Europäisches Positionspapier: Depressionen verschlimmern Herzinsuffizienz – unbedingt mitbehandeln

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

24. März 2022

Depressionen und andere psychosoziale Risikofaktoren können die Entstehung einer Herzinsuffizienz begünstigen und ihren Verlauf verschlimmern, werden in ihrer Bedeutung aber oft unterschätzt. In einem Positionspapier der Europäischen Gesellschaft für präventive Kardiologie fordern Experten deshalb, psychosoziale Risikofaktoren verstärkt in die Behandlung von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz zu integrieren [1].

 
Patienten mit Herzinsuffizienz haben nicht nur körperliche, sondern meist auch erhebliche seelische Probleme. Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig
 

„Patienten mit Herzinsuffizienz haben nicht nur körperliche, sondern meist auch erhebliche seelische Probleme. Psychosoziale Risikofaktoren wie Depression sowie soziale Isolation, Einsamkeit und traumatische Effekte aufgrund der Erkrankung werden häufig nicht ausreichend bei der Behandlung dieser Patienten berücksichtigt“, kritisiert der federführende Autor des Positionspapiers, Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, Professor für psychosomatische Medizin am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

Depression bringt Non-Adhärenz mit sich

Auf Nachfrage von Medscape erklärt Prof. Dr. Christian Albus, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Köln: „Verhaltensmuster, die an eine Depression geknüpft sind, können dazu führen, dass eine koronare Herzkrankheit mit der etwaigen Folge einer Herzinsuffizienz schneller eintritt und auch den Verlauf der Herzinsuffizienz negativ beeinflussen.“

 
Verhaltensmuster, die an eine Depression geknüpft sind, können … den Verlauf der Herzinsuffizienz negativ beeinflussen. Prof. Dr. Christian Albus
 

Depressionen gehen häufig mit Non-Adhärenz einher. „Und Non-Adhärenz ist nicht nur die nicht wie verordnete Einnahme von Medikamenten, sondern betrifft auch das ganze Spektrum an gesundheitsfördernden Verhaltensweisen wie moderate körperliche Aktivität, Nichtrauchen und hinreichende Selbstfürsorge“, erklärt Albus.

Teufelskreis aus Depression und Herzinsuffizienz

In ihrem Positionspapier weist die 12-köpfige Autorengruppe um Ladwig außerdem darauf hin, dass Depressionen und andere psychosoziale Stressfaktoren auch über die Ausschüttung von Hormonen und neuroendokrinen Entzündungsstoffen zu einer weiteren Verschlechterung der Herzinsuffizienz beitragen können.

Häufig finden sich die Patienten in einem Teufelskreis wieder, denn der Zusammenhang zwischen Depressionen und Herzinsuffizienz ist bidirektional. „Nimmt die Herzschwäche einen schwerwiegenden Krankheitsverlauf, fördert dies bei den Patienten wiederum Episoden von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die erheblich belasten“, erklärt Ladwig. Deshalb sei es von größter Bedeutung, auf die seelischen Komplikationen der Herzinsuffizienz zu achten und die Patienten psychologisch zu betreuen.

Antidepressiva wenig erfolgversprechend

Eine medikamentöse Linderung der depressiven Symptomatik kommt bei Herzinsuffizienz-Patienten eher nicht in Frage. Antidepressiva zeigten bei Patienten mit Herzinsuffizienz nämlich keine gute Wirkung. „In den bisher vorhandenen Studien wurde weder ein Mortalitätsvorteil gesehen noch ein eindeutiger positiver Effekt auf die psychische Befindlichkeit“, berichtet Albus.

Woran das liegt, ist unklar. „Antidepressiva haben ansonsten insbesondere bei rezidivierenden, mindestens mittelgradigen depressiven Störungen gute Effekte“, so der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. „Aber bei Herzinsuffizienz-Patienten konnte man das noch nicht replizieren.“

Experten empfehlen kognitive Verhaltenstherapie und Sport

Die beste Wirksamkeit versprechen den Autoren des Positionspapiers zufolge Interventionen, die körperliche Bewegungsprogramme mit kognitiver Verhaltenstherapie kombinieren. „Damit lassen sich im Gespräch mit dem Verhaltenstherapeuten negative Denkmuster und Defizite in der Wahrnehmung abbauen. Körperliches Training verbessert die Durchblutung in Gehirn und Muskulatur und stärkt die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit der Patienten“, erklärt Ladwig. All das kombiniert wirke sich günstig auf die Depression und ihre Symptome aus.

Albus geht allerdings davon aus, dass neben der kognitiven Verhaltenstherapie auch die anderen in Deutschland zugelassenen Psychotherapieverfahren einen Effekt haben könnten. „Bei Menschen mit koronarer Herzerkrankung und Herzinsuffizienz haben wir aber noch keine Studien, in denen tiefenpsychologische Verfahren getestet wurden. Die Aussage, dass eine kognitive Verhaltenstherapie wirksam ist zur Linderung depressiver Symptome, heißt nicht, dass andere Verfahren unwirksam sind, es gibt nur noch keinen Nachweis“, erklärt er.

Einen Psychiater hinzuziehen

„Zur Behandlung einer schwerwiegenden andauernden Depression sollte ein Psychiater oder Psychosomatiker hinzugezogen werden“, sagt Ladwig. Das gilt dem Münchner Mediziner zufolge ganz besonders auch für die vielen Patienten mit Herzinsuffizienz, die einen implantierbaren Defibrillator (ICD) zum Verhindern eines plötzlichen Herztods durch bösartige Herzrhythmusstörungen oder im fortgeschrittenen Verlauf auch ein Linksherz-Unterstützungs-System (LVAD) benötigen.

 
Zur Behandlung einer schwerwiegenden andauernden Depression sollte ein Psychiater oder Psychosomatiker hinzugezogen werden. Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig
 

„Die psychologische Unterstützung dieser Patienten und ihrer Angehörigen muss integraler Bestandteil des langfristigen Behandlungsplans werden“, so die Forderung der Autorengruppe.

Depressionen noch zu häufig übersehen

„Das Problem ist in der derzeitigen Versorgungslandschaft, dass Depressivität bei Herzinfarkt- aber auch Herzinsuffizienz-Patienten noch zu häufig übersehen wird. Wahrscheinlich wird höchstens die Hälfte der tatsächlichen psychischen Störungen korrekt diagnostiziert. Und noch weniger wird optimal behandelt“, so Albus.

 
Das Problem ist…, dass Depressivität bei Herzinfarkt- aber auch Herzinsuffizienz-Patienten noch zu häufig übersehen wird. PProf. Dr. Christian Albus
 

Die Evidenz zeige, dass Hausärzte und Kardiologen ohne spezifisches Training häufig sowohl zeitlich als auch inhaltlich damit überfordert seien, psychische Komorbiditäten adäquat zu diagnostizieren und eine adäquate Therapie zu vermitteln. „Unter den derzeitigen Vergütungsstrukturen können die Hausärzte das auch gar nicht leisten“, sagt Albus.

ESCAPE-Studie: Hilft ein Care-Manager?

Ob die Einbeziehung einer weiteren Person, die sich speziell um die psychosozialen Bedürfnisse der Patienten kümmert, für Patienten mit Herzinsuffizienz von Vorteil ist, wird gerade untersucht. „In Deutschland und Europa beginnt gerade die ESCAPE-Studie“, berichtet Albus. Sie testet, ob die Unterstützung des Hausarztes und des Kardiologen im Dreieck mit dem erkrankten Patienten durch einen Care-Manager dazu beiträgt, dass Herzinsuffizienz-Patienten, die psychisch belastet sind, sich besser entwickeln als Patienten, die eine Routinebehandlung erhalten.“

 
Herzinsuffizienz-Patienten sind sich oft auch gar nicht darüber im Klaren, dass ihre schlechte psychische Verfassung bedeutsam ist. PProf. Dr. Christian Albus
 

Der Kölner Psychosomatiker spricht sich auch für eine bessere Aufklärung der Patienten aus: „Herzinsuffizienz-Patienten sind sich oft auch gar nicht darüber im Klaren, dass ihre schlechte psychische Verfassung bedeutsam ist. Viele sehen Gefühle von Schwäche und Abgeschlagenheit primär als eine körperliche Symptomatik.“

 

Kommentar

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