MEINUNG

Wie konnte das geschehen? Ein Psychiater über die Fehler der Ärzte und des Umfelds vom Patientenmörder Niels Högel

Christian Beneker

Interessenkonflikte

9. März 2022

Patientenmorde kommen immer wieder vor. So häufig, dass es zu den perfiden Verbrechen sogar Forschung gibt. Prof. Dr. Karl-H. Beine ist ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke. Er hat sich intensiv mit dem Phänomen des Patientenmordes auseinandergesetzt.

Prof. Dr. Karl H. Beine | Droemer Knaur (droemer-knaur.de)

Jetzt sprach Medscape mit dem Wissenschaftler über die Rolle der Kollegen und Vorgesetzten des Patientenmörders Niels Högel, der vom Oldenburger Landgericht wegen 87-fachen Patientenmordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Nicht nur die Morde selbst, auch das Nicht-Wissen-Wollen des Umfelds tauche bei Patientenmorden immer wieder auf, sagt Beine.

Medscape: Herr Professor Beine, Sie haben sich lange mit dem Phänomen der Patientenmorde befasst. Derzeit stehen Kollegen und Vorgesetzte des 87-fachen Patientenmörders Niels Högel vor dem Landgericht Oldenburg. Laut der Anklageschrift sollen sie trotz einiger Verdachte weggeschaut haben, wenn Högel die Patienten tötete. Und sie sollen die Reputation des Hauses über das Patientenwohl gestellt haben. An den letzten beiden Prozesstagen hat Högel ausgesagt. Er sei als lustiger Kerl beliebt gewesen und habe sich selbst gewundert, dass niemand seine Taten entdeckt hatte. Herr Professor Beine, Sie waren beim Prozessauftakt dabei – kann man Högel glauben?

Beine: Nein, seine Glaubwürdigkeit ist grundsätzlich anzuzweifeln. Bereits 2019 hat ein Gutachter ihm – meiner Ansicht nach überzeugend – eine „hohe Lügenkompetenz“ bescheinigt, also eine hohe Unglaubhaftigkeit. Darauf will nun die Verteidigung aufbauen und die Glaubwürdigkeit Högels weiter erschüttern.

Medscape: Was auffiel in den Eingangsstatements, dass nur eine Anwältin von 18 anwesenden Verteidigern ihr Mitgefühl für die Patienten und ihre Familien ausgedrückt hat.

Beine: Das war bestürzend, wenn man bedenkt, wie sehr die Angehörigen leiden. Ein 47-jähriger Mann war auf Anraten seiner Frau ins Delmenhorster Krankenhaus gegangen und wurde dort ermordet. Stellen Sie sich vor, wie diese Frau sich fühlt! Die Anwältin, die das Leiden der Angehörigen erwähnt hat, zeigte, dass die Empathie noch nicht ganz verloren war.

Medscape: Wie konnte das Morden unter den Augen von Kollegen und Vorgesetzten überhaupt geschehen?

Beine: Da wirken mehrere Gründe zusammen:

Erstens sind Krankenhäuser Orte, an denen oft gestorben wird. Ein gestorbener Patient löst kein Erstaunen aus, anders als ein Mensch, der tot auf der Straße zusammenbricht.

 
Immer wieder traten die gleichen Phänomene auf: nicht wissen wollen, nicht aktiv hinschauen, Vorfälle vertuschen. Prof. Dr. Karl-H. Beine
 

Zweitens sind die Krankenhauspatienten und ihre Angehörigen vertrauensvoll, vertrauensvoller als an irgendeinem anderen Ort.

Drittens erwartet man von Schwestern und Pflegern, von Ärztinnen und Ärzten am allerletzten, dass sie einem Patienten etwas antun würden.

Hinzu kommt, dass Högel Spritzen und Medikamente genutzt hat, um Notfälle zu provozieren. Dass also die Tat nicht wie ein Mord aussah, sondern wie eine missglückte Rettung. Fürsorge. Und: Wir halten Tötungen in Krankenhäusern für unmöglich und wollen nicht sehen, dass sie doch geschehen.

Medscape: Letzteres scheint in den Krankenhäusern in Delmenhorst und in Oldenburg eine große Rolle gespielt zu haben.

Beine: So ist es. Zum Beispiel anhand von Betriebsratsprotokollen lässt sich nachvollziehen, wie das geschah: Obwohl der Geschäftsführer einen dringenden Verdacht gegen Högel hatte, bat er im Betriebsrat doch um Verschwiegenheit. Außerdem sollte man auf Högel einwirken, damit er das Haus verlasse. Zugleich soll der Geschäftsführer polizeiliche Ermittlungen unterbunden haben.

Medscape: Gab oder gibt es Vergleichbares an anderen Tatorten?

 
Woran es fehlt, ist eine Fehleroffenheit. Prof. Dr. Karl-H. Beine
 

Beine: Patientenmorde gab es schon häufiger. Und immer wieder traten die gleichen Phänomene auf: nicht wissen wollen, nicht aktiv hinschauen, Vorfälle vertuschen. Am Schluss die Taten ignorieren und den betreffenden Kollegen wegloben. Das ist – auch international – ein Muster.

Medscape: Dann scheint grundsätzlich etwas mit den Strukturen der stationären Versorgung nicht zu stimmen.

Beine: Krankenhäuser unterliegen den Marktmechanismen. Wenn ein Haus ins Gerede kommt, sinken die Patientenzahlen und die Umsätze. Dabei müssten die Häuser, die offen mit ihren Fehlern umgehen, öffentlich belobigt werden.

Auch die Politik trägt eine Mitschuld. Denn die lange Zeit zwischen dem ersten Verdacht und der Anklage im Fall Högel rührt auch von der enormen Personalknappheit in den Krankenhäusern her, die politisch viel zu lange ignoriert wurde. Bei dem Personalmangel auf den Stationen können die Kolleginnen und Kollegen oft gar nicht irgendwelchen Verdachten nachgehen. Sie haben viel zu viel zu tun.

Leider wird eine Medizin, die sich an Patientenbeziehungen orientiert, nicht bezahlt. Für Austausch und Beobachtung gibt es kein Geld, deshalb unterbleibt beides. Natürlich muss niemand zum Täter werden, weil die Arbeitsbedingungen schlecht sind. Was ich aber sagen will: Die hohen Opferzahlen und die langen Latenzzeiten im Fall Högel hängen auch mit Entwicklungen in der Gesundheitspolitik zusammen!

Medscape: Welche Fehlerkultur brauchen wir?

 
Man hätte es für möglich halten müssen, weil es immer wieder geschehen ist. Patientenmorde sind zwar nicht wahrscheinlich, aber möglich. Prof. Dr. Karl-H. Beine
 

Beine: Woran es fehlt, ist eine Fehleroffenheit. Stattdessen wird bestraft, wer offen Probleme anspricht. Einzelne Handlungen, wie die von Niels Högel, wird man auch mit einer ausgeprägten Gesprächskultur im Krankenhaus nie ganz verhindern können. Deshalb braucht es bei den Pflegenden, den Ärztinnen und Ärzte auch das Wissen, dass so etwas geschehen kann. Es braucht Aufmerksamkeit.

In dem Prozess in Oldenburg hat doch ein Verteidiger behautet, ihre Klienten hätten nicht wissen können, was da geschah. Und zwar deshalb, weil es noch nie geschehen sei und deshalb unerwartbar gewesen sei. Ich sage: Man hätte es für möglich halten müssen, weil es immer wieder geschehen ist. Patientenmorde sind zwar nicht wahrscheinlich, aber möglich.

Medscape: Manche Krankenhäuser haben die Möglichkeit geschaffen, Auffälligkeit anonym zu melden. Wie vermeidet man hier eine Atmosphäre der Denunziation?

Beine: Indem die Führung das tut, wofür sie bezahlt wird! Anwesend sein auf den Stationen, gesprächsbereit sein, in Kontakt sein. In dem Prozess hat die angeklagte Oberin Högel gefragt, warum er sich nicht gemeldet habe. Seine Antwort: „Ich kann mich ja schlecht melden und sagen, dass ich Patienten umbringe.“ Darauf die Oberin: „Nein, vorher.“

Da wäre Führung nötig gewesen – Probleme proaktiv zu erkennen und die Mitarbeiter anzusprechen: Stimmt was nicht? Mir fällt das und das auf. Wie soll ich mir das und das erklären? Und so weiter. Strukturänderungen sind nötig, aber sie greifen zu kurz. Das muss die Führung wissen: Es geht vor allem um den direkten Kontakt zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Medscape: Was erwarten Sie von dem Prozess?

Beine: Ich erwarte von dem Prozess, dass die Angeklagten sich rechtfertigen müssen. Aber der eigentliche Skandal ist, dass der Prozess erst jetzt stattfindet, nach so vielen Jahren! Auch die lange untätige Staatsanwaltschaft in Oldenburg hat sich schuldig gemacht. Nun ist viel strafrechtlich Relevantes verjährt. Und manche der Angehörigen von Högels Opfern bekommen keine Entschädigung mehr.

 
Manche der Angehörigen von Högels Opfern bekommen keine Entschädigung mehr. Prof. Dr. Karl-H. Beine
 

Aber der Prozessauftakt war auch ein guter Tag für die Krankenhäuser und ihre Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Denn er zeigt: Der Rechtsstaat schützt die Patienten. Und das Patientenwohl muss immer die höchste Priorität haben.
 

Kommentar

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