Die Macht der Berührung: Therapeuten haben es buchstäblich in der Hand, ihren depressiven Patienten zu helfen

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

19. April 2022

Für Patienten mit Depressionen könnte die sogenannte Berührungsmedizin eine wirksame komplementäre Option sein, berichtet ein Autorenteam um Prof. Dr. Bruno Müller-Oerlinghausen von der Berliner Charité, Pharmakologe und früherer Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift [1]

Kontrollierte Studien und systematische Übersichten belegen nach Angaben der Autoren die antidepressive, anxiolytische sowie analgetische Wirksamkeit spezieller Massagetechniken in dieser bei Patienten mit Depressionen. Zu den Wirkmechanismen, die im Fokus der Forschung stehen, zählen unter anderen oxytocinerge Mechanismen und die Stimulation spezifischer Hautrezeptoren.

Zwischenmenschliche Berührungen stellen, wie die Autoren erklären, ein menschliches Grundbedürfnis dar, da sie Empathie, Liebe, Fürsorge, Intimität und soziale Zugehörigkeit vermitteln. Ein Mangel an zärtlicher Berührung hinterlasse psychische und physische Schäden, insbesondere bei Neugeborenen und Kindern.

Die experimentelle und klinische Forschung zur Bedeutung und zu den potenziellen Mechanismen sowohl sozialer wie heilsamer Berührung habe in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von Erkenntnissen erbracht, die für viele Bereiche der klinischen Medizin relevant seien. Ihren Erfahrung zufolge seien sie vielen Ärztinnen und Ärzten jedoch nahezu unbekannt, berichten Müller-Oerlinghausen und seine Kolleginnen und Kollegen. Positiv sei, dass heilsame Berührung in der Kranken- und Alterspflege bereits angekommen sei. 

Eine ergänzende Behandlung

Berührungsmedizin stehe nicht in einem Konkurrenzverhältnis zur sprechenden Medizin oder Psychotherapie, betonen die Autoren. Sie schließe bereits etablierte Techniken der Physiotherapie, Osteopathie oder manuellen Medizin und auch der Körperpsychotherapie selbstverständlich nicht aus, sondern integriere sie in eine erweiterte Fachdisziplin, die insbesondere auch die psychosozialen Aspekte von Gesundheit und Krankheit berücksichtige.

Ein Gewinn könnte die Berührungsmedizin für Menschen mit Depressionen sein, denn die bislang verfügbaren pharmakologischen und nicht-pharmakologischen Therapien seien bei einen Großteil der Patienten nicht oder nicht ausreichend wirksam. Dies gelte auch für die derzeit stark propagierten Mindfulness-Techniken. So klage etwa ein Drittel der Therapie-Responder weiterhin über Restsymptome wie Schlafstörungen, Antriebslosigkeit etc.

Darüber hinaus habe auch eine neue Studie von Wissenschaftlern der Universität Witten/Herdecke, gezeigt, dass unter antidepressiver Medikation die körperliche Aktivierung durch emotionale Stimuli herabgesetzt sei. Dies decke sich mit Befunden aus einer fMRT-Studie, die dämpfende Effekte des Antidepressivums Escitalopram auf die Aktivität der Insula bei der Verarbeitung von Stimuli mit positiver oder negativer Valenz nahelege. Die Suche nach weiteren komplementären bzw. integrativen Therapiemöglichkeiten erscheine somit berechtigt. 

Die inzwischen gut belegte Wirksamkeit professioneller Berührungstherapie in den verschiedensten medizinischen Indikationen rechtfertige die Gründung einer neuen Fachdisziplin „Berührungsmedizin“, so das Team um den Berliner Pharmakologen, der vor wenigen Jahren auch ein Buch zur Berührungsmedizin veröffentlicht hat.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Univadis.de .

 

Kommentar

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