Allgemeine Impfpflicht scheitert im Bundestag; Quarantäne für Infizierte bleibt; Thrombosen-Risiko länger als erwartet

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

7. April 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 7. April 2022

Das Robert Koch-Institut (RKI) meldet heute weitere 201.729 Infektionen mit SAS-CoV-2 innerhalb der letzten 24 Stunden. Vor 1 Woche waren es 274.901 neue Positivtests. Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz sinkt von 1.394,0 am Vortag auf 1.251,3 Fälle pro 100.000 Einwohner. 328 weitere Menschen sind im Zusammenhang mit COVID-19 gestorben. Damit erhöht sich die Zahl der Todesfälle bundesweit auf 131.036.

Laut DIVI-Intensivregister waren am 6. April genau 2.111 COVID-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 49 weniger als am Vortag. Momentan sind 857 Betten im Low-Care- und 1.995 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 472 freie ECMO-Behandlungsplätze.

  • Allgemeine Impfpflicht scheitert im Bundestag

  • „Kommunikationsdesaster“: Verpflichtende Quarantäne oder nicht?

  • Schweres COVID-19: Neue Hinweise auf den Pathomechanismus

  • Starker Schutz nach BNT162b2-Impfung und Durchbruchsinfektion

  • 33-fach erhöhte Inzidenz von Lungenembolien im Monat nach der COVID-19-Diagnose

  • COVID-19 – ein Risikofaktor für Diabetes

Allgemeine Impfpflicht scheitert im Bundestag

In Deutschland wird es vorerst keine allgemeine Impfpflicht geben. Bei der Abstimmung fand kein Antrag die erforderliche Mehrheit.

  • Der Antrag der Ampel-Koalition für eine Impfpflicht ab 60 erhielt 296 Ja- und 378 Nein-Stimmen bei 9 Enthaltungen.

  • Auch der Antrag von CDU und CSU zum Impfvorsorgegesetz fand keine Mehrheit; 172 Abgeordnete votierten dafür und 497 dagegen; es gab 9 Enthaltungen. Die Idee war, je nach epidemiologischer Lage im Herbst über eine Impfpflicht zu entscheiden.

  • Der FDP-Antrag gegen eine Impfpflicht fiel mit 85 Ja-, 590 Nein-Stimmen und 12 Enthaltungen ebenfalls durch.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte zuvor von einer „Gewissensfrage“ gesprochen und erklärt, es gebe keinen Fraktionszwang.

„Kommunikationsdesaster“: Verpflichtende Quarantäne oder nicht?

Zum 1. Mai sollte die bisherige Pflicht für Menschen mit SARS-CoV-2-Infektion oder mit Risikokontakten, sich zu isolieren, wegfallen. Infizierten wurde nur noch dringend empfohlen, sich für 5 Tage zu isolieren und Kontakte zu meiden. Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach wollte eigentlich in Abstimmung mit den Ländern die Gesundheitsämter entlasten, doch der Ärger blieb nicht aus.

„Zwiespältiger könnte die Nachricht der Gesundheitsminister kaum sein“, so Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. „Auf der einen Seite die Mahnung vor dem Virus. Auf der anderen Seite die Verharmlosung der Infektion, die ansteckender ist denn je.“

Wissenschaftler kritisieren die angedachte Lockerung ebenfalls. Prof. Dr. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie forderte, dass zumindest für Infizierte die Pflicht zur Isolation beibehalten wird. „Wenn eine Person Symptome aufweist, dann sollte sie zu Hause die Corona-Infektion aussitzen, anstatt noch mehr Menschen anzustecken“, so Zeeb.

Aufgrund des massiven Gegenwinds ruderte der Minister zurück. „Die Beendigung der Anordnung der Isolation nach Coronainfektion durch die Gesundheitsämter zugunsten von Freiwilligkeit wäre falsch und wird nicht kommen“, erklärte Lauterbach auf Twitter . „Hier habe ich einen Fehler gemacht. Das entlastet zwar die Gesundheitsämter. Aber das Signal ist falsch und schädlich.“ Für Infizierte bleibt es bei der 5-tägigen Pflicht Isolation; für Kontaktpersonen handelt es sich nur noch um eine Empfehlung. 

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sprach von einem „Kommunikationsdesaster, das den Bemühungen einer sachlichen, faktenbasierten und zeitgemäßen Pandemiebekämpfung zuwiderläuft“. In Berlin werden Stimmen laut, die fordern, Lauterbach bei Ländertreffen nicht mehr teilnehmen zu lassen.

Schweres COVID-19: Neue Hinweise auf den Pathomechanismus

SARS-CoV-2 kann bei einigen Patienten zu akuter Atemnot und zum Tod führen. Obwohl eine schwere COVID-19-Erkrankung mit einer überschießenden Entzündung verbunden ist, waren auslösende Faktoren unklar.

Um mehr herauszufinden, analysierten Wissenschaftler frische Blutproben von Patienten mit COVID-19 aus der Notaufnahme des Massachusetts General Hospital in Boston. Diese verglichen sie mit Proben von Gesunden und von Patienten mit anderen Atemwegserkrankungen. Sie untersuchten auch Lungenautopsien von Menschen, die an COVID-19 gestorben waren.

Dabei zeigte sich, dass SARS-CoV-2 Monozyten und Makrophagen infizieren kann. Beide Arten von Immunzellen gingen durch Pyroptose zu Grunde und lösten eine Explosion entzündlicher Alarmsignale aus. Pyroptose ist eine inflammatorische Variante des programmierten Zelltods. 6% der Blutmonozyten bei COVID-19-Patienten waren mit SARS-CoV-2 infiziert.

Die Wissenschaftler fanden zudem heraus, dass Antikörper, die von Menschen mit COVID-19 hergestellt wurden, manchmal zu mehr Entzündungen führen können, während Antikörper, die durch mRNA-COVID-19-Impfstoffe erzeugt werden, dies anscheinend nicht tun.

Starker Schutz nach BNT162b2-Impfung und Durchbruchsinfektion

Omikron ist die bisher evolutionär am stärksten ausgeprägte besorgniserregende SARS-CoV-2-Variante (VOC). Sie weist im Vergleich zum Wildtyp mehrere Aminosäureveränderungen auf, die sich in neutralisierenden Antikörperstellen des Spike-Proteins befinden. Sorgen bereiten vor allem Durchbruchsinfektionen, verbunden mit der Frage, was nach Omikron kommen könnte.

In einem Preprint berichten Forscher von BioNTech zusammen mit Kollegen über neue immunologische Erkenntnisse: Omikron-Durchbruchsinfektion führen bei BNT162b2-geimpften Personen zu einer starken neutralisierenden Aktivität nicht nur gegen Omikron selbst, sondern auch gegen frühere SARS-CoV-2-Varianten und sogar gegen SARS-CoV-1.

Laut Studie vermitteln Omikron-Durchbruchsinfektionen eine robuste B-Zell-Antwort und erweitern das Spektrum an Gedächtnis-B-Zellen, die Epitope erkennen, welche von verschiedenen Virus-Varianten gemeinsam genutzt werden. Sprich: Es müssen keine neuen B-Zellen gegen Epitope hergestellt werden.

„Unsere Daten deuten darauf hin, dass trotz der Prägung der Immunantwort durch eine frühere Impfung der vorgeformte B-Zell-Gedächtnis-Pool über eine ausreichende Plastizität verfügt, um durch die Exposition gegenüber anderen S-Proteinen umgestaltet zu werden“, fassen die Autoren zusammen. Dies ermögliche eine wirksame Neutralisierung von Varianten, welche sich neutralisierenden Antikörperreaktionen entziehen würden.

33-fach erhöhte Inzidenz von Lungenembolien im Monat nach der COVID-19-Diagnose

COVID-19 war in den Monaten nach der Infektion eines Patienten mit einem höheren Risiko für eine Vielzahl von thrombotischen Ereignissen verbunden, wie eine große Studie aus Schweden ergab.

Unter mehr als einer Million Menschen, die im vergangenen Monat positiv auf COVID-19 getestet wurden, war das Risiko für eine erste Lungenembolie 33-mal höher im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, nachdem Forscher ihre Daten um potenzielle Störfaktoren bereinigt hatten. Als Risikoverhältnis (RR) geben sie 33,05 an bei einem 95%- Konfidenzintervall von 32,8-33,3. Gleichzeitig war das Risiko für die 1. tiefe Venenthrombose 5-mal höher (RR 4,98, 95%-KI 4,96-5,01) und das Risiko für Blutungen fast doppelt so hoch (RR 1,88, 95%-KI 1,71-2,07).

Die Autoren betonen: „In unserer Studie wurde ein erhöhtes Risiko für eine 1. tiefe Venenthrombose bis zu 3 Monaten nach COVID-19, für eine Lungenembolie bis zu 6 Monaten und für ein Blutungsereignis bis zu 2 Monaten festgestellt.“ Sie äußern den Verdacht, dass eine Thrombose-Prophylaxe bei COVID-19-Risikopatienten länger von Nutzen sei als bislang angedacht.

COVID-19 – ein Risikofaktor für Diabetes

Patienten mit COVID-19 haben ein höheres Risiko, bis zu 12 Monate nach der Infektion an Typ-2-Diabetes zu erkranken, verglichen mit Menschen ohne diese Infektion. Das zeigt eine neue Studie mit fast 200.000 Veteranen. Sie bestätigt ältere Arbeiten mit ähnlichem Ergebnis.

Die neueste Analyse ergab, dass Menschen, die COVID-19 hatten, bis zu 1 Jahr später mit etwa 40% höherer Wahrscheinlichkeit an Diabetes erkrankten als Veteranen in den Kontrollgruppen. Pro 1.000 Personen mit COVID-19 gab es 13 zusätzliche Patienten mit Diabetes. Bei fast allen festgestellten Fällen handelte es sich um Typ-2-Diabetes, bei dem der Körper gegen Insulin resistent wird oder nicht genügend Insulin produziert.

Die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu erkranken, stieg mit zunehmendem Schweregrad von COVID-19. Personen, die ins Krankenhaus eingeliefert oder auf die Intensivstation eingeliefert wurden, hatten im Vergleich zu Kontrollpersonen ohne COVID-19 ein etwa 3-fach höheres Risiko.

Sogar Patienten mit leichten Infektionen und ohne vorherige Risikofaktoren für Diabetes hatten eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, die chronischen Erkrankung zu entwickeln. In der Gruppe ohne stationäre Behandlung waren es unter 1.000 Personen zusätzliche 8 Fälle mit Diabetes, verglichen mit Personen, die nicht infiziert waren.

Menschen mit einem hohen Body-Mass-Index und einem erheblichen Risikofaktor für Typ-2-Diabetes hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko, nach einer SARS-CoV-2-Infektion an Diabetes zu erkranken.

 

Kommentar

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