Neues zur ECMO-Mortalität und zum Nutzen einer 4. Dosis; Impfempfehlung für Stillende; Impfstoff-Patente vor Freigabe?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

17. März 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 17. März 2022

Mittlerweile hat die 7-Tage-Inzidenz die Marke von 1.600 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner deutlich überschritten. Der Wert steigt laut Robert Koch-Institut (RKI) auf 1.651,4 von 1.607,1 am Vortag. Bundesweit wurden 294.931 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden gemeldet (Vorwoche: 262.752 weitere Fälle). Weitere 278 Patienten sind in Zusammenhang mit COVID-19 gestorben. Damit erhöht sich die Zahl der Toten auf 126.420.

Laut DIVI-Intensivregister waren am 16. März genau 2.304 COVID-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 7 mehr als am Vortag. Aktuell sind 864 Betten im Low-Care- und 1.970 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 458 freie ECMO-Behandlungsplätze.

  • Heute beraten und Länder zur Corona-Lage

  • Wieder mehr PCR-Tests in Deutschland

  • Hohe Kosten durch SARC-CoV-2: Welche Einsparungen das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz bringen soll

  • Impfstoff-Patente vor der Freigabe?

  • ECMO: Hohe Mortalität in Deutschland – woran könnte es liegen?

  • Stillende gegen SARS-CoV-2 impfen: Diese Vakzine empfehlen Wissenschaftler

  • Geschmacksverlust bei COVID-19: Neue Spur im Erbgut

Heute beraten und Länder zur Corona-Lage

Am heutigen Donnerstag diskutieren Vertreter von Bund und Ländern das weitere Vorgehen zur Kontrolle der Pandemie. Kommenden Sonntag laufen viele der Beschränkungen aus, wie Medscape berichtet hat. Ziel der Besprechung ist, ein möglichst einheitliches Vorgehen zu definieren. Welche Maßnahmen vor Ort umgesetzt werden, liegt künftig in der Hand der Länder.

Wieder mehr PCR-Tests in Deutschland

Seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie erheben die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) wöchentlich Daten. So wurden in der 10. Kalenderwoche 2022 erstmals seit Ende Januar wieder mehr SARS-CoV-2-PCR-Tests angefordert. Die Gesamtzahl stieg um 23% gegenüber der Vorwoche auf insgesamt 2.170.268 Untersuchungen (KW 9: 1.757.935, KW 8: 1.885.655, KW 7: 2.048.786).

Insgesamt wurden 1.168.896 PCR-Tests positiv befundet (KW 9: 912.126, KW 8: 860.287, KW 7: 950.651), was einer Steigerung von 28% entspricht. Dabei lag die Auslastung in Bezug auf SARS-CoV-2-PCR-Tests bei bundesweit 78% (Vorwoche: 63%).

Hohe Kosten durch SARC-CoV-2: Welche Einsparungen das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz bringen soll

Deutschland befindet sich im 3. Jahr der Corona-Pandemie, und gesetzliche Krankenkassen stöhnen angesichts der Kosten. Sie erwarten in 2023 ein historisches Defizit von 23 Milliarden Euro. Jetzt greift die Regierung durch; ein Referentenentwurf des neuen GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes kursiert. Das plant Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD):

  • GKVen sollen nicht benötigte Finanzreserven abschmelzen.

  • Der staatliche Zuschuss soll ab 2023 um 5 Milliarden Euro auf jährlich 19,5 Milliarden Euro erhöht werden.

  • Geplant ist, das sogenannte Preismoratorium, eine Maßnahme gegen Preiserhöhungen pharmazeutischer Hersteller, zu verlängern.

  • Der Apothekenabschlag, ein Rabatt auf verschreibungspflichtige Arzneimittel, soll von 1,77 auf 2,00 Euro erhöht werden.

  • Lauterbach will ab 2023 auch die Umsatzsteuer auf Medikamente von 19% auf 7% absenken.

  • Bei Orphan Drugs soll die Umsatzschwelle, bei der eine Nutzenbewertung gemäß Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) stattfindet, von 40 auf 20 Millionen Euro im Jahr abgesenkt werden.

Impfstoff-Patente vor der Freigabe?

Laut Bloomberg hat die Welthandelsorganisation (WTO) Fortschritte bei Gesprächen zur Freigabe von Impfstoffpatenten erzielt. WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala sprach von einem „Durchbruch“. Die erforderliche Zustimmung aller 164 WTO-Mitglieder stehe aber noch aus.

Laut Kompromiss könnten Entwicklungsländer Inhaltsstoffe und Verfahren zur Herstellung von COVID-19-Vakzinenen mit Zustimmung der Rechteinhaber nutzen. COVID-19-Tests, COVID-19-Therapeutika und andere Arzneimittel fallen nicht unter den Vorschlag, was Indien und Südafrika ursprünglich gefordert hatten.

Die Vereinbarung soll nur für Entwicklungsländer gelten, deren Anteil am weltweiten COVID-19-Impfstoffexport geringer als 10% ist. Damit wäre China nicht berechtigt, auf geistige Eigentumsrechte für die Covid-19-Impfstoffproduktion zu verzichten.

Neue Daten aus Israel: Was bringt die 4. Impfdosis?

In einer offenen, nicht randomisierten klinischen Studie haben Forscher aus Israel die Immunogenität und Sicherheit einer 4. Dosis von BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) oder mRNA-1273 (Moderna) untersucht.

Von 1.050 Mitarbeitern im Gesundheitswesen erhielten 154 die 4. Dosis BNT162b2 und 120 die 4. Dosis mRNA-1273. Für jeden Teilnehmer wurden 2 altersgleiche Kontrollen aus den verbleibenden in Frage kommenden Teilnehmern ausgewählt.

Beide mRNA-Impfstoffe induzierten IgG-Antikörper gegen die rezeptorbindende Domäne von SARS-CoV-2, wobei jeder Titer durch die Viertimpfung um den Faktor 9 bis 10 erhöht wurde. Es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Impfstoffen. Gleichzeitig nahmen die Antikörperspiegel in der Kontrollgruppe ohne Viertimpfung ab.

Insgesamt waren 25,0% der Teilnehmer in der Kontrollgruppe mit der Omikron-Variante infiziert, im Vergleich zu 18,3% der Teilnehmer in der BNT162b2-Gruppe und 20,7% der Teilnehmer in der mRNA-1273-Gruppe. Die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen jegliche SARS-CoV-2-Infektion betrug 30% (95%-Konfidenzintervall [KI] -9 bis 55) für BNT162b2 und 11% (95%-KI -43 bis 44) für mRNA-1273. Die Wirksamkeit des Impfstoffs wurde für die Verhinderung einer symptomatischen Erkrankung höher eingeschätzt (43% für BNT162b2 und 31% für mRNA-1273).

Die meisten Infizierten berichteten sowohl in der Kontroll- als auch in der Interventionsgruppe über vernachlässigbare Symptome. Sie waren jedoch potenziell infektiös und wiesen eine relativ hohe Viruslast auf.

„Unsere Daten belegen, dass eine vierte Dosis des mRNA-Impfstoffs immunogen, sicher und einigermaßen wirksam ist (vor allem gegen symptomatische Erkrankungen)“, fassen die Autoren zusammen.

ECMO: Hohe Mortalität in Deutschland – woran könnte es liegen?

Wie Medscape berichtet hat, ist die Mortalität von COVID-19-Patienten unter einer extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) in Deutschland ungewöhnlich hoch. Erste Daten waren mit großen Unsicherheiten verbunden. Eine neue Kohortenstudie festigt das Bild.

Die Autoren identifizierten anhand der diagnostischen Codes (ICDs) und anhand der Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPSs) alle COVID-19-Patienten, die eine ECMO-Therapie erhielten. Sie haben zwischen der VA-ECMO (veno-arterielle extrakorporale Membranoxygenierung) und der VV-ECMO (veno-venöse extrakorporale Membranoxygenierung) unterschieden.

Analysiert wurden Daten von 4.279 COVID-19-Patienten. Bei 404 Patienten, die mit VA-ECMO und 3875 Patienten, die mit VV-ECMO behandelt wurden, war die Krankenhausmortalität hoch: 72% (n=291) bei VA-ECMO und 65,9% (n=2.552) bei VV-ECMO.

Insgesamt waren 43,2% (n=1.848) aller Patienten älter als 60 Jahre mit einer Krankenhausmortalität von 72,7% (n=172) bei VA-ECMO und 77,6% (n=1301) bei VV-ECMO. Eine Herz-Lungen-Wiederbelebung wurde bei 44,1% (n=178) der Patienten mit VA-ECMO und bei 16,4% (n=637) der Patienten mit VV-ECMO durchgeführt.

Die Sterblichkeitsraten schwankten in den einzelnen Monaten stark von 48,1% bis 84,4%; sie verschlechterten sich von März 2020 (59,2%) bis September 2021 (78,4%).

„In Deutschland wurde ein großer Teil der älteren Patienten mit COVID-19 mit ECMO behandelt, was zu einer inakzeptabel hohen Krankenhaussterblichkeit führte“, so das Fazit der Autoren. Sie fordern, Patienten sorgfältiger auszuwählen. „Ein fortgeschrittenes Alter sollte als relative Kontraindikation betrachtet werden“, heißt es in der Veröffentlichung.

„Die Ärzte hierzulande machen keine schlechte Medizin, und die ECMO ist eine wunderbare Therapie, die wir nicht missen wollen“, sagt Studienleiter Dr. Benjamin Friedrichson vom Universitätsklinikum Frankfurt. „Bei jüngeren Menschen sind die Ergebnisse auch sehr gut.“ Allerdings würden in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern viele Ältere per ECMO behandelt.

Stillende gegen SARS-CoV-2 impfen: Diese Vakzine empfehlen Wissenschaftler

COVID-19 nimmt bei Kindern zwar einen milden Verlauf, Neugeborene und Säuglinge sind jedoch anfälliger für schwere Erkrankungen. Muttermilch spielt eine wichtige Rolle beim Schutz vor Infektionen, was vor allem auf spezifische Antikörper zurückzuführen ist. Deshalb untersuchten Forscher, wie sich SARS-CoV-2-Antikörpertiter in der Muttermilch durch Impfungen verändern.

Ihre Studie wurde in den Niederlanden durchgeführt. Hier standen insgesamt 4 Vakzine zur Verfügung: 2 mRNA-basierte Impfstoffe (BNT162b2 von BioNTech/Pfizer, und mRNA-1273 von Moderna) und 2 vektorbasierte Impfstoffe (AZD1222 von AstraZeneca und Ad26.COV2.S von Johnson & Johnson).

Stillende Frauen, die eine vollständige Impfung mit einem dieser Impfstoffe erhalten hatten, kamen für die Teilnahme an dieser prospektiven Längsschnittstudie in Frage. Jede Teilnehmerin sammelte über einen Zeitraum von 100 Tagen 17 Milchproben. Die Datenerhebung fand von Januar bis Juli 2021 statt. Ein Enzymimmunoassay mit dem SARS-CoV-2-Spike-Protein wurde verwendet, um IgA- und IgG-Antikörper zu bestimmen.

Teilnehmerinnen mit SARS-CoV-2-spezifischen Antikörpern in ihrer Milch zu Studienbeginn (n=9 für IgA und n=3 für IgG) oder einem früheren positiven Polymerase-Kettenreaktionstest (n=7) wurden ausgeschlossen, so dass insgesamt 1.650 Proben von 124 stillenden Müttern zur Verfügung standen.

Bei fast allen Teilnehmerinnen, die einen mRNA-basierten Impfstoff erhalten hatten, war IgA in der Milch nachweisbar, und zwar bei 25 von 26 (96%) bzw. bei 37 von 38 (97%) nach Impfungen mit BNT162b2 und mRNA-1273. Bei Teilnehmerinnen, die einen vektorbasierten Impfstoff erhalten hatten, war dieser Anteil deutlich geringer. Nur 13 von 33 (39%) bzw. 10 von 21 (48%) hatten nach Impfungen mit AZD1222 und Ad26.COV2.S nachweisbare IgA-Antikörper.

Nach beiden Dosen der Impfstoffe BNT162b2, mRNA-1273 und AZD1222 fanden Wissenschaftler bei allen Teilnehmerinnen IgG-Antikörper. Bei mRNA-basierten Impfstoffen war dies jedoch erst an Tag 23 und Tag 32 nach der 1. Dosis der Fall, während nach dem AZD1222-Impfstoff alle Teilnehmer an Tag 94 IgG aufwiesen. Nach der Impfung mit Ad26.COV2.S, bei der es sich um nur 1 Dosis handelt, konnte man bei 6 von 23 (28 %) Teilnehmerinnen IgG in ihrer Milch nachweisen.

„Basierend auf diesen Daten schlagen wir vor, dass ein mRNA-basierter Impfstoff die optimale Wahl für stillende Frauen ist, wenn sie Antikörper auf ihre Säuglinge übertragen möchten“, so die Empfehlung der Autoren.

Geschmacksverlust bei COVID-19: Neue Spur im Erbgut

Je nach Studie berichten bis zu 80% aller Personen, die an COVID-19 erkrankt waren, von vorübergehenden oder dauerhaften Veränderungen ihres Geschmackssinns. Doch welche Mechanismen liegen dem Phänomen zugrunde?

Ob die die Zunge und speziell die Geschmacksknospen überhaupt ACE2-Rezeptoren tragen, ist unklar. Solche Bindungsstellen finden sich beispielsweise an Zellen der Lunge, des Herzens, der Nieren, des Darms und des Gehirns.

Forscher an der Augusta University in Georgia haben die Fragestellung molekularbiologisch untersucht. Ihre vorläufigen Daten deuten darauf hin, dass sowohl ACE2 als auch TMPRSS2 dazu beiträgt, dass SARS-CoV-2 Zellen der Zunge infizieren kann. TMPRSS2 ist eine Transmembran-Serinproteinase. Alle Ergebnisse kommen aus Tierexperimenten; die Forscher hatten mit der CRISPR-Cas-Technologie transgene Mäuse hergestellt. Im nächsten Schritt wollen die Forscher klären, ob sich ihr Befund auf Menschen übertragen lässt.

 

Kommentar

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