Kohortenstudie: Risiko für psychische Erkrankungen nach COVID-19 erhöht

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

14. März 2022

Menschen, die eine COVID-19-Erkrankung überlebt haben, weisen ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen auf. Das ist das Ergebnis einer Kohortenstudie, die jetzt im BMJ erschienen ist [1].

Dr. Yan Xie, Epidemiologe am Clinical Epidemiology Center am VA Saint Louis Health Care System, Saint Louis, Missouri, und Kollegen hatten die nationalen Gesundheitsdatenbanken des US Department of Veterans Affairs ausgewertet, die Daten von über 11 Millionen Versicherten enthalten. Sie fanden heraus, dass Menschen, die an COVID-19 erkrankt waren, bis zu einem Jahr nach Erstinfektion ein höheres Risiko für Angstzustände, Depressionen, Drogenkonsum und Schlafstörungen tragen.

Xie und das Team werteten die Daten von 153.848 Personen aus, die zwischen März 2020 und Januar 2021 mindestens 30 Tage nach einem positiven PCR-Testergebnis überlebt hatten, und verglichen sie mit 2 Kontrollgruppen ohne COVID-19-Erkrankung: 5.637.840 Personen aus demselben Zeitraum und 5.859.251 Personen aus dem Jahr 2017 (vor der Pandemie). Die Teilnehmer waren überwiegend weiße Männer mit einem Durchschnittsalter von 63 Jahren.

Die Gruppe der COVID-19-Erkrankten teilten Xie und Kollegen dann weiter auf in diejenigen, die aufgrund des Krankheitsverlaufs ins Krankenhaus mussten, und diejenigen, bei denen das nicht der Fall war. Sie berücksichtigten potenzielle Einflussfaktoren wie Alter, Ethnie, Geschlecht, Lebensstil und Krankengeschichte. Alle 3 Gruppen wurden ein Jahr lang verfolgt.

Sie analysierten auch psychiatrische Diagnosen bei über 72.000 Patienten, die vor der Pandemie an Influenza erkrankt waren, und rund 790.000 Patienten, die aus anderen Gründen stationär aufgenommen werden mussten.

Risiko, infolge von COVID-19 psychisch zu erkranken, um 60% erhöht

Im Vergleich zur nicht infizierten Kontrollgruppe wiesen Personen mit COVID-19 nach einem Jahr ein um 60% höheres Risiko für eine psychische Diagnose oder eine Verschreibung auf (das entspricht 64 zusätzlichen Personen pro 1.000 Personen).

Als die Forscher die psychischen Störungen separat untersuchten, stellten sie fest, dass COVID-19 nach einem Jahr mit zusätzlichen 24 pro 1.000 Menschen mit Schlafstörungen, 15 pro 1.000 mit depressiven Störungen, 11 pro 1.000 mit neurokognitiven Beeinträchtigungen und 4 pro 1.000 mit nicht-opioidem Substanzmittelmissbrauch verbunden war.

Ähnliche Ergebnisse zeigten sich beim Vergleich der COVID-19-Gruppe mit der Kontrollgruppe aus der Zeit vor der Pandemie.

Die Risiken dafür, infolge von COVID-19 psychisch zu erkranken, waren am höchsten bei Personen, die während der akuten Phase von COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden, aber auch bei Personen, die ambulant behandelt werden konnten.

Bei hospitalisierten Patienten war das Risiko für eine psychiatrische Diagnose im 1. Jahr nach der Erkrankung mehr als 3-mal so hoch wie bei Personen ohne COVID-19-Erkrankung. Bei COVID-19-Patienten, die ambulant behandelt werden konnten, war das Risiko immer noch um 40% erhöht.

 
Die Bekämpfung von psychischen Störungen bei Überlebenden von COVID-19 sollte deshalb Priorität haben. Dr. Yan Xie und Kollegen
 

Menschen mit COVID-19 wiesen auch ein höheres Risiko für psychische Störungen auf als Menschen mit saisonaler Influenza. Es zeigte sich auch, dass Menschen, die wegen COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, ein höheres Risiko für psychische Störungen aufwiesen als Menschen, die aus anderen Gründen in die Klinik mussten.

„Wir haben festgestellt, dass das Risiko für psychische Störungen bei Menschen mit COVID-19 erheblich ist. Es schließt mehrere Kategorien ein – darunter Angstzustände, Depressionen, Stress und Anpassungsstörungen, Opioid- und andere Substanzkonsumstörungen, kognitiven Abbau und Schlafstörungen“, schreiben die Studienautoren.

„Die Risiken waren selbst bei denjenigen Personen mit COVID-19, die keine Krankenhauseinweisung benötigten, offensichtlich. Die Bekämpfung von psychischen Störungen bei Überlebenden von COVID-19 sollte deshalb Priorität haben.“

Nach COVID-19: Psychische Störungen prioritär bekämpfen

Die Arbeit von Xie und Kollegen ist nicht die erste, die sich mit dem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen nach schwerem COVID-19 befasst. In einer Metaanalyse vom Mai 2020 schätzen die Autoren die Punktprävalenz, also die Häufigkeit zu einer bestimmten Zeit nach schwerem COVID-19-Verlauf psychisch zu erkranken, auf 32,2% für eine Posttraumatische Belastungsstörung, auf 14,9% für Depressionen und auf 14,8% für Angststörungen.

Und eine retrospektive Kohortenstudie vom April 2021, in der fast eine Viertelmillion Krankenakten ausgewertet wurden, zeigt, dass Angststörungen und Depressionen, aber auch Schlaganfälle und Demenzen bei COVID-19-Patienten häufiger auftraten als nach Influenza oder anderen Atemwegserkrankungen.

Die Arbeit von Xie und Kollegen schließt mit Abstand die größte Zahl von Probanden ein und berücksichtigt mit einem Jahr auch eine – im Vergleich zu früheren Arbeiten – lange Nachverfolgungszeit.

Weil es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, kann die Ursache nicht festgestellt werden. Die Forscher räumen ein, dass es zu einer gewissen Verzerrung bei der Klassifizierung gekommen sein könnte. Außerdem waren an der Studie hauptsächlich ältere weiße Männer beteiligt, so dass die Ergebnisse möglicherweise nicht auf andere Gruppen übertragbar sind.

Dennoch deuten ihre Ergebnisse darauf hin, dass Menschen, die eine schwere COVID-19-Erkrankung überleben, einem erhöhten Risiko für eine Reihe von psychischen Störungen ausgesetzt sind und dass die Bekämpfung psychischer Störungen nach COVID-19 Priorität bekommen sollte.

Ursachen erforschen und Behandlung intensivieren

„Wir haben jetzt ein klareres Bild von den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit“, kommentiert Prof. Dr. Scott Weich, Psychiater an der Universität Sheffield, UK, in einem Leitartikel [2]. „Zieht man Bilanz, könnte man argumentieren, dass ein großer Teil der Forschung zu den Auswirkungen von COVID-19 auf die psychische Gesundheit mehr Rückblick als Erkenntnis ist“, fügt er hinzu.

 
Wir haben jetzt ein klareres Bild von den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit. Prof. Dr. Scott Weich
 

Seiner Meinung nach müsse man sich jetzt darauf konzentrieren, das Verständnis der Ursachen psychischer Erkrankungen zu verbessern. Weich regt auch an, die Forschung zur Evaluierung der Behandlung von psychischen Störungen zu intensivieren.

 

Kommentar

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