Auch Männer leiden an Essstörungen – nur werden Anzeichen wie Fitnesswahn oft übersehen. Was eine Expertin rät

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

21. März 2022

Instagram, TikTok oder auch „Germany’s Next Topmodel“ haben Folgen für die Gesundheit mancher Mädchen und Frauen. Aber Essstörungen, die zu den gravierendsten gesundheitlichen Folgen gezählt werden, beschränken sich nicht auf das weibliche Geschlecht. 

Auch Männer können an Magersucht und Bulimie erkranken. In 25 bis 30% der Fälle werde die Diagnose einer Esssörung bei einem Mann getroffen, berichtet die Psychologin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Barbara Mangweth-Matzek von der Medizinischen Universität Innsbruck. Solche Diagnosen seien allerdings schwierig, auch weil Männer noch seltener als erkrankte Frauen Hilfe suchten.

Essstörungen: Männer und Frauen haben ähnliche Symptome

Obwohl nach Angaben der Wissenschaftlerin erste klinische Beschreibungen von Essstörungen aus dem 17. Jahrhundert Männer betroffen hätten, würden „Anorexia nervosa bzw. Bulimia nervosa nach wie vor als typische Frauenerkrankungen angesehen“. Männer seien nach 300 Jahren Medizin- und Psychiatrie-Geschichte immer noch ein „Faszinosum“, so die Expertin. Inzwischen gebe es jedoch auch Forschung zu „männerspezifischen“ Aspekten von Essstörungen. Systematisch erforscht würden diese seit 1980. Die Männer-Rate bei entsprechenden Diagnosen beträgt Untersuchungen der letzten Jahre zufolge 25 bis 30%. 

 
Anorexia nervosa bzw. Bulimia nervosa werden nach wie vor als typische Frauenerkrankungen angesehen. Prof. Dr. Barbara Mangweth-Matzek
 

Die Symptome einer Essstörung seien, wie die Innsbrucker Psychologin berichtet, bei Männern und Frauen im Wesentlichen gleich. Zu den Kernkriterien der Anorexie-Symptomatik zählen eine selbstinduzierte Gewichtsabnahme mit der Folge von Untergewicht, Gewichtsphobie trotz Untergewicht und eine Körperbildstörung bzw. eine nicht vorhandene Krankheitseinsicht. Auch bei der Bulimia nervosa gebe es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern. Anorektische Männer hätten allerdings im Unterschied zu Frauen häufig Übergewicht in der Vorgeschichte.

Zu wenig beachtet werde in diesem Zusammenhang sportliche Überaktivität, die extrem ausgeprägt sein könne, berichtet Mangweth-Matzek. Da Sport immer noch als Synonym für Gesundheit gesehen werde, würden Symptome häufig nicht erkannt. Außerdem sei es sehr schwierig, „im Kontext von Sport“ pathologische Muster zu erkennen. So gibt es laut Mangweth-Matzek wissenschaftliche Befunde, nach denen Männer häufig „Extremsport“ als bulimische Kompensationsmethode anwenden würden – ohne das für Frauen sehr typische Erbrechen. 

Muskulöser Körper und Essstörung

Eine Besonderheit der Essstörung bei Männern sei, dass Betroffenen nach einem übermäßig muskulösen Körper mit geringstmöglichem Fettanteil streben würden. Regelmäßiges Krafttraining sowie klare Essensvorgaben dominierten den Alltag, berichtet die Expertin. Damit verknüpft sei die sogenannte Muskeldysmorphie, ein gestörtes Selbstbild. Patienten erscheint die Ausprägung der eigenen Muskulatur im Vergleich zu ihrer Idealvorstellung nie ausreichend.

Viele Ärzte und Forscher seien der Meinung, dass die Online-Werbung mit muskulösen Männerkörpern eine schädliche Wirkung auf das Selbstwertgefühl junger Männer haben könne, da die nicht enden wollenden Bilder von Sixpacks und Boyband-Gesichtern ihnen das Gefühl gebe, unzulänglich zu sein, erklärt der US-Journalist Alex Hawgood.

Das Streben nach perfekten Brustmuskeln sei so ausgeprägt, dass Psychiater es inzwischen manchmal als „Bigorexie“ bezeichneten, eine Form der Muskeldysmorphie, die vor allem bei Männern auftrete und unter anderem durch übermäßiges Gewichte-Stemmen und eine „Diät“ mit Nahrungsmitteln gekennzeichnet sei, die das Gewicht senkten und Muskeln aufbauten, schreibt Hawgood. Die Krankheit könne auch dazu führen, dass junge Männer von ihrem Aussehen besessen seien und sich ständig oder überhaupt nicht im Spiegel betrachteten.

Besonders homo- und bisexuelle Männer betroffen

Untersuchungen zeigten laut der Innsbrucker Psychologin, dass Ess-Störungen bei Männern mit homo- oder bisexueller Orientierung öfter auftreten würden. Homosexuelle Männer seien mit 2 bis 8% deutlich häufiger betroffen als heterosexuelle mit 0,3 bis 2%. 

Als Grund dafür werden verschiedene Erklärungen angeführt: „Nicht-heterosexuelle Männer erleben ihren Körper oft als Objekt, welches einem schlanken, muskulösen Schönheitsideal unterworfen und damit auch häufig mit Körperunzufriedenheit assoziiert ist“, erklärt die Wissenschaftlerin. Zudem könne die Essstörung als Folge von Stress auftreten, dem sie als Angehörige einer gesellschaftlichen Minderheit ausgesetzt seien.

Doppelte Stigmatisierung erschwert Suche nach Hilfe

Betroffene beiderlei Geschlechts schämten sich, stritten die Erkrankung ab und zögen sich zurück, erklärt Mangweth-Matzek. Bei Männern komme hinzu, dass sie, so die öffentliche Wahrnehmung, unter einer typischen Frauenerkrankung leiden würden. Das komme einer doppelten Stigmatisierung gleich. „Dass Betroffene ihr Essstörungsleid von sich aus ansprechen, ist deshalb kaum zu erwarten. Gestörtes Essverhalten muss entweder routinemäßig oder bei Verdacht in der ärztlichen oder therapeutischen Praxis klar und empathisch erfragt werden“, betont die Expertin.

Wie viele andere psychisch kranke Menschen gehen essgestörte Betroffene häufig nicht zu einem Therapeuten oder warten Jahre, bis sie Hilfe beanspruchen. Die Doppelstigmatisierung bei essgestörten Männern trage zusätzlich zur „Behandlungsnichtbereitschaft“ bei, weiß Mangweth-Matzek. 

 
Dass Betroffene ihr Essstörungsleid von sich aus ansprechen, ist deshalb kaum zu erwarten. Prof. Dr. Barbara Mangweth-Matzek
 

Therapien bei Frauen und bei Männern

Die ambulante oder stationäre Behandlung basiere bei beiden Geschlechtern auf gleichen Prinzipien, erklärt die Autorin weiter. Bei Anorexie stehe die Gewichtszunahme mittels hyperkalorischer Nahrungszufuhr im Mittelpunkt, bei Bulimie die Einstellung der Essattacken und der folgenden Kompensations-Verhaltensweisen. Bei beiden Erkrankungen geh es um eine Neustrukturierung des Essverhaltens. 

In der Einzeltherapie seien Erkennen von Ängsten, Glaubenssätzen, Wiedererlangen von Vertrauen in den Körper, in sich selbst und in das soziale Gefüge wichtige Themen. Das wesentliche Ziel scheine die Schaffung einer fürsorglichen Beziehung zu sich selbst zu sein, die bei Menschen mit Essstörungen oft nicht mehr vorhanden oder massiv gestört sei. 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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