MEINUNG

Quereinstieg in die Arbeitsmedizin: Für wen es sich lohnt und was Umsteiger erwartet

Nathalie Haidlauf

Interessenkonflikte

6. April 2022

Die Arbeitsbelastung in Kliniken ist hoch: laut einer Umfrage plant über ein Fünftel des ärztlichen Personals einen Tätigkeitswechsel. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum die Arbeitsmedizin derzeit einen Boom erlebt, wie Prof. Dr. Thomas Kraus vom Aktionsbündnis Arbeitsmedizin berichtet. Wir haben nachgefragt, für wen sich der Quereinstieg lohnt, inwiefern sich die Anforderungen durch die Pandemie verändert haben und wie es um die Verdienstmöglichkeiten bestellt ist.

Coliquio: Die Unzufriedenheit in Kliniken ist hoch – viele Ärztinnen und Ärzte sehen sich nach möglichen Berufsalternativen um. Wie ist es in der Arbeitsmedizin, stellen Sie einen Trend hin zu mehr Betriebsmedizinern fest?

Prof. Dr. med. Thomas Kraus

Prof. Kraus: Wir erleben seit einigen Jahren einen Boom in unserem Fach. Das hat einerseits damit zu tun, dass es immer mehr Erwerbstätige gibt. Schon allein dadurch steigt der Bedarf an betriebsmedizinischer Betreuung. Zudem sind tatsächlich die Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte in vielen Fächern sehr belastend. Viele wünschen sich mehr Flexibilität und Entlastung im ärztlichen Alltag. Und nicht zuletzt hat die Änderung unserer Weiterbildungsordnung den Zugang für Quereinsteiger erleichtert und für eine steigende Nachfrage gesorgt.

Coliquio: Inwiefern wurde der Quereinstieg für approbierte Medizinerinnen und Mediziner vereinfacht?

Prof. Kraus: Früher war es so, dass für den „Facharzt für Arbeitsmedizin“ Weiterbildungszeiten in der Inneren Medizin oder in der Allgemeinmedizin zwingend erforderlich waren. Seit 2018 werden Weiterbildungszeiten aus allen Bereichen mit unmittelbarer Patientenversorgung anerkannt.

Das erleichtert den Zugang in unser Fachgebiet immens. Und es bereichert auch die Vielfalt in unserem Fachgebiet, denn die Arbeitsmedizin ist sehr interdisziplinär orientiert und wir profitieren stark von Kenntnissen aus der Orthopädie, aus der Dermatologie, aus der Psychiatrie, Neurologie und weiteren Fachgebieten.

Am Arbeitsplatz treffen wir auf Beschäftigte mit unterschiedlichen Problemen und Fragestellungen. Wenn beim Behandelnden Vorkenntnisse aus den entsprechenden medizinischen Disziplinen vorhanden sind, ist das unheimlich hilfreich.

Coliquio: Sie erhalten also Bewerbungen aus ganz verschiedenen Fachrichtungen. Was würden Sie sagen: Für wen eignet sich das Tätigkeitsfeld Betriebsmedizin besonders? Wie finde ich als Ärztin oder Arzt heraus, ob das Fach zu mir passt?

Prof. Kraus: Wenn man Spaß daran hat, präventiv zu arbeiten und zu beraten, dann ist man in der Arbeitsmedizin gut aufgehoben. Klar ist, dass wir nicht therapieren und auch selten Notfälle zu versorgen haben. Abwechslungsreich ist die Tätigkeit auch dadurch, dass man interdisziplinär arbeitet – beispielsweise mit Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen der Arbeitssicherheit, der Psychologie, Sozialarbeit oder Sportwissenschaft, die sich auch um die Prävention am Arbeitsplatz kümmern.

Coliquio: Sie hatten eben schon den Aspekt Flexibilität angesprochen – das ist sicher auch für viele der entscheidende Pluspunkt an der Tätigkeit?

Prof. Kraus: Ja, das spielt eine große Rolle. Wir haben keine Nachtdienste, keine Wochenenddienste, sondern relativ planbare Arbeitszeiten, die nicht so starr an Dienstpläne gekoppelt sind, wie das in der Klinik der Fall ist. Und diese Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung und in der Work-Life-Balance machen dieses Fachgebiet insbesondere für den Wiedereinstieg nach der Elternzeit sehr attraktiv. Früher spiegelte sich hier das klassische Rollenverständnis und es waren vorrangig Frauen, die nach der Elternzeit in die Betriebsmedizin wechselten – heute haben wir auch viele männliche Kollegen im Fach, die phasenweise ihre Arbeitszeit reduzieren und dann wieder aufstocken.

Coliquio: Sind die meisten Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner selbstständig tätig – oder arbeiten sie vorwiegend als Angestellte?

Prof. Kraus: Es gibt verschiedene Modelle. Die meisten Arbeitsmediziner sind in überbetrieblichen Diensten angestellt. Große Arbeitgeber sind beispielsweise der TÜV, der IAS oder der BAD. Offene Stellen für Arbeitsärztinnen und -ärzte gibt es außerdem in Behörden, in Ministerien, in den Gesundheitsämtern oder bei Berufsgenossenschaften oder festangestellt in großen Unternehmen. Aber es gibt zunehmend viele Selbständige mit eigener arbeitsmedizinischer Praxis. Und wer die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin trägt, kann auch „nebenbei“ arbeitsmedizinisch in der eigenen Praxis tätig sein.

Coliquio: Wie sieht es mit den Verdienstmöglichkeiten in der Arbeitsmedizin aus?

Prof. Kraus: Die Verdienstmöglichkeiten sind in der Niederlassung und in der Festanstellung in großen Industrieunternehmen sehr gut. Die Gehälter in den großen überbetrieblichen Diensten sind nach meiner Kenntnis vergleichsweise niedriger.

Coliquio: Durch die Pandemie hat sich der Alltag von Betriebsärztinnen und -ärzten verändert. Können Sie uns hier einen Einblick geben?

Prof. Kraus: Die Herausforderungen in der Homeoffice-Situation oder beim Mobilen Arbeiten kennen wir schon länger, aber die haben sich natürlich durch die Pandemie jetzt exponentiell verstärkt. Wir beschäftigen uns sehr intensiv damit: Wie gestalte ich meinen Arbeitsplatz zuhause optimal? Wie kann ich Arbeit und Freizeit durch die räumliche Vermengung gut trennen? Wie schaffe ich es, einen Cut zu machen und nicht permanent den Arbeitsplatz im Sinn zu haben?

Es ist auch für Unternehmen eine herausfordernde Zeit und ich habe den Eindruck, dass die Arbeitsmedizin durch die veränderten Arbeitsbedingungen und die damit verbundenen Herausforderungen im Rahmen der Pandemie stärker ins Bewusstsein von Arbeitgebern gerückt ist. Es ist heute eine stärkere Sichtbarkeit des Faches da.

Coliquio: Spielt die psychische Gesundheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern heute eine größere Rolle als vor Beginn der Pandemie – oder hat dieser Aspekt der Gesundheit ohnehin seit je her dazugezählt?

Prof. Kraus: Die psychische Gesundheit gehörte schon immer zum Spektrum der Gefährdungen im Arbeitsleben. Aber das hat sich in den letzten Jahren und insbesondere durch die pandemische Situation nochmals verstärkt. Hier ist es wichtig, in interdisziplinären Teams zu arbeiten. Wir arbeiten selbst auch mit Spezialisten, mit Psychologinnen und Psychologen im Team gemeinsam, um die Herausforderungen zu meistern. Vieles können Ärztinnen und Ärzte beurteilen, aber es ist oft auch sinnvoll, noch Spezialisten aus anderen Disziplinen mit einzubeziehen – und das tun wir auch.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Coliquio.de .

 

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