Sabizabulin verringert COVID-19-Mortalität um 55%; Lungenveränderungen noch 1 Jahr später im CT zu erkennen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

14. April 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 14. April 2022

Das Robert Koch-Institut (RKI) meldet heute 165.368 Neuinfektionen innerhalb der letzten 24 Stunden. Vor einer Woche waren es noch 201.729 positive Tests. Die 7-Tage-Inzidenz sinkt auf 1.015,7 Fälle pro 100.000 Einwohner (Vortag: 1.044,7). Weitere 310 Patienten sind in Zusammenhang mit COVID-19 gestorben. Damit erhöht sich die Zahl der Todesfälle bundesweit auf 132.688.

Laut DIVI-Intensivregister waren am 13. April genau 1.849 COVID-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 61 weniger als am Vortag. Momentan sind 876 Betten im Low-Care- und 2.076 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 484 freie ECMO-Behandlungsplätze.

Details zum Impfstatus der Intensivpatienten liefert der RKI-Wochenbericht, Stand 7. April. In Woche 10 gab es Angaben von 5.580 stationären COVID-19-Patienten, das entspricht etwa 75,2% der für diesen Zeitraum übermittelten Fälle (7.416). 23,9% (1.333 Fälle) aller Patienten mit bekanntem Impfstatus waren ungeimpft. Rund 7,7% (432 Fälle) wiesen einen unvollständigen Immunschutz auf und 68,4% (3.815 Fälle) hatten einen vollständigen Impfschutz. Der Anteil der Personen mit Boosterimpfung lag bei ca. 45,5% (2.540 Fälle).

  • WHO: COVID-19 bleibt „internationaler Gesundheitsnotstand“ – Plädoyer für Tests

  • Die Pandemie bremst die Organspende

  • Long-Covid: Anomalien in der Lunge im CT noch nach 1 Jahr sichtbar

  • Mortalität um 55% verringert: Sabizabulin – ein „Game Changer“ bei COVID-19?

  • Inhalatives Aprotinin als mögliche Therapie bei COVID-19

  • Trotz mangelnder Evidenz: Ambulante COVID-19-Patienten erhalten in den USA oft Kortikoide

  • Real-World-Daten: Impfungen schützen gegen schweres COVID-19

WHO: COVID-19 bleibt „internationaler Gesundheitsnotstand“ – Plädoyer für Tests

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bewertet regelmäßig die pandemische Lage. Ende Januar 2020 hatte sie eine „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ ausgerufen. Davon rückt die WHO aufgrund von Experten-Empfehlungen nicht ab, wie nach einem Treffen erklärt wurde.

Sorgen bereiten neue Varianten. „Wir müssen dieses Virus in jedem einzelnen Land genau verfolgen“, sagte WHO-Notfalldirektor Mike Ryan. „Es wäre sehr kurzsichtig zu denken, dass das Risiko einer Ansteckung wegen weniger gemeldeter Infektionen zurückgegangen sei.“ Ryan forderte, trotz der vermeintlichen Entspannung, Menschen weiterhin Tests anzubieten.

Die Pandemie bremst die Organspende

SARS-CoV-2 hat nicht nur für die Infektiologie, sondern auch für die Transplantationsmedizin weitreichende Folgen. Einen „dramatischen Einbruch“ bei den Organspenden verzeichnet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Dieser stehe in Verbindung mit der Corona-Pandemie. Darüber hat Univadis.de berichtet.

Im 1. Quartal 2022 hat es einen massiven Einbruch von 29% gegenüber dem Vorjahreszeitraum gegeben. Die Anzahl der Organspender ist auf 176 gesunken. Gleichzeitig ist die Anzahl der postmortal entnommenen Organe um 28% auf 562 Organe zurückgegangen. In den Transplantationszentren sind 600 Organe übertragen worden, die durch Eurotransplant an die Patienten auf den Wartelisten vermittelt wurden. Das sind 24% weniger als im Vorjahreszeitraum.

Die DSO vermutet, dass durch Arbeitsüberlastung und erhöhten Personalausfall auf den Intensivstationen weniger Organspenden möglich gewesen seien. Außerdem seien Ablehnungen in der Akutsituation auf den Intensivstationen um 11% gestiegen. Auch in Angehörigengesprächen würden Organspenden derzeit häufiger abgelehnt. Lediglich in 15% der Fälle liege eine schriftliche Willensbekundung des potenziellen Spenders vor.

Außerdem hätten medizinische Kontraindikationen um 11% zugenommen, schreibt die DSO. Dies stehe in direkter Relation zu der gestiegenen SARS-CoV-2-Infektionsrate. Die Zahl der Fälle, bei denen der Organspende-Prozess wegen dieser Infektion abgebrochen worden sei, habe sich gegenüber dem letzten Quartal 2021 nahezu verdoppelt.

Internationale Erfahrungen zeigten jedoch, dass auch bei positivem SARS-CoV-2-Befund eine Organspende unter bestimmten Voraussetzungen möglich sei. Entsprechend würden seit März im Einzelfall auch Organe von solchen Spendern im Eurotransplant-Verbund angeboten.

Long-Covid: Anomalien in der Lunge im CT noch nach 1 Jahr sichtbar

Neue Erkenntnisse gibt es zu langfristigen Folgen einer Infektion. Forscher aus Innsbruck haben Ergebnisse einer prospektiven, multizentrischen Beobachtungsstudie veröffentlicht. Ihre Kohorte mit COVID-19-Patienten wurde zwischen 29. April und 12. August 2020 aufgebaut. Ziel der Wissenschaftler ist, pulmonale Anomalien der Lunge im CT etwa 2, 3 und 6 Monate sowie 1 Jahr nach Auftreten der COVID-19-Symptome zu beurteilen. Die Befunde wurden für jeden Lungenlappen anhand eines qualitativen CT-Schweregrad-Scores (CTSS) bewertet, der zwischen 0 (normal) und 25 (alle Lappen betroffen) liegt.

Von 142 Teilnehmern hatten 91 ein 1-Jahres-Follow-up-CT und wurden in die Analyse einbezogen. Ihr mittleres Alter lag bei 59 Jahre, und 35 Frauen (38%) waren in der Kohorte. 34% der Teilnehmer hatten oberflächennahe netzartige Verdichtungen der Lunge, geringfügige Milchglastrübungen oder beides. Und bei 20% waren ausgedehnte Milchglastrübungen, oberflächennahe netzartige Verdichtungen, Bronchialerweiterungen und mikrozystische Veränderungen zu finden, die eventuell auf Vernarbungsprozesse hindeuten.

Als Risikofaktoren für CT-Anomalien identifizierten die Forscher ein Alter über 60 Jahren (OR 5,8; 95%-KI 1,7-24; p = 0,009), kritisches COVID-19 (OR 29; 95%-KI 4,8-280; p < 0,001) sowie ein männliches Geschlecht (OR 8,9; 95%-KI 2,6-36; p < 0,001).

Die Daten überraschen nicht: Aus Langzeitstudien zur SARS-Pandemie im Jahr 2003 mit SARS-CoV-1 ist bekannt, dass im CT selbst 15 Jahre später Veränderungen des Lungengewebes auftreten können.

Mortalität um 55% verringert: Durchbruch bei der Therapie von COVID-19?

Veru, ein forschender Arzneimittelhersteller mit onkologischem Portfolio aus Miami, Florida, berichtet über Erfolge bei der Therapie von COVID-19. Er hat im Rahmen einer doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Phase-3-Studie die Wirksamkeit und Sicherheit von Sabizabulin untersucht. Eigentlich ist Sabizabulin ein Krebsmedikament. Es wirkt als Inhibitor von α- und β-Tubulin, 2 Proteine der Mikrotubuli, hat aber auch antivirale und entzündungshemmende Effekte.

Eingeschlossen wurden 210 hospitalisierte Patienten mit mittelschwerem bis schwerem COVID-19. Sie wurden im Verhältnis 2:1 in die Sabizabulin-Behandlungsgruppe versus Placebo randomisiert. Patienten in beiden Gruppen durften die Standardbehandlung erhalten, darunter Remdesivir, Dexamethason, Anti-IL6-Rezeptor-Antikörper und JAK-Inhibitoren.

Bei den ersten 150 Patienten, die in die Studie randomisiert wurden, wurde eine geplante Zwischenanalyse durchgeführt. Die Behandlung mit Sabizabulin verringerte die Zahl der Todesfälle relativ um 55% (p = 0,0029) in der Intent-to-treat-Population. Die Mortalitätsrate in der Placebo-Gruppe lag bei 45% im Vergleich zu 20% in der Sabizabulin-Gruppe. Sabizabulin wurde gut vertragen, ohne klinisch relevante Sicherheitssignale.

Aufgrund der Resultate empfahl der unabhängige Überwachungsausschuss für Datensicherheit, die Phase-3-Studie vorzeitig abzubrechen. Das Unternehmen plant jetzt ein Treffen mit der FDA, um die nächsten Schritte zu besprechen, einschließlich der Möglichkeit einer Notfallzulassung.

Inhalatives Aprotinin als mögliche Therapie bei COVID-19

Eine weitere Zielstruktur für Therapien sind Enzym-Inhibitoren. Denn SARS-CoV-2 benötigt Wirtsproteasen, um sein Spike-Protein zu spalten und an ACE2 zu binden. Aprotinin, ein Breitspektrum-Protease-Inhibitor, kam aufgrund seiner bekannten Eigenschaft, andere Viren der Atemwege zu hemmen, in die nähere Wahl.

Im Rahmen einer doppelblinden, randomisierten Phase-3-Stude verglichen Wissenschaftler zwischen 20. Mai 2020 und dem 20. Oktober 2021 die die Standardbehandlung allein mit der Standardbehandlung plus Aprotinin bei stationären Patienten mit COVID-19.

Sie fanden signifikante Unterschiede hinsichtlich mehrerer Endpunkte. So war die tatsächliche Behandlungsdauer in der Aprotinin-Gruppe um 2 Tage kürzer als in der Kontrollgruppe; die Zeit im Krankenhaus war sogar um 5 Tage kürzer. Und innerhalb des 30-tägigen Studienzeitraums wurden Patienten unter Aprotinin 2,19-mal häufiger entlassen als unter Placebo. Darüber hinaus benötigten Patienten im Verum-Arm seltener Sauerstofftherapien; sie hatten keine unerwünschten Reaktionen oder Nebenwirkungen.

Trotz mangelnder Evidenz: Ambulante COVID-19-Patienten erhalten in den USA oft Kortikoide

Noch ein Blick auf zugelassene Therapien. Im Juni 2020 zeigten Ergebnisse der RECOVERY-Studie einen Nutzen von Dexamethason bei schwerkranken stationären Patienten mit COVID-19, aber potenzielle Schäden bei Patienten, die keinen Sauerstoff benötigen, gelten als möglich. Daraus wurden Empfehlungen abgeleitet und weltweit in zahlreichen Leitlinien veröffentlicht. Nicht immer halten sich Ärzte daran, wie eine aktuelle US-amerikanische Auswertung zeigt.

Es wurden Daten aus dem Medicare Fee-for-Service-Programm und dem Sentinel-System der US Food and Drug Administration (FDA) analysiert. Medicare ist ein staatliches Krankenversicherungsprogramm, das hauptsächlich Personen ab 65 Jahren einschließt. Das Sentinel-System dient zur Überwachung der Sicherheit von Pharmakotherapien.

Die Wissenschaftler fanden 576.885 Patienten mit COVID-19 in Medicare und 766.105 in Sentinel. Das Durchschnittsalter betrug 74,6 Jahre bzw. 48,5 Jahre, und der Anteil der Männer lag bei 43,2% bzw. 46,7%. 16,4% (Medicare) und 9,4 % (Sentinel) erhielten innerhalb von 14 Tagen nach der COVID-19-Diagnose systemische Kortikosteroide im ambulanten Setting. Die Anwendung nahm mit steigendem Alter bis etwa 79 Jahre zu.

Außerdem wurden die Wirkstoffe immer häufiger verabreicht. Der Anteil stiegt von 2,2% Anfang April 2020 auf 21,1% im August 2021 bei Medicare und von 2,2% Anfang April 2020 auf 13,8% im Juli 2021 bei Sentinel: eine durchaus kritische Entwicklung, wie die Forscher schreiben.

Real-World-Daten: Impfungen schützen gegen schweres COVID-19

Viele Nationen, allen voran Deutschland, fordern 3 Impfungen als vollständigen Schutz gegen SARS-CoV-2. Eine 4. Dosis wird derzeit nur Risikogruppen empfohlen.

Forscher haben jetzt neue Daten zur Frage, wie effektiv 3 Dosen gegen besorgniserregende Varianten (VOC) schützen, veröffentlicht. Ihre Studie umfasste Daten von 11.690 Erwachsenen, die vom 11. März 2021 bis zum 14. Januar 2022 in 21 US-Krankenhäuser eingeliefert wurden, von denen etwa die Hälfte labordiagnostisch bestätigtes COVID-19 hatte. Für 45,4% der 5.728 SARS-CoV-2-Infektionen lagen Sequenzierungsergebnisse vor. Die andere Hälfte der Personen diente als Kontrollgruppe.

Die Wirksamkeit von 2 Impfstoffdosen gegen Krankenhausaufenthalte betrug 85% während der Zeiträume der Studie, in denen Alpha und Delta dominierten, aber 65% während der Omikron-Phase Ende Dezember 2021 bis Mitte Januar 2022. Die Wirksamkeit von 3 Impfstoffdosen während der Omikron-Phase lag bei 86%.

Unabhängig davon, welcher Stamm zirkulierte, war der Schweregrad von COVID-19, basierend auf der klinischen Progressionsskala der Weltgesundheitsorganisation (WHO), bei geimpften Patienten niedriger als bei ungeimpften Patienten.

 

Kommentar

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