ESC schließt Russland und Belarus aus – kontroverse Diskussion über Einmischung in Politik

Interessenkonflikte

15. März 2022

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (European Society of Cardiology, ESC) hat die Mitgliedschaft der kardiologischen Gesellschaften in Russland und Belarus vorübergehend ausgesetzt und damit eine hitzige Diskussion darüber entfacht, ob sich medizinische Organisationen in die Politik einmischen sollten.

„Angesichts der anhaltenden Aggression gegen die Ukraine durch die Führungen der Russischen Föderation und von Belarus hat die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) die Mitgliedschaften der russischen und belarussischen kardiologischen Fachgesellschaften in der ESC vorübergehend ausgesetzt“, heißt es in einer Erklärung der Gesellschaft.

„Personen, die ihren Sitz in der Russischen Föderation oder in Belarus haben, sind von der aktiven Teilnahme an Veranstaltungen oder Aktivitäten der ESC ausgeschlossen“, heißt es weiter. „Die ESC bedauert die Auswirkungen, die dies auf einzelne russische und belarussische Kardiologen und Wissenschaftler haben könnte, aber die Botschaft an die jeweilige Landesführung muss klar und unmissverständlich sein.“

Diese Maßnahme des ESC hat zu heftigen Diskussionen geführt.

Diskussionen bei Twitter

In einem Twitter-Thread zu diesem Thema schreibt der italienische Kardiologe Dr. Giuseppe Galati: „Eine erstaunliche Entscheidung der ESC, die alle russischen und belarussischen Wissenschaftler von Kongressen und Aktivitäten der ESC ausschließt. Ärzte und Wissenschaftler werden behandelt, als wären sie Putin und mithin für den Krieg verantwortlich.“ Er fügt hinzu: „Das ist eine starke Botschaft, die uns an die Zeit vor 70 Jahren erinnert. Der ESC fördert Ausgrenzung und nicht die Einbeziehung und Vielfalt.“

Ein anderer Kommentator meint: „Es ist eine sehr unglückliche Entscheidung. Wissenschaft und Medizin sollten sich nicht in die Politik einmischen. Wir sind Kollegen, die auf Kongressen zusammenkommen, um Informationen zum Wohle unserer Patienten auszutauschen. Dies sollte nicht von der Politik überschattet werden.“

Und ein weiterer fügte hinzu: „Ich denke, die meisten Kardiologen aus Russland werden ohnehin nicht an den Veranstaltungen teilnehmen können, da internationale Zahlungen von Russland aus bald unmöglich sein werden. Aber es ist falsch, die Rechte von Ärzten aufgrund ihrer Nationalität einzuschränken.“

Andere unterstützen jedoch die Haltung des ESC. So meint der polnische Kardiologe Dr. Blazej Michalski: „Ich halte es für eine gute Entscheidung. Wenn die Russen Putins Diktatur nicht aktiv unterstützen, ist das Schweigen auch eine Zustimmung.“ Und: „Ich bin stolz auf den ESC. Sie haben getan, was sie tun sollten.“

 
Ärzte und Wissenschaftler werden behandelt, als wären sie Putin und mithin für den Krieg verantwortlich. Dr. Giuseppe Galati
 

Der Kardiologe Dr. Ali Elzieny aus Boston fragte auf Twitter: „Sind Sie damit einverstanden, dass die ESC die Mitgliedschaft der Russischen Gesellschaft für Kardiologie aussetzt?“. Bisher haben 1.300 Personen an der Umfrage teilgenommen: 61% der Befragten waren mit der ESC-Entscheidung nicht einverstanden, 39% stimmten dafür.

Medizinische Fachgesellschaften reagieren

Auch eine Reihe medizinischer Fachgesellschaften hat Mitteilungen herausgegeben, in denen sie die ESC-Maßnahme ablehnen.

Das American College of Cardiology erklärte, die Medizin solle über der Politik stehen. „Das ACC vertritt die Auffassung, dass die Patienten an erster Stelle stehen, und jetzt ist es mehr denn je notwendig, unsere Mitglieder auf der ganzen Welt zu unterstützen, um sicherzustellen, dass sie die Unterstützung und die Ressourcen erhalten, die sie für die Versorgung ihrer Patienten benötigen“, sagte ACC-Präsident Dr. Dipti Itchhaporia.

 
Jetzt ist es mehr denn je notwendig, unsere Mitglieder auf der ganzen Welt zu unterstützen. Dr. Dipti Itchhaporia
 

„Die Medizin steht über der Politik, und das ACC wird keine Kollegen ausschließen, die sich für die gemeinsame Mission der Verbesserung der Herzgesundheit einsetzen. Das College blickt auf eine lange Geschichte der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zur Verbesserung der Herzgesundheit zurück und bleibt diesem Ziel auch in Zukunft verpflichtet. Das ACC bringt weiterhin seine Unterstützung und Sorge für unsere Mitglieder in der Ukraine und die Patienten, die sie an vorderster Front behandeln, zum Ausdruck“, heißt es in der ACC-Erklärung weiter.

Die Arbeitsgruppe Telekardiologie der International Society for Telemedicine & eHealth (ISFTEH) gab ebenfalls eine Erklärung ab, in der sie sich mit dem Vorgehen der ESC nicht einverstanden zeigte: „Angesichts der jüngsten Ereignisse wird die Kardiologie-Arbeitsgruppe der ISFTEH den Zugang zu ihren Veranstaltungen für Kardiologen nicht aufgrund ihrer Nationalität, ihrer religiösen Überzeugung oder anderer Merkmale, die diskriminierend erscheinen könnten, beschränken. Wir sind der Meinung, dass medizinische Informationen für alle zugänglich sein sollten, und das vor allem für jene Ärzte, die sich in Schwierigkeiten befinden.“

 
Die EAN sucht nach Möglichkeiten, ukrainische Neurologinnen und das dortige medizinische Personal in praktischer Weise zu unterstützen. Europäische Akademie für Neurologie (EAN)
 

Die Europäische Akademie für Neurologie (EAN) äußerte sich so: „Die EAN sucht nach Möglichkeiten, ukrainische Neurologinnen und das dortige medizinische Personal in praktischer Weise zu unterstützen. Der Ausschluss einzelner Mitglieder aufgrund ihres Wohnsitzes, ihrer Nationalität oder ihrer Mitgliedschaft in einer nationalen Organisation wird von der EAN nicht erwogen.“

Eine onkologische Fachgruppe hat allerdings ihre Verbindungen zu Russland gekappt: Das internationale Onkologennetzwerk OncoAlert gab eine Erklärung heraus, die Aufkündigung jeglicher Zusammenarbeit mit russischen Ärztinnen im Zuge der westlichen Sanktionen mitteilte.

„Das OncoAlert-Netzwerk ist unpolitisch. Allerdings können wir nicht untätig bleiben und nicht gegen diese Aggression gegen unsere ukrainischen Freunde und Kolleginnen Stellung beziehen.“ Gleichzeitig verkündete OncoAlert, sich aus allen Kooperationen und Kongressen in Russland zurückziehen zu wollen. Nach dieser Erklärung hagelte es auch auf Twitter Kritik, die hauptsächlich von russischen Nutzern kam.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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