Fall: Ein 18-jähriger, sportlicher Mann mit Blinzel- und Ordnungszwang scheitert im Studium – wie helfen Sie ihm?

Claudia L. Reardon

Interessenkonflikte

4. April 2022

Diskussion

Dieser junge Mann leidet offenkundig unter einer Zwangsstörung. Eine solche besteht aus Zwängen und/oder Zwangshandlungen. Meistens ist beides vorhanden, aber diese Kombination ist nicht erforderlich, um die Diagnosekriterien zu erfüllen [1].

Unter Zwangsvorstellungen versteht man wiederkehrende und anhaltende Gedanken, Ideen, Impulse oder Bilder, die als aufdringlich und unerwünscht erlebt werden. Der Betroffene versucht, solche Vorstellungen mithilfe anderer Gedanken oder Handlungen zu übergehen oder zu unterdrücken (z.B. durch Ausführung einer Zwangshandlung).

Zwänge sind sich wiederholende Verhaltensweisen oder Gedanken, die der Betroffene infolge einer Zwangsvorstellung ausführen muss. Dabei kann es streng einzuhaltende Regeln geben. Die Zwangsvorstellungen und/oder Zwänge sind zeitaufwendig (typischerweise mindestens 1 Stunde täglich) oder verursachen einen klinisch bedeutsamen Leidensdruck oder funktionelle Beeinträchtigungen.

Der Patient im vorliegenden Fall beschreibt Zwangsvorstellungen, die ihm viel Zeit rauben und in seinem täglichen Funktionieren beeinträchtigen. Dazu gehört etwa der Gedanke, dass etwas Schlimmes passieren wird, wenn er bestimmte Vorgänge nicht oft genug ausführt, bis er das Gefühl hat, dass es „genau richtig“ ist. Die Zwänge äußern sich durch sich wiederholende Verhaltensweisen. Hier ist es das Umräumen von Dingen auf seinem Schreibtisch. Vielfach liegen derartigen Zwangsvorstellungen und Zwängen Ängste zugrunde.

Zur medikamentösen Therapie werden zunächst selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer eingesetzt (SSRI) [2]. Unter Umständen ist hier eine höhere Dosierung über einen längeren Zeitraum als bei Depressionen erforderlich. Medikamente der 2. Wahl sind Clomipramin und ergänzend Neuroleptika. Darüber hinaus sind die Psychotherapie und die Konfrontationstherapie als Teil der Verhaltenstherapie wichtige Behandlungsmöglichkeiten von Zwangsstörungen.

Neben Zwangsstörungen zeigt dieser Patient auch Tics. Das sind in der Regel einzelne, sich wiederholende, unrhythmische und zweckfreie Bewegungen (motorische Tics) oder Äußerungen (vokale Tics). Ihnen kann ein charakteristisches Gefühl vorausgehen, dass ein Tic unmittelbar bevorsteht.

Das Gefühl lässt dann nach dem Tic wieder nach. Vor allem einfache motorische Tics sind weit verbreitet. Sie treten bei etwa 10% bis 15% der Kinder im Grundschulalter auf und bestehen manchmal noch im Erwachsenenalter fort [3].

Bis zu 30% der Menschen mit Zwangsstörungen haben eine lebenslange Tic-Störung [4]. Die Tic-assoziierte Zwangsstörung tritt am häufigsten bei Männern auf, bei denen die Zwangsstörung in der Kindheit beginnt.

Ganz ähnlich schien es in diesem Fall zu sein. Das Blinzelverhalten stellt wahrscheinlich eine anhaltende motorische Tic-Störung dar. Für die Diagnose müssen einer oder mehrere motorische und/oder vokale Tics für mindestens ein Jahr in der Kindheit bestanden haben und zugleich nicht so weit reichen, dass die Kriterien des Tourette-Syndroms erfüllt sind [1]. Das Tourette-Syndrom ist eine chronische Tic-Störung, die für mindestens 1 Jahr besteht und bei der die Patienten sowohl motorische als auch vokale Tics mit ab- und zunehmender Intensität aufweisen [1].

Eine Zwangsstörung, die mit Tics einhergeht, weist Unterschiede zu einer nicht mit Tics assoziierten Zwangsstörung auf [4]. Bei einer mit Tics assoziierten Zwangsstörung ist die Symptomatik häufiger in der Kindheit am stärksten (im Mittel mit etwa 12,5 Jahren) und auch die Wahrscheinlichkeit für ein Verschwinden der Störung ist größer [5]. Sie zeigt zudem eine ausgeprägte familiäre Häufung [4].

Im vorliegenden Fall hatte der Vater des Patienten möglicherweise selbst in der Kindheit mit Tics zu kämpfen. Eine Tic-assoziierte Zwangsstörung spricht seltener auf die übliche Behandlung von Zwangsstörungen mit SSRI an und profitiert eher von einer Kombination mit einem Neuroleptikum [4,6].

Kommentar

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