Hohe Prävalenz psychischer Störungen in der Ukraine weit vor dem russischen Angriff – das sind die Gründe 

Dr. Nicola Siegmund-Schultze

Interessenkonflikte

10. März 2022

Ständige Angst, Bedrohung, Enge in Schutzräumen und eventuell körperliche Traumata: Die „humanitäre Katastrophe“ (Weltgesundheitsorganisation WHO) in der Ukraine trifft auf eine Bevölkerung, in der es schon zuvor eine gesundheitliche Unterversorgung gab, speziell bei der Behandlung psychischer Krankheiten.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte die Ukraine wegen der hohen Krankheitslast durch seelische Störungen erst vor 2 Jahren in ein spezielles Programm zur Verbesserung der Versorgung von Patienten mit psychischen Krankheiten aufgenommen. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte, man setze trotz Ausreise der WHO-Mitarbeiter alles daran, das Gesundheitssystem zu erhalten, auch mit Notfallprogrammen. 

Hohe Krankheitslast schon vor dem Konflikt

Schätzungen zufolge manifestierte sich bei fast jedem Dritten vor 2020 im Verlauf des Lebens eine psychische Störung. Vor allem die Prävalenz von Depressionen lag über dem Durchschnitt anderer Länder der Region. In einem umfassenden Bericht wird eine Lebenszeitprävalenz von 30 für seelische Störungen in der Ukraine genannt.

Über dem internationalen Durchschnitt liegen laut WHO die Raten von Depressionen, missbräuchlichem Alkoholkonsum und Suizidgefährdung. Die Prävalenz der schweren Depression (Major Depression) beträgt 3,4%. Unter Älteren (70+) liegt sie bei 6,5%. In der übrigen Region Osteuropas liegt sie unter 3%. 

Zirka 6% der Menschen in der Ukraine sind schwer alkoholabhängig, bei Männern beträgt die Prävalenz 11,5%. Der globale Durchschnitt für die Prävalenz der Alkoholabhängigkeit liegt laut WHO bei 1,5%.

Die Rate der Suizide pro 100.000 Einwohner liegt in der Ukraine bei 30,6; unter der männlichen Bevölkerung sogar bei 56,7. Der internationale Durchschnitt beider Geschlechter beträgt 10,6 Suizide pro 100.000 Menschen. 

Die Versorgungslücke bei seelischen Erkrankungen ist in der Ukraine hoch. Dem WHO-Bericht zufolge erhalten nur 2% aller Patienten mit schweren depressiven Störungen und nur 20,9% aller Patienten mit Alkoholabhängigkeit Therapien.

Politische Situation seit Jahren angespannt

Im Report der Universität Yale weisen Forscher bezüglich der hohen Prävalenz seelischer Erkrankungen darauf, dass diese – zumindest zum Teil – mit der seit Jahren äußerst angespannten politischen Situation assoziiert sei. Im Jahr 2014 wurde die frühere autonome Republik Krim von Russland annektiert. Im Osten und Südosten des Landes und vor allem auch bei Vertriebenen seien die Prävalenzen schwerer Depressionen höher als im übrigen Land. 

International sei bekannt, dass bei Menschen in Krisenregionen und bei Flüchtlingen die Prävalenz psychischer Störungen 31% bis 63% betrage.

Zu den Gründen für die Unterversorgung seelisch kranker Menschen in der Ukraine gehörten gesellschaftliche Stigmatisierung, Scham der Betroffenen und mangelnde Information in der allgemeinen Bevölkerung, schreiben die Yale-Wissenschaftler. Bei älteren Menschen komme die Erinnerung hinzu, dass eine stationäre psychiatrische Behandlung während der Sowjetära (1920-1991) auch für Repressionen genutzt wurde.

In den letzten Jahren habe es in der Ukraine deutliche Verbesserungen in Bezug auf die Information der Bevölkerung und die Versorgungsstrukturen gegeben, die auch gesetzlich untermauert worden seien, so die Forscher der Universität Yale. Für die WHO ist derzeit jedoch nicht absehbar, ob und wann sich an diese Verbesserungen anknüpfen lässt.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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