Weltweit 3-mal mehr Tote als gemeldet? Neue Höchstwerte bei Corona-Infektionen; Impfempfehlungen für Flüchtlinge

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

14. März 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 14. März 2022

Neue Rekordwerte bei der COVID-19-Pandemie: Das Robert Koch-Institut (RKI) meldet 92.378 weitere Infektionen mit SARS-CoV-2 innerhalb der letzten 24 Stunden. Am Montag vor 1 Woche waren es 78.428 positive Tests. Die 7-Tage-Inzidenz stieg im bundesweiten Schnitt auf 1.543,0 Infektionen pro 100.000 Einwohner (Vortag: 1.526,8). 19 weitere Menschen sind im Zusammenhang mit COVID-19 gestorben. Damit erhöht sich die Zahl der Todesfälle in Deutschland auf 125.590.

Als 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz nennt das RKI 6,62 Fälle pro 100.000 Einwohner, Stand 11. März, verglichen mit 6,74 am 10. März.

Laut DIVI-Intensivregister waren am 13. März genau 2.193 COVID-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 80 mehr als am Vortag. Aktuell sind 1.059 Betten im Low-Care- und 2.359 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 460 freie ECMO-Behandlungsplätze.

„Deutschland hat jetzt höchste Corona-Inzidenz in Europa“, schreibt Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD) auf Twitter. Die Tendenz steige, und es gebe viele Tote. „Ungeimpfte sollten sich dringend impfen lassen“, so Lauterbach. „Geimpfte sind jetzt oft unvorsichtig. Sie wissen, dass sie sich infizieren können, aber meist nicht schwer erkranken.“ Ungeimpfte seien hingegen schutzlos.

  • Übersterblichkeit: 18 Millionen COVID-19-Tote – hohe Dunkelziffer in Statistiken

  • Nicht nur COVID-19: Welche Impfungen sind für Flüchtlinge wichtig?

  • WHO: 3 Impfungen sind das Minimum

  • Nach Ende der Schutzmaßnahmen mehr Nicht-SARS-CoV-2-Infektionen

  • Rekonvaleszenten-Plasma nicht mehr empfehlenswert

  • Kognitive Beeinträchtigungen bei älteren COVID-19-Patienten mit schwerem COVID-19 wahrscheinlicher

Übersterblichkeit: 18 Millionen COVID-19-Tote – hohe Dunkelziffer in Statistiken

Eine neue Analyse in The Lancet geht der Frage nach, wie viele Menschen weltweit in Zusammenhang mit COVID-19 gestorben sind. Grundlage der Veröffentlichung waren unterschiedliche Datenquellen aus 74 Ländern. Fehlende Angaben versuchten die Autoren statistisch zu modellieren.

„Obwohl sich die Zahl der gemeldeten COVID-19-Todesfälle zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 31. Dezember 2021 weltweit auf 5,94 Millionen belief, schätzen wir, dass in diesem Zeitraum weltweit 18,2 Millionen Menschen an den Folgen der COVID-19-Pandemie starben (gemessen an der Übersterblichkeit)“, schreiben die Forscher.

Die globale altersübergreifende Übersterblichkeitsrate aufgrund der COVID-19-Pandemie betrug 120,3 Todesfälle pro 100.000 Einwohner, und in 21 Ländern lag die Übersterblichkeitsrate über 300 Todesfälle pro 100.000 Einwohner.

Auf Länderebene wurden die höchsten Zahlen kumulativer Todesfälle aufgrund von COVID-19 in Indien (4,07 Millionen), in den USA (1,13 Millionen), in Russland (1,07 Millionen), in Mexiko (798.000), in Brasilien (792.000), Indonesien (736.000) und Pakistan (664.000) errechnet. Für Deutschland geben die Autoren 203.000 zusätzliche Todesfälle an.

„Die Auswirkungen der Pandemie waren weitaus größer, als es die gemeldeten Todesfälle aufgrund von COVID-19 allein vermuten lassen“, heißt es als Resümee. Weltweit sei eine bessere Überwachung – auch hinsichtlich künftiger Pandemien – erforderlich.

Nicht nur COVID-19: Welche Impfungen sind für Flüchtlinge wichtig?

Vakzine gelten als ideale Strategie, um die COVID-19-Mortalität – und die Sterblichkeit durch andere Infektionserkrankungen – zu vermindern. Wenn geflüchtete Menschen aus Kriegs- oder Krisengebieten, wie der Ukraine, nach Deutschland kommen, sollten ihnen frühzeitig alle Impfungen angeboten werden, die die Ständige Impfkommission (STIKO) für die in Deutschland lebende Bevölkerung empfiehlt“, schreibt das RKI in einer Handreichung. „Ein aktueller Impfschutz ist entscheidend, um die Gesundheit von Menschen, die ggf. zeitweise auf engem Raum leben müssen, individuell zu schützen und Ausbrüche zu verhindern.“

Dabei rät das RKI zu einer pragmatischen Vorgehensweise: Nicht dokumentierte Impfungen seien als fehlend zu betrachten.

Die wichtigsten Impfungen im Überblick:

Quelle: RKI

 

WHO: 3 Impfungen sind das Minimum

Apropos Impfungen: Eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte letzte Woche, sie unterstütze „nachdrücklich den dringenden und breiten Zugang“ zu COVID-19-Auffrischungsimpfungen. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass diese zusätzliche Immunisierung mit zugelassenen COVID-19-Impfstoffen angesichts der anhaltenden Verbreitung der äußerst ansteckenden Omikron-Variante ein hohes Maß an Schutz vor schweren Krankheiten und Tod biete.

Die WHO hat ihre frühere Position im Januar revidiert, indem sie sagte, dass Booster empfohlen würden, sobald die Länder über ausreichende Vorräte verfügten und ihre am stärksten gefährdeten Personen geschützt seien. Jetzt rät sie generell dazu.

„Die WHO hat jetzt die Booster-Impfung (3. Impfung) als vollständige Impfung deklariert. Jeder mit nur 2 Impfungen ist nicht vollständig geschützt. Auch für eine allgemeine Impfpflicht sind 3 Impfungen das Ziel. Schwere COVID-Verläufe sind dann selten“, fasst Lauterbach auf Twitter zusammen.

Nach Ende der Schutzmaßnahmen mehr Nicht-SARS-CoV-2-Infektionen

Bis Anfang April werden viele nicht-pharmazeutische Maßnahmen zum Schutz gegen COVID-19 obsolet, wie Medscape berichtet hat. Univadis.de weist in einem Beitrag auf Gefahren jenseits von COVID-19 hin.

Forscher werteten Daten über respiratorische und gastrointestinale Infektionskrankheiten zwischen 2017 und Mitte 2021 aus. Aufzeichnungen kamen aus 209 Allgemeinkrankenhäusern im Süden Israels. Ziel war, die Raten häufiger Infektionskrankheiten in verschiedenen Altersgruppen nach der erfolgreichen Impfkampagne in dem Land und in den ersten 3 Monaten nach der Lockerung der Beschränkungen zu bestimmen. Dabei erfassten die Wissenschaftler mehr als 1,2 Millionen Klinikaufenthalte von 386.711 Patienten im durchschnittlichen Alter von 27,29 Jahren.

Bei Kindern zwischen 0 und 3 Jahren erhöhte sich die Rate respiratorischer und gastrointestinaler Infektionen nach dem Ende der Einschränkungen um mehr als das 2,5-Fache. Annähernd verdoppelt war in allen Altersgruppen auch die Rate von Atemwegsinfektionen, die nicht durch SARS-CoV-2 verursacht wurden.

„Diese in Israel beobachteten Morbiditätstrends deuten darauf hin, dass ähnliche Trends in den kommenden Monaten in anderen Ländern auftreten könnten, nachdem COVID-19-Beschränkungen gelockert wurden“, so die Autoren.

Rekonvaleszenten-Plasma nicht mehr empfehlenswert

Zu Beginn der Pandemie, als es noch keine Vakzine und keine evidenzbasierten COVID-19-Therapien gab, galt Rekonvaleszenten-Plasma als großer Hoffnungsträger. Doch die Zeiten ändern sich. Ein Beitrag in JAMA kommt zu dem Ergebnis, dass diese behandlungsform kaum noch Relevanz hat.

Zum Hintergrund: Berichte aus Wuhan, die ab Anfang 2020 in  JAMA , in den Proceedings of the National Academy of Sciences und dem  Journal of Medical Virology  veröffentlicht worden waren, zeigten, dass die Viruslast bei COVID-19-Patienten abnahm und sich ihre Symptome nach Infusionen von Rekonvaleszentenplasma verbesserten. Aber die Studien umfassten nur insgesamt 21 Patienten; die Autoren aller 3 Artikel stellten fest, dass klinische Studien in größerem Umfang erforderlich seien, um die Ergebnisse zu bestätigen.

Eine kürzlich in JAMA Network Open veröffentlichte Metaanalyse, die Ergebnisse aus 8 randomisierten klinischen Studien mit 2.341 Krankenhauspatienten auswertete, fand keinen Nutzen. Weitere Veröffentlichungen in The Lancet oder im NEJM kommen zu ähnlich niederschmetternden Ergebnissen.

„Anstatt Zehntausenden eine ungetestete Behandlung anzubieten, hätten mehrere große klinische Studien durchgeführt werden können, sagt Prof. Dr. Kevin Schulman von der Stanford University School of Medicine. „Eine große Menge an Verzweiflung zu Beginn der Pandemie wandelte sich in Panik, nicht in Wissenschaft.“

Zwar zeigte eine multizentrischen Studie, in der 1.225 ambulante Patienten randomisiert wurden, deren COVID-19-Symptome innerhalb von 8 Tagen vor der Therapie begonnen hatten, einen Benefit. Rekonvaleszenzplasma mit hohem Antikörper-Titer verringerte Krankenhauseinweisungen innerhalb von 28 Tagen um 54%, verglichen mit Kontrollplasma von Spendern, die nicht an COVID-19 erkrankt waren.

Dennoch rät die Infectious Diseases Society of America (IDSA) dringend davon ab, Rekonvaleszentenplasma generell bei stationären COVID-19-Patienten einzusetzen. Bei ambulanten Patienten mit leichter bis mittelschwerer Erkrankung, bei denen ein hohes Risiko für schweres COVID-19 bestehe und die keine anderen Behandlungsoptionen hätten, sei die Infusion von Rekonvaleszentenplasma mit hohem Titer innerhalb von 8 Tagen nach Auftreten der Symptome besser als keine Infusion, so die IDSA-Leitlinie.

Die jüngste Überarbeitung der Emergency Use Authorization (EUA) der FDA für COVID-19-Rekonvaleszentenplasma, die am 28. Dezember 2021 veröffentlicht wurde, schränkt die Anwendung auf Patienten, die an einer immunsuppressiven Erkrankung leiden oder eine immunsuppressive Behandlung erhalten, ein. Auch die WHO äußert sich kritisch hinsichtlich der Anwendung.

Das hören nicht alle Forscher gern, aber mittlerweile gibt es etliche Alternativen.

Kognitive Beeinträchtigungen bei älteren COVID-19-Patienten mit schwerem COVID-19 wahrscheinlicher

Auch die Frage, welche Langzeitfolgen COVID-19 hat, beschäftigt Forscher weltweit. Für eine Kohortenstudie rekrutierten sie 3.233 COVID-19-Überlebende ab 60 Jahren, die vom 10. Februar bis 10. April 2020 aus 3 Krankenhäusern in Wuhan, China, entlassen worden waren. Ihre nicht infizierten Ehepartner (N=466) wurden als Kontrollen herangezogen. 6 und 12 Monate nach der Rekonvaleszenz erfassten Ärzte neurologische Funktionen bei den ehemaligen COVID-19-Patienten und zeitgleich bei den Kontrollen.

Teilnehmer mit kognitiven Beeinträchtigungen vor der Infektion, mit neurologischen Erkrankungen oder mit Demenzen in der Familienanamnese wurden ebenso ausgeschlossen wie Patienten mit schweren Herz-, Leber- oder Nierenerkrankungen oder mit Tumoren aller Art.

Die kognitive Leistung wurde anhand des Cognitive Status-40 (TICS-40) mit maximal 40 Punkten bestimmt. Ein Wert von 20 oder weniger galt als Hinweis auf eine leichte kognitive Beeinträchtigung und ein Wert von 12 oder weniger als Hinweis auf eine Demenz.

Unter 3.233 COVID-19-Überlebenden und 1.317 nicht infizierten Ehepartnern waren 1.438 Teilnehmer, die wegen COVID-19 stationät behandelt wurden (691 männlich [48,05%] und 747 weiblich [51,95 %]; mittleres Alter 69 Jahre). Hinzu kamen 438 nicht infizierte Kontrollpersonen (222 männlich [50,68%] und 216 weiblich [49,32%]; mittleres Alter 67 Jahre).

Die Inzidenz kognitiver Beeinträchtigungen bei Überlebenden 12 Monate nach der Entlassung betrug 12,45%. Personen mit schwerem COVID-19 hatten nach 12 Monaten niedrigere Scores im Telefoninterview als Personen mit leichter Erkrankung oder Kontrollpersonen (Median: schwer 22,50 Punkte, nicht schwer 30,00 Punkte, Kontrollen 31,00 Punkte). Schweres COVID-19 war mit einem höheren Risiko eines früh einsetzenden kognitiven Verfalls verbunden (Odds Ratio 4,87; 95%-KI 3,30-7,20).

 

Kommentar

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