantwortlich. Kardiovaskuläre Erkrankungen sind aber nicht nur die häufigste Ursache für Tod und Hospitalisierung, „sie sind auch unterdiagnostiziert und unterbehandelt“, machte Prof. Dr. Stephan Baldus, Direktor der Klinik III für Innere Medizin an der Universität Köln und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) auf der Eröffnungspressekonferenz zur Jahrestagung der DGK deutlich [1].

Die demografische Entwicklung verschärft die Situation, denn die Zahl der Menschen ab 67 Jahren steigt von 16 Millionen (2020) bis 2035 auf 20 Millionen. Der Blick ins Jahr 2050 zeigt, was das für die Entwicklung kardiovaskulärer Erkrankungen bedeutet: Gerechnet wird mit einer Zunahme der Zahl der Schlaganfälle um 62% und der Zahl der Herzinfarkte um 75%. Zum Vergleich: Bei den onkologischen Erkrankungen wird bis 2050 mit einer Zunahme von 27% gerechnet.

Nationalen Herz-Kreislauf-Strategie

Um all diese Herausforderungen bewältigen zu können, setzt sich die DGK für die Einführung einer nationalen Herz-Kreislauf-Strategie (NHKS) ein. Die NHKS soll 4 Aspekte umfassen:

  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit

  • Modernere Modelle in der Versorgung: Digitalisierung und intersektorale Zusammenarbeit

  • Forschung: Intensivierung von Grundlagen- und translationaler Forschung

  • Nationale Initiative Prävention/Früherkennung

Baldus erwartet, dass eine NHKS entscheidend dazu beiträgt, die telemedizinische Versorgungsstruktur auszuweiten. Dass multimodales Telemonitoring die Mortalität bei Patienten mit Herzinsuffizienz senkt, zeigt beispielsweise eine Studie aus 2018 mit 1.571 Teilnehmern (NYHA II-III plus HI-Hospitalisierung). Diese waren auf multimodales Telemonitoring oder Usual Care randomisiert worden. Auch die Rhythmus-Überwachung von Patienten mittels Implantat-basiertem Telemonitoring verringert die Sterblichkeit.

Prävention und Früherkennung müssten optimiert werden. In dem Zusammenhang begrüßte der DGK-Präsident, dass die Bundesregierung plant, Präventionsprogramme zu stärken und machte deutlich, dass die DGK einen Herz-Kreislauf-Check ab 50 befürwortet. Neben der Verbesserung der Therapie-Adhärenz muss auch das Risikofaktor-Screening ausgeweitet werden. Baldus verwies auf die immer noch bestehende Unterdiagnose der familiären Hypercholesterinämie (FH), deren Prävalenz bei 1/250 bis 1/500 liegt.

Auch die leitliniengerechte Behandlung muss verbessert werden. Baldus erinnerte daran, dass Grippeimpfungen gerade bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch zu selten durchgeführt werden: „Wir haben in den Hochrisikogruppen bestenfalls 50% der Patienten gegen Grippe geimpft.“ Würden hingegen Infarkt-Patienten gegen Influenza geimpft, ließe sich langfristig die Mortalität signifikant senken.

 
Kardiovaskuläre Forschung bekommt nur ein Siebtel der Mittel, die beispielsweise für die Krebsforschung in Deutschland ausgegeben wird ... Prof. Dr. Stephan Baldus
 

Baldus hob hervor, dass es notwendig ist, die Forschung in der Kardiologie besser zu fördern: „Kardiovaskuläre Forschung bekommt nur ein Siebtel der Mittel, die beispielsweise für die Krebsforschung in Deutschland ausgegeben wird, dabei sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die führende Todesursache.“ Er rechnet damit, dass eine nationale Herz-Kreislauf-Strategie auch entscheidend zur Verbesserung der Forschungsförderung beiträgt.

Digitalisierung, Zentrenbildung und Ambulantisierung

Dass sich das im Gesundheitswesen in den nächsten Jahren stark verändert, was auch die kardiovaskuläre Gesundheitsversorgung erheblich beeinflussen und verändern wird, machte Prof. Dr. Gerhard Hindricks vom Herzzentrum Leipzig, Tagungspräsident der DGK, deutlich.

Durch die Digitalisierung entstehe ein Riesenpotenzial für neue kardiologische Räume. „Es wird zu einer Verschiebung von traditionellen Behandlungssegmenten kommen. Neue Versorgungselemente wie virtuelle Gesundheit und Behandlung, Selbstdiagnose (era of self-diagnostics) und Gesundheit zu Hause werden einen deutlich größeren Raum einnehmen“, erläuterte Hindricks.

Neben der Digitalisierung machen die Zentrenbildung und die Ambulantisierung den Kern dieser Veränderungen aus.

Infarktpatienten nach der Reha: Erste Ergebnisse aus GULLIVE-R

Wie sind Herzinfarktpatienten nach der Entlassung aus der Rehabilitation versorgt? Erste Ergebnisse des Projektes GULLIVE-R des DGK-Zentrums für kardiovaskuläre Versorgungsforschung stellte Prof. Dr. Uwe Zeymer vom Klinikum Ludwigshafen vor. 2.503 Patienten mit Herzinfarkt (STEMI oder NSTEMI) wurden in das Register aufgenommen.

Die ersten Daten zeigen, dass es eine hohe Rate von Revaskularisationen mittels perkutaner Koronarintervention gibt: 92,9% bei STEMI, 80,6% bei NSTEMI. Erfreulich, so Zeymer, sei auch die hohe Rate von leitliniengerechter Sekundärprävention. Er sieht aber noch „erheblichen Verbesserungsbedarf“. Etwa bei der Risikoeinschätzung durch Ärzte und Patienten. So schätzen 36,9% der Patienten und 32,1% der Ärzte das Rezidivrisiko als niedrig ein, tatsächlich (ermittelt durch den TRS2P-Score) aber war das Risiko nur bei 7,1% der Patienten als niedrig einzustufen.

Zeymer sieht auch noch viel Luft nach oben, wenn es darum geht, die Zielwerte von Blutdruck und LDL-Cholesterin zu erreichen. Die Daten zeigen, dass 36% der Patienten den LDL-Zielwert von unter 70 mg/dl bei Studieneinschluss erreichten. Den neuen Zielwert von unter 55 mg/dl erreichten allerdings nur 16%. Der systolische Blutdruck lag bei 36,8% unter dem Zielwert von 130 mmHg und bei 22,8% im Bereich von 130-139 mmHg.

Die Daten zeigen auch, dass die Patienten über ihre Erkrankung und über ihre Risikofaktoren noch zu wenig wissen. So fühlen sich zwar 87,7% der Patienten nach eigenen Angaben ausreichend über die koronare Herzerkrankung informiert, doch nur 15,7% kannten den richtigen LDL-Zielwert und 38,5% den richtigen Zielblutdruck. Nur 21% der Patienten kannten ihren LDL-C-Wert, 72,4% hingegen nahmen an, ihr Wert liege im Zielwertbereich.

 

Kommentar

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