Schwere Nebenwirkungen durch Krebstherapien: Bei Frauen häufiger als bei Männern

M. Alexander Otto

Interessenkonflikte

8. März 2022

Das Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse im Zuge einer onkologischen Behandlung ist für Frauen größer als für Männer. Das gilt nach einem Review mit über 23.000 Patientendaten aus 202 Studien zu verschiedenen Krebsformen (ohne geschlechtsspezifische Krebsarten), die in den letzten 40 Jahren durchgeführt wurden – für Chemotherapien, zielgerichtete Therapien und vor allem für Immuntherapien.

Die Forschenden stellten fest, dass das Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse (SUE) bei Frauen um 34% höher war als bei Männern. Bei der Immuntherapie stieg dieser Wert gar auf 49% an. Das Review wurde im Journal of Clinical Oncology veröffentlicht [1].

Frauen hatten ein wesentlich höheres SUE-Risiko, auch bei Immun-Checkpoint-Inhibitoren und zielgerichteten Tyrosinkinase-Inhibitoren. Bei Chemo- und Immuntherapie waren sie häufiger von schweren hämatologischen Nebenwirkungen betroffen.

 
Die bei der Immuntherapie auffällig großen geschlechtsspezifischen Unterschiede lassen die Erforschung der SUE bei diesen Wirkstoffen besonders wichtig erscheinen. Dr. Joseph Unger und Kollegen
 

„Die bei der Immuntherapie auffällig großen geschlechtsspezifischen Unterschiede lassen die Erforschung der SUE bei diesen Wirkstoffen besonders wichtig erscheinen“, so die Autoren um Dr. Joseph Unger, Leiter der Untersuchung und Biostatistiker und Versorgungsforscher am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle.

„Es ist bekannt, dass Frauen bei der Chemotherapie eine höhere Toxizität aufweisen als Männer, aber kaum eine Untersuchung hat sich bislang der Frage gewidmet, ob dieses Muster auch für neuartige Behandlungen wie Immuntherapie oder zielgerichtete Therapien gilt. Wir fanden dabei ähnlich große Unterschiede, vor allem bei der Immuntherapie“, sagte Unger laut einer Pressemitteilung.

„Ein besseres Verständnis für die zugrundeliegenden Mechanismen könnte möglicherweise zu Eingriffen oder Änderungen bei der Verabreichung führen, um die Toxizität bei Frauen zu verringern“, so die Forschenden.

Mögliche Erklärungen für diese Ergebnisse sind Unterschiede in der Art und Weise, wie Männer und Frauen Krebstherapien verstoffwechseln, oder auch Unterschiede in der Wahrnehmung von Symptomen. Möglicherweise erhalten Frauen aufgrund ihrer durchschnittlich geringeren Körpergröße auch relativ zu hohe Dosen. Möglicherweise ist ihre Adhärenz auch größer.

 
Ein besseres Verständnis für die zugrundeliegenden Mechanismen könnte möglicherweise zu Eingriffen oder Änderungen bei der Verabreichung führen. Dr. Joseph Unger und Kollegen
 

Unabhängig von der Ursache werden Krebstherapien zunehmend individualisiert, so dass „das Geschlecht eine wichtige Rolle spielen kann“, so Unger.

Einzelheiten der Studie

In das Review flossen die Daten von 8.838 Frauen und 14.458 Männern ein. Es handelte sich um Phase-2- oder Phase-3-Studien, die vom SWOG-Krebsforschungsnetzwerk zwischen 1980 und 2019 durchgeführt wurden (die Southwest Oncology Group ist eine vom National Cancer Institute unterstützte Organisation in den USA).

Studien mit geschlechtsspezifischen Krebserkrankungen wurden ausgeschlossen. Unter den einbezogenen Studien waren am häufigsten Malignome des Magens, des Darms und der Lunge, gefolgt von den Leukämien.

Eine Chemotherapie erhielten 75% der Patienten und Patientinnen. Die Übrigen unterzogen sich entweder einer zielgerichteten Therapie oder einer Immuntherapie.

2 Drittel der Probanden hatten mindestens ein schweres unerwünschtes Ereignis des Grades 3 oder höher. Für Frauen lag das Risiko einer Grad-5-Nebenwirkung um 25% höher als für Männer.

Nach der Adjustierung hinsichtlich Alter, Ethnie, Prognose und anderen Faktoren blieb für Frauen das erhöhte Risiko für schwere unerwünschte Ereignisse wie Übelkeit und Schmerzen bestehen – und zwar in allen Therapielinien. Für die Immuntherapie wurde ein Wert von 66% ermittelt.

Bei Frauen war auch das Risiko für unerwünschte gastrointestinale Ereignisse bei allen 3 Behandlungsformen erhöht. Gleiches gilt für unerwünschte schlafbezogene Ereignisse im Rahmen einer Chemo- und Immuntherapie, was „eine Folge der mit der Krebsbehandlung interagierenden hormonellen Effekte sein könnte“, so die Autoren weiter.

Bei den leicht zu bestimmenden unerwünschten Ereignissen hatten Frauen unter einer Chemotherapie, einer Immuntherapie und unter einer zielgerichteten Therapie ein höheres Risiko für hämatologische unerwünschte Ereignisse als Männer. Es gab keine statistisch signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Risiko für nicht hämatologische objektivierte unerwünschte Ereignisse.

Die Forschenden wiesen darauf hin, dass eine erhöhte Toxizität bei Frauen mit einer verbesserten Überlebenszeit in Verbindung gebracht wird. Dadurch würde der Zeitraum für die Entwicklung unerwünschter Ereignisse möglicherweise größer. Häufigere unerwünschte Ereignisse könnten auch ein Zeichen für eine erhöhte Wirksamkeit einer Krebstherapie sein.

In früheren Untersuchungen schien es jedoch, dass Männer besser auf eine Immuntherapie ansprächen als Frauen. Checkpoint-Inhibitoren waren bei der Behandlung von Männern mit fortgeschrittenen soliden Tumoren im Vergleich zu Frauen doppelt so wirksam wie eine Standard-Krebstherapie. Das war das Ergebnis einer Metaanalyse aus 20 randomisierten kontrollierten Studien mit Daten von insgesamt 11.351 Patienten.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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