Stundenlanges Warten auf den Arzt ist gefährlich: Erhöhtes Sterberisiko durch lange Wartezeiten in der Notaufnahme

Dr. Nina Mörsch

Interessenkonflikte

16. Februar 2022

Wer in die Notaufnahme kommt und länger als 5 Stunden auf seine medizinische Versorgung warten muss, trägt ein erhöhtes Risiko, in den folgenden 30 Tagen zu sterben. Zu diesem Ergebnis kommt eine britische Forschergruppe im Emergency Medicine Journal  [1].

Bereits 2004 legte das englische Gesundheitsministerium die Zielvorgabe von 4 Stunden Wartezeit in der Notaufnahme fest. Mehrere andere Länder, darunter Kanada und Australien, zogen mit ähnlichen Maßnahmen nach. Doch in den letzten Jahren ließ sich diese Maßgabe nicht mehr erreichen, und viele Patientinnen und Patienten mussten teilweise mehrere Stunden auf ihre Entlassung oder stationäre Einweisung warten.

Sterberisiko: Welche Auswirkungen haben diese Verzögerungen?

Wie wirken sich diese Verzögerungen auf das Sterberisiko aus? Dieser Frage widmete sich ein britisches Forscherteam um den Notfallmediziner Dr. Chris Moulton. Er arbeitet in der Notaufnahme des Royal Bolton Hospital. Das Team stützte sich in der Analyse auf Daten der „Hospital Episode Statistics“, die unter anderem die Aufenthaltsdauer von Patientinnen und Patienten in den größeren Notfallambulanzen erhebt.

Die Forscher verglichen diese Daten mit Todesfallzahlen des britischen Statistikamts. Insgesamt erfassten sie so alle Patientinnen und Patienten, die zwischen April 2016 und März 2018 in den größeren Notfallambulanzen („type 1 emergency department“) in England ins Krankenhaus eingeliefert wurden.

Einzelheiten der Studie

Die Studie umfasste mehr als 5 Millionen Personen, von denen 433.962 innerhalb von 30 Tagen nach Aufnahme starben. Die unbereinigte 30-Tage-Mortalitätsrate lag insgesamt bei knapp 9%. Das Durchschnittsalter der eingewiesenen Patienten war 55 Jahre.

Um einen Selektionsbias zu vermeiden, nutzten die Wissenschaftler ein logistisches Regressionsmodell zur Vorhersage der 30-Tage-Sterblichkeit: Dieses berücksichtigte Alter, Geschlecht, Deprivationsindizes und Komorbiditäten sowie die Verweildauer in der Notaufnahme und den Prozentsatz der Überschreitungen der 4-Stunden-Wartezeit in der Notaufnahme – als Indikator für den Grad der Überfüllung der Notaufnahme.

Patienten warteten durchschnittlich 5 Stunden

Die durchschnittliche Verweildauer einer zu behandelnden Person in der Notaufnahme betrug knapp 5 Stunden, wobei im Durchschnitt etwa 38% der Notaufnahmen das 4-Stunden-Ziel nicht erreichten.

Das Risiko, im Anschluss zu sterben, stieg mit

  • der Anzahl früherer Notfallaufnahmen und -einweisungen,

  • dem Komorbiditätsindex,

  • dem Alter,

  • dem männlichen Geschlecht und zunehmender Deprivation sowie mit

  • der Aufnahme zwischen Januar und März im Vergleich zum Rest des Jahres.

Sterberate steigt nach 5 Stunden Wartezeit an

Es zeigte sich ein statistisch signifikanter Anstieg der Sterberate bei Wartezeiten von mehr als 5 Stunden in der Notaufnahme. Nach Berücksichtigung potenziell einflussreicher Risikofaktoren war die Sterblichkeitsrate, verglichen mit Patientinnen und Patienten, die innerhalb von 6 Stunden weiterbehandelt wurden bei

  • den Personen, die zwischen 6 und 8 Stunden warteten, um 8% höher und

  • bei den Personen, die 8 bis 12 Stunden warteten, um 10% höher als erwartet.

Dies lässt sich als „Number needed to harm“-Maßstab messen und darstellen: 1 zusätzlicher Todesfall pro 82 Patientinnen und Patienten, die 6 bis 8 Stunden warten, so die Forscher.

„Notallambulanzen sind überfüllt, weil sie langsam sind“

Obwohl die steigende Patientennachfrage oft als Ursache für längere Wartezeiten angeführt wird, ist die Zahl der Patienten in den Notaufnahmen in England seit Jahrzehnten nur um 1,5 bis 2,0% pro Jahr gestiegen, erklärt Mitautor Steve Black, der als freiberuflicher Datenwissenschaftler die Studie ursprünglich vorgeschlagen hatte.

Er erklärte gegenüber Medscape UK : „Die Länge der Warteschlange in einer Notaufnahme hängt extrem davon ab, wie schnell der Fluss in der Abteilung ist. Notfallambulanzen sind überfüllt, weil sie langsam sind, und nicht, weil viel mehr Menschen dort auftauchen.“

 
Notfallambulanzen sind überfüllt, weil sie langsam sind, und nicht, weil viel mehr Menschen dort auftauchen. Steve Black
 

Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in der Notaufnahme sei in den letzten 10 Jahren etwa doppelt so schnell gestiegen wie die Zahl der behandelten Personen in der Notaufnahme. Was sich geändert habe, sei die Zahl der verfügbaren Betten, die gesunken ist, so der Forscher.

Black erläutert weiter: „Die meisten Verspätungen werden nicht von der Notaufnahme verursacht, sondern von anderen Dingen im Krankenhaus, die nicht in Ordnung sind und die die Notaufnahme nicht kontrollieren kann. Wenn also der Rest des Krankenhauses nicht richtig funktioniert, wachsen die Warteschlangen in der Notaufnahme sehr, sehr schnell.“

 
Wenn der Rest des Krankenhauses nicht richtig funktioniert, wachsen die Warteschlangen in der Notaufnahme sehr, sehr schnell. Steve Black
 

Fazit: Entscheidungsträger sollten rechtzeitige Einweisung vorschreiben

Die Autoren der Studie schlussfolgern: „Die Zeit, die ein Patient, der in ein Krankenhaus eingewiesen werden muss, in der Notaufnahme verbringt, sollte von therapeutischem Nutzen sein. Verzögerungen bei der stationären Aufnahme, egal aus welchem Grund, sind für den Patienten nicht von Nutzen und können auch die rechtzeitige Versorgung neu ankommender Patienten in der Notaufnahme behindern.“

Sie machen außerdem klar: Entscheidungsträger im Gesundheitswesen sollten weiterhin eine rechtzeitige Einweisung in die Notaufnahme vorschreiben. Das kann Patientinnen und Patienten vor Schäden schützen, die aus Abläufen im Krankenhaus resultieren.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.

 

Kommentar

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