S3-Leitlinie zum Multiplen Myelom; Darolutamid bei Prostatakrebs; Adjuvante Hormontherapie bei Brustkrebs nicht verzögern

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

22. Februar 2022

Im Onko-Blog dieser Woche geht es unter anderem um die Mär, dass Ovarialkarzinome im frühen Stadium asymptomatisch sind. Bei Frauen mit frühem Hormonrezeptor-positivem Mammakarzinom sollte die adjuvante Hormontherapie innerhalb der ersten 5 Monate beginnen. Bei Männern mit hormonempfindlichem metastasiertem Prostatakarzinom kann die zusätzliche Behandlung mit Darolutamid das Überleben verlängern. Simulationsmodelle von DKFZ-Forschern zeigen, wie die Darmkrebsvorsorge optimiert werden könnte. Und unter Federführung der DGHO ist erstmals eine S3-Leitlinie zu Diagnose und Therapie von MGUS und Multiplem Myelom erschienen.

  • Mammakarzinom: Adjuvante Hormontherapie nicht verzögern

  • Zervixkarzinom: PD1-Hemmer Cemiplimab verlängert Überleben im Vergleich zu Chemotherapie

  • Ovarialkarzinom: Häufig Symptome in frühen Stadien nachweisbar

  • Hormonempfindliches metastasiertes Prostatakarzinom: Zusätzliche Gabe von Darolutamid verlängert Überleben

  • Kolorektalkarzinom: Vorsorgestrategie könnte optimiert werden

  • Analkarzinom: Pembrolizumab in fortgeschrittenen Stadien

  • Multiples Myelom: Erstmals S3-Leitlinie veröffentlicht

  • Therapie-Nebenwirkungen: Frauen haben höheres Risiko als Männer

Mammakarzinom: Adjuvante Hormontherapie nicht verzögern

Bei Frauen mit frühem Hormonrezeptor-positivem, HER2-negativem Mammakarzinom ohne Chemotherapie sollte eine adjuvante Hormontherapie nicht hinaus gezögert werden. Eine Kohortenstudie, publiziert in JAMA Network Open , hat nämlich gezeigt, dass eine Verzögerung der adjuvanten Hormontherapie über 150 Tage mit einem kürzeren Überleben assoziiert war.

Die chinesisch-amerikanische Autorengruppe untersuchte Daten aus der US-amerikanischen National Cancer Database, um die Assoziation der Zeit bis zur adjuvanten Hormontherapie (≤ 150 und > 150 Tage) mit dem Überleben zu analysieren.

Bei 93,6% der 144.103 analysierten Patientinnen setzte die adjuvante Hormontherapie innerhalb von 150 Tagen ein, bei (6,4%) dauerte es mehr als 150 Tage.

Die verzögerte adjuvante Hormontherapie war mit einer kürzeren Überlebenszeit assoziiert (Hazard Ratio: 1,31; p  < 0,001) im Vergleich zur innerhalb von 150 Tagen begonnenen Behandlung.

Explorative Subgruppenanalysen ergaben, dass eine Verzögerung der Behandlung im Stadium I und II mit einem schlechteren Gesamtüberleben assoziiert war, mit dem Stadium III ergab sich keine Assoziation. Auch eine doppelt Hormonrezeptor-positive Erkrankung war mit einem schlechteren Überleben assoziiert, nicht jedoch eine einfach HR-positive Erkrankung.

Die Autoren empfehlen, bei Frauen mit doppelt Hormonrezeptor-positiven Erkrankungen im Stadium I oder II die Zeit bis zur Behandlung so weit wie möglich zu verkürzen, um ein besseres Ergebnis zu erreichen.

Zervixkarzinom: PD1-Hemmer Cemiplimab verlängert Überleben im Vergleich zu Chemotherapie

Der PD1-Hemmer Cemiplimab verlängerte bei Frauen mit rezidiviertem Gebärmutterhalskrebs nach platinhaltiger Chemotherapie das Überleben signifikant besser als eine Mono-Chemotherapie. Dies ergab die Phase-3-Studie EMPOWER-Cervical 1/GOG-3016/ENGOT-cx9, die eine internationale Arbeitsgruppe im New England Journal of Medicine publiziert hat.

In die offene multizentrische Studie nahmen sie unabhängig vom PD-L1-Status Patientinnen mit rezidiviertem Zervixkarzinom auf, deren Erkrankung nach platinhaltiger Erstlinien-Chemotherapie fortgeschritten war. Je 304 Frauen erhielten randomisiert Cemiplimab oder eine Mono-Chemotherapie nach Wahl des Behandlers.

Das Gesamtüberleben war mit 12,0 Monaten im Median in der Cemiplimab-Gruppe signifikant länger als in der Chemotherapie-Gruppe mit 8,5 Monaten (HR: 0,69, p < 0,001). In den Subgruppen mit Plattenepithelkarzinom und Adenokarzinom war der Gesamtüberlebensvorteil konsistent.

Auch das progressionsfreie Überleben war in der Gesamtpopulation unter Cemiplimab signifikant länger als unter Chemotherapie (HR: 0,75, p < 0,001). Signifikant mehr Patienten sprachen auf den PD1-Hemmer an (16,4 vs 6,3%).

Nebenwirkungen vom Schweregrad 3 oder höher traten bei 45% der Frauen unter Cemiplimab und bei 53,4% unter Chemotherapie auf.

Ovarialkarzinom: Häufig Symptome in frühen Stadien nachweisbar

Auch Frauen mit Ovarialkarzinom im frühen Stadium haben häufig Symptome. Eine retrospektive US-amerikanische Analyse, publiziert in Obstetrics & Gynecology , zeigte, dass 72% der Frauen mit frühem Hochrisiko-Ovarialkarzinom Symptome wie Schmerzen im Abdomen oder Unterleib oder Völlegefühl angaben.

Von den 419 ausgewerteten Patientinnen waren 118 (28%) asymptomatisch, bei der Untersuchung wiesen sie jedoch eine Raumforderung auf. Von den 301 symptomatischen Frauen gaben 40% ein Symptom, 32% mehrere Symptome an. Je größer der Tumor war, umso wahrscheinlicher war es, dass die Frauen an Symptomen wie Schmerzen im Abdominal-Bereich oder Unterleib oder an Völlegefühl litten. Zwischen Symptomen, Stadium der Erkrankung und histologischem Befund bestand kein Zusammenhang.

Im begleitenden Editorial weist Dr. Barbara Goff, Universität von Washington, Seattle, darauf hin, dass das Ovarialkarzinom seit Jahren fälschlicherweise als stummer Killer bezeichnet werde. Eine weitere Mär sei, dass nur Frauen im fortgeschrittenen Krankheitsstadium Symptome zeigten. Deshalb sollten ihrer Meinung nach Patientinnen und Ärzte über die Symptome aufgeklärt werden, um Verzögerungen bei der Diagnose dieser schweren Erkrankung zu vermeiden.

Goff spricht jedoch auch das Problem an, dass die Symptome oft vage sind und relativ häufig vorkommen. Es gibt jedoch Hinweise, dass sie bei einer Assoziation mit einem Ovarialkarzinom erst relativ frisch sind und fast täglich auftreten.

Hormonempfindliches metastasiertes Prostatakarzinom: Zusätzliche Gabe von Darolutamid verlängert Überleben

Der Androgenrezeptor-Inhibitor Darolutamid verlängert bei Patienten mit metastasiertem hormonempfindlichem Prostatakarzinom (mHSPC) das Überleben signifikant (HR: 0,68), wenn er zusätzlich zu Androgendeprivation und Docetaxel eingenommen wird. Dieses Ergebnis der Phase-3-Studie ARASENS hat eine internationale Arbeitsgruppe beim ASCO Genitourinary Cancers Symposium 2022 vorgestellt und parallel im New England Journal of Medicine publiziert. Ihr Fazit: „Darolutamid in Kombination mit ADT und Docetaxel könnte ein neuer Standard in der Behandlung des mHSPC sein.“

In der randomisierten, multizentrischen, doppelblind durchgeführten, Placebo-kontrollierten Phase-3-Studie wurden Wirksamkeit und Sicherheit des oral applizierbaren Androgenrezeptor-Inhibitors Darolutamid in Kombination mit Docetaxel und einer Androgendeprivationstherapie (ADT) bei Patienten mit metastasiertem hormonsensitivem Prostatakarzinom (mHSPC) untersucht. 1.306 neu diagnostizierte Patienten erhielten Docetaxel und Standard-ADT. Randomisiert nahmen sie zusätzlich entweder 2-mal täglich 600 mg Darolutamid oder Placebo.

Darolutamid plus ADT und Docetaxel erreichte den primären Endpunkt der Studie, es verlängerte das Gesamtüberleben im Vergleich zu Placebo. Das Sterberisiko sank mit Darolutamid signifikant um 32,5% im Vergleich zur Kontrollgruppe (HR: 0,68; p < 0,001). Darolutamid plus ADT in Kombination mit Docetaxel zeigte zudem konsistente Vorteile in sekundären Endpunkten und vordefinierten Subgruppen, z. B. verlängerte es die Zeit bis zum kastrationsresistenten Prostatakrebs (HR: 0,36; p < 0,001).

Darüber hinaus verzögerte zusätzliches Darolutamid die Schmerzprogression (HR: 0,79; p = 0,01), die Zeit bis zum ersten symptomatischen skeletalen Ereignis (HR: 0,71; p = 0,02) sowie die Zeit bis zum Beginn einer systemischen antineoplastischen Folgetherapie (HR: 0,39; p < 0,001). Therapieassoziierte unerwünschte Wirkungen waren in beiden Armen ähnlich häufig.

Kolorektalkarzinom: Vorsorgestrategie könnte optimiert werden

Das Darmkrebsrisiko lässt zwar mit dem aktuellen Vorsorge-Angebot deutlich senken, es gibt aber noch ein erhebliches Potenzial zur Optimierung der Vorsorge. So könnten neben Männern auch Frauen stark davon profitieren, wenn das Anspruchsalter für die Vorsorge-Darmspiegelung von 55 auf 50 Jahre herabgesetzt würde.

Außerdem könnten ergänzende Vorsorge-Angebote in höherem Alter erheblich dazu beitragen, die Zahl der Neuerkrankungen und der Sterbefälle zu senken. Dies fanden Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) mit Hilfe eines Simulationsmodells, mit dem sie Langzeiteffekte der derzeit in Deutschland angebotenen Strategien zur Darmkrebsvorsorge mit möglichen Alternativen verglichen.

Wie die DKFZ-Forscher im International Journal of Cancer berichten, fanden sie mit dem Simulationsmodell auf Grundlage umfangreicher Daten zur Darmkrebsvorsorge in der deutschen Bevölkerung, dass das Darmkrebsrisiko besonders stark mit Strategien reduziert werden könnte, die derzeit in Deutschland nicht angeboten werden.

So könnte eine dritte Vorsorgekoloskopie ab dem Alter von 70 Jahren bei Männern das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um weitere 9% verringern. Ähnlich Effekte zeigen sich bei einer Erweiterung des Angebots um zusätzliche Stuhltests in höherem Alter.

Bei Frauen wäre ein alternatives Vorsorgeangebot mit 3 Koloskopien alle 10 Jahre ab dem Alter von 50 Jahren wirksamer als alle aktuell verfügbaren Angebote.

Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels wäre es nach Ansicht der Autoren außerdem wichtig, zusätzliche Angebote für ältere Menschen zu schaffen, z. B. auf Grundlage immunologischer Stuhltests.

Analkarzinom: Pembrolizumab in fortgeschrittenen Stadien

Der PD1-Inhibitor Pembrolizumab könnte eine Therapieoption für Patienten mit vorbehandeltem fortgeschrittenem analem Plattenepithelkarzinom sein. In der Phase-2-Studie KEYNOTE-158 sprachen 12 von 112 behandelten Patienten auf die Therapie an, davon erreichten 6 ein komplettes Ansprechen, wie die internationale Arbeitsgruppe in Lancet Gastroenterology & Hepatology berichtete.

In die offene, nichtrandomisierte Studie waren 112 Patienten mit fortgeschrittenem oder metastasiertem Plattenepithelkarzinom des Anus eingeschlossen und mit Pembrolizumab (200 mg i.v. alle 3 Wochen) über bis zu 2 Jahre behandelt worden. Die Tumoren von 75 Patienten waren PD-L1-positiv.

Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 34,7 Monaten hatten 11% (n = 12) der Patienten auf die Behandlung angesprochen, davon wiesen 11 PD-L1-positive und 1 einen PD-L1-negativen Tumor auf. 6 Patienten, alle PD-L1-positiv, sprachen komplett an.

Die mediane Dauer des Ansprechens ist derzeit noch nicht erreicht. Das Nebenwirkungsspektrum entsprach dem, was von Pembrolizumab bekannt ist.

Im begleitenden Editorial wird die Ansprechrate von 11% als niedrig eingeordnet. Deshalb sollte man sich künftig darauf konzentrieren, die Subgruppe von Patienten zu identifizieren, die von einer solchen Therapie besonders profitieren könnten.

Multiples Myelom: Erstmals S3-Leitlinie veröffentlicht

Erstmals ist in Deutschland eine S3-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge für Patienten mit monoklonaler Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) und mit Multiplem Myelom erschienen. Das Leitlinienprogramm Onkologie hat die S3-Leitlinie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) e.V. und unter Mitwirkung von 24 Fachgesellschaften sowie weiteren Organisationen herausgegeben.

Ziel ist es, evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und daraus Standards für Diagnostik und Therapie von Betroffenen mit MGUS oder Multiplem Myelom in Deutschland zu etablieren. Die Leitlinie ist in einer Langfassung mit 284 Seiten und in einer Kurzfassung mit immerhin noch 164 Seiten erschienen.

In den letzten 20 Jahren haben sich die Behandlungsmöglichkeiten des Multiplen Myeloms deutlich erweitert. Es wurden neue Medikamentengruppen zugelassen, die in verschiedenen Kombinationen zur Therapie eingesetzt werden können. Parallel dazu sind die Anforderungen an die Diagnostik gestiegen, beispielsweise zum frühzeitigen Nachweis eines Rezidivs, aber auch zum Erkennen von Organkomplikationen – wie etwa Nierenerkrankungen – die bei einem Multiplen Myelom auftreten können. Mit der S3-Leitlinie soll daher das Wissen zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Multiplen Myeloms gebündelt und die fachübergreifende Betreuung, etwa durch Schmerztherapie, körperliches Training oder Rehabilitationsmaßnahmen, verbessert werden, so eine Pressemitteilung der DGHO.

Therapie-Nebenwirkungen: Frauen haben höheres Risiko als Männer

Frauen haben im Vergleich zu Männern ein um 34% höheres Risiko schwerer Nebenwirkungen durch eine Krebsbehandlung (Odds Ratio: 1,34, p < 0,001), berichtet eine amerikanisch-kanadische Arbeitsgruppe im Journal of Clinical Oncology . Besonders ausgeprägt war der Unterschied bei der Immuntherapie. Hier hatten Frauen ein um 49% erhöhtes Risiko für schwere Nebenwirkungen im Vergleich zu Männern (OR: 1,49, p < 0,001).

Die Arbeitsgruppe hatte Daten aus 202 Phase-2- und -3-Studien des SWOG Cancer Research Network mit insgesamt 23.296 Patienten, davon 37,9% Frauen, analysiert.

Frauen hatten auch ein höheres Risiko für symptomatische Nebenwirkungen, insbesondere bei der Immuntherapie (OR:1,66; p < 0,001), sowie für schwere hämatologische Nebenwirkungen.

Die Autoren diskutierten verschiedene Gründe für diese Befunde. So könnten Frauen möglicherweise relativ höhere Dosierungen als Männer erhalten. Auch die Therapie-Adhärenz kann bei oralen Behandlungen geschlechtsabhängig unterschiedlich sein, obwohl dies in dieser Studie vermutlich nicht ausschlaggebend war. Es gibt Hinweise, dass Frauen Symptome anders empfinden als Männer. Allerdings waren in dieser Untersuchung objektiv erhobene hämatologische Befunde ebenfalls unterschiedlich.

Insgesamt weisen die Ergebnisse darauf hin, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Therapie vermehrt berücksichtigt werden sollten.

 

Kommentar

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