Führen Schädigungen des Vagusnervs zu Long-COVID? Lauterbach schießt gegen RKI; Labore atmen auf; Radeln für mehr Antikörper

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

16. Februar 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 10. Februar 2022

Heute meldet das Robert Koch-Institut 219.972 weitere Infektionen mit SARS-CoV-2 innerhalb der letzten 24 Stunden. Am Mittwoch vor einer Woche waren es 234.250 neue Fälle.

Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz sinkt weiter auf 1.401,0 von 1.437,5 am Vortag. 247 Menschen starben im Zusammenhang mit COVID-19. Damit erhöht sich die Zahl der bundesweit gemeldeten Todesfälle auf 120.467.

Als 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz nennt das RKI 5,90 Fälle pro 100.000 Einwohner, Stand 15. Februar, verglichen mit 5,93 am 14. Februar.

Laut DIVI-Intensivregister waren am 15. Februar 2.494 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 21 mehr als am Vortag. Aktuell sind 871 Betten im Low-Care- und 2.143 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 419 freie ECMO-Behandlungsplätze.

  • Kontroverse zwischen RKI und Lauterbach spitzt sich zu

  • Die Impfkampagne verliert deutlich an Fahrt

  • Neue Zahlen: Leicht sinkende Auslastung der Labore

  • Long-COVID: Welche Rolle spielt der Vagusnerv?

  • Am Beispiel von Delta: Wie sich die Impfeffektivität mit der Zeit verändert

  • So effektiv sind Booster Shots

  • Sport als Adjuvans: Bewegung nach einer Impfung erhöht die Serum-Antikörpertiter

Kontroverse zwischen RKI und Lauterbach spitzt sich zu

Änderungen beim Genesenenstatus hatten zu einem Disput zwischen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und dem RKI gesorgt. Das Institut musste schließlich bei Definitionen nachbessern. Dazu hatte Medscape im Blog berichtet.

Lauterbach fühlte sich überrumpelt – und legt jetzt nach. „Über tiefgreifende Entscheidungen wie etwa den Genesenenstatus möchte ich selbst und direkt entscheiden“, sagte der Minister. „Sonst trage ich die politische Verantwortung für das Handeln anderer.“

Gleichzeitig pocht er auf die Möglichkeit, auch nach künftigen Lockerungen weitere Maßnahmen umzusetzen. Das Infektionsschutzgesetz müsse daher so formuliert werden, „dass der Basisschutz gewährleistet bleibt und bei Bedarf ausgedehnt werden kann“, so Lauterbach weiter. „Den Text werden wir im parlamentarischen Verfahren ergänzen, so dass auch nach dem 20. März mehr möglich ist als Maske und Abstand.“

Die Impfkampagne verliert deutlich an Fahrt

Viele Experten rechnen damit, dass nicht-pharmazeutische Schutzmaßnahmen gegen das Virus noch länger zum Einsatz kommen, unter anderem, weil sich die Zahl an Ungeimpften nicht sonderlich verringert hat.

Am 14. Februar 2022 wurden in Deutschland laut Dashboard der Bundesregierung 106.000 Impfdosen verabreicht. Damit sind mindestens 62,3 Millionen Einwohner (74,9 % der Gesamtbevölkerung) grundimmunisiert. Und mindestens 46,2 Millionen Bürger (55,6 %) haben zusätzlich eine Auffrischungsimpfung erhalten.

19,9 Millionen Menschen sind nach wie vor ungeimpft. Das entspricht 23,9% aller Einwohner. Hier hat sich wenig getan. Anzumerken ist: Für 4 Millionen Kinder unter 4 Jahren (4,8%) wurde bisher kein Impfstoff zugelassen.

Zwischen 15. Dezember und 15. Februar hat die Zahl an Grundimmunisierungen und Auffrischungsimpfungen kontinuierlich abgenommen. Gesundheitspolitiker sehen darin klare Argumente für die geplante Impfpflicht.

Neue Zahlen: Leicht sinkende Auslastung der Labore

Zwischen 7. und 13. Februar entwickelte sich nach Auskunft der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) erstmals seit Beginn des Jahres die Anzahl der PCR-Tests und die Positivrate leicht rückläufig.

In Woche 6 wurden insgesamt 2.366.691 PCR-Untersuchungen durchgeführt – 4% weniger als in der Woche zuvor. Die Positivrate lag mit 43,9% erstmals niedriger als in der Vorwoche (45,1%). Die Auslastung der Labore lag im bundesweiten Durchschnitt bei 86%, regional auch darüber.

„Der leichte Rückgang an Testaufkommen stimmt uns zwar als erster Hinweis auf ein rückläufiges Infektionsgeschehen positiv, aber noch besteht aus Sicht der Labore weiterhin Anlass zur Vorsicht und Umsicht“, sagt Nina Beikert, Mitglied im Vorstand des ALM. „Die Spitze der Omikron-Welle ist in einigen Bundesländern noch immer nicht erreicht.“

Long-COVID: Welche Rolle spielt der Vagusnerv?

Neue Forschungsergebnisse, die auf dem European Congress of Clinical Microbiology & Infectious Diseases 2022 vorgestellt werden, deuten darauf hin, dass viele Symptome von Long-COVID mit Effekten von SARS-CoV-2 auf den Vagusnerv zusammenhängen könnten. Die Autoren einer neuen Studie bringen Vagusnerv-Dysfunktionen (VND) mit unterschiedlichen Beschwerden in Zusammenhang.

Von 22 Probanden der Studienkohorte waren 20 (91%) Frauen mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren. Die häufigsten VND-assoziierten Symptome waren: Durchfall (73%), Tachykardie (59%), Schwindel, Dysphagie und Dysphonie (jeweils 45%) sowie orthostatische Hypotonie (14%). Fast alle Teilnehmer (19 Probanden, 86%) hatten mindestens 3 VND-bezogene Symptome. Die mediane Dauer der Symptome betrug 14 Monate. 6 von 22 Patienten (27%) zeigten im Ultraschall eine Veränderung des Vagusnervs im Nacken – sowohl eine Verdickung des Nervs als auch einer erhöhten Echogenität, was auf entzündliche Veränderungen hinweist.

Ein Thorax-Ultraschall zeigte bei 10 von 22 (46%) Probanden abgeflachte Zwerchfellkurven, was auf eine Abnahme der Zwerchfellbeweglichkeit während der Atmung hinweist. Insgesamt 10 von 16 (63%) untersuchten Personen zeigten einen reduzierten maximalen Inspirationsdruck als Zeichen einer Schwäche der Atemmuskulatur.

Die Ess- und Verdauungsfunktion war bei einigen Patienten ebenfalls beeinträchtigt, wobei 13 von 18 Teilnehmern der Studie (72%) Schluckbeschwerden hatten. Eine bei 19 Patienten durchgeführte Bewertung der Magen- und Darmfunktion ergab, dass bei 8 (42%) die Fähigkeit, Nahrung in den Magen zu transportieren, beeinträchtigt war. Gastroösophagealer Reflux wurde bei 9 von 19 (47%) Personen beobachtet.

Ein Voice-Handicap-Index-30-Test (eine Standardmethode zur Messung der Stimmfunktion) war in 8 von 17 (47 %) Fällen auffällig, wobei 7 dieser 8 Patienten (88%) an Dysphonie litten.

Am Beispiel von Delta: Wie sich die Impfeffektivität mit der Zeit verändert

Wie verändert sich der Schutz durch Impfstoffe mit der Zeit, wenn eine bestimmte Variante zirkuliert? Dieser Frage gingen US-Forscher mit einer Fall-Kontroll-Studie nach.

Daten kamen aus 6.884 COVID-19-Teststationen der apothekenbasierten Plattform „Increasing Community Access to Testing“. Diese Studie umfasste vom 13. März bis 17. Oktober 2021 genau 1.634271 Nukleinsäure-Amplifikationstests (NAAT) von Erwachsenen ab 20 Jahren und 180.112 NAAT von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren mit COVID-19-ähnlichen Beschwerden.

In der Kohorte waren 390.762 positive Tests (21,5%) und 1.423.621 negative Kontrollen (78,5%). Bei Erwachsenen ab 20 Jahren war die mittlere Odds Ratio (OR) für positive Tests nach Impfungen mit BioNTech/Pfizer nach der 2. in der Prä-Delta-Periode niedriger (0,10 [95%-KI: 0,09-0,11]) als in der Delta-Periode (0,16 [95%-KI: 0,16-0,17]). Sie stieg mit der Zeit seit der Impfung an. Als Veränderung der OR pro Monat in der Prä-Delta-Periode nennen die Autoren 0,04 (95%-KI: 0,02-0,05). Während der Zirkulation von Delta haben sie eine monatliche Veränderung von 0,03 (95%-KI: 0,02-0,03) errechnet.

Beim Moderna-Impfstoff betrug die OR anfänglich 0,05 (95%-KI: 0,04-0,05) während der Prä-Delta-Periode, 0,10 (95%-KI: 0,10-0,11) während der Delta-Periode und stieg mit der Zeit an. Hier lag die monatliche Veränderung der OR während Prä-Delta bei 0,02 (95%-KI: 0,005-0,03. Sie erhöhte sich während der Delta-Welle auf 0,03 (95%-KI: 0,03-0,04).

Für den Johnson & Johnson-Impfstoff ergab die Studie eine OR von 0,42 (95%-KI 0,37-0,47) während der Prä-Delta-Periode und 0,62 (95%-KI 0,58-0,65) während der Delta-Periode. Sie veränderte sich nicht signifikant mit der Zeit.

Bei 12- bis 15-Jährigen betrug die OR für BioNTech/Pfizer während der Delta-Periode 0,06 (95%-KI 0,05-0,06) und stieg um 0,02 (95%-KI 0,01-0,03) pro Monat. Für 16- bis 19-Jährige wurde eine OR von 0,10 (95%-KI 0,09-0,11) errechnet. Der Wert erhöhte sich 0,04 (95%-KI 0,03-0,06) pro Monat.

„Bei Erwachsenen war die OR für den Zusammenhang zwischen einer symptomatischen SARS-CoV-2-Infektion und einer COVID-19-Impfung (als Schätzung der Wirksamkeit des Impfstoffs) während der vorherrschenden Delta-Variante höher, was auf einen geringeren Schutz schließen lässt“, fassen die Autoren zusammen. „Bei der mRNA-Impfung war der stetige Anstieg des OR mit dem Monat seit der Impfung konsistent mit der Abschwächung der geschätzten Wirksamkeit im Laufe der Zeit assoziiert.“

So effektiv sind Booster Shots

Weltweit geben mehr und mehr Länder Empfehlungen für Auffrischungsimpfungen von BNT162b2 (BioNTech/Pfizer). In den Vereinigten Staaten werden Auffrischungsimpfungen seit 19. November 2021 für alle Erwachsenen ab 18 Jahren empfohlen. Forscher haben die Wirksamkeit einer 3. Dosis von BNT162b2 bei Erwachsenen in einem großen integrierten US-Gesundheitssystem untersucht.

In dieser retrospektiven Kohortenstudie analysierten sie elektronischen Gesundheitsakten von Kaiser Permanente Southern California zwischen dem 14. Dezember 2020 und dem 5. Dezember 2021, um die Wirksamkeit von 2 und 3 Dosen BNT162b2 gegen SARS-CoV-2-Infektionen (ohne Krankenhauseinweisung) und gegen COVID-19-bedingte Krankenhauseinweisungen zu bewerten.

Nach 2 Dosen sank die Impfeffektivität gegen Infektionen von 85% (95%-KI 83%-86%) im 1. Monat auf 49% (95%-KI 46%-51%) ab dem 7. Monat nach der Impfung.

Die Impfeffektivität gegen Krankenhausaufenthalte lag innerhalb eines Monats bei 90% (95%-KI 86%-92%) und nahm nicht ab. Bei immungeschwächten Personen schien sich die Wirksamkeit gegen Hospitalisierungen zu verringern, was jedoch statistisch nicht signifikant war (93 % [72%-98%] nach 1 Monat versus 74% [45%-88%] nach ≥ 7 Monaten; p=0-490).

Die Effektivität nach 3 Dosen (mediane Nachbeobachtung 1-3 Monate) betrug 88% (95%-KI 86%-89%) gegen Infektionen und 97% (95%-98%) gegen Krankenhausaufenthalte. Die Wirksamkeit nach 3 Dosen war in beiden Fällen höher als die Wirksamkeit 1 Monat nach der Verabreichung von nur 2 Dosen.

Die relative Impfeffektivität von 3 Dosen im Vergleich zu 2 (mit mindestens 6 Monaten Zeitabstand nach der 2. Dosis) betrug 75% (95%-KI 71%-78%) gegen Infektionen und 70% (48%-83%) gegen Hospitalisierungen.

„Diese Daten untermauern den Nutzen einer breit angelegten BNT162b2-Auffrischungsimpfung, da 3 Dosen einen vergleichbaren, wenn nicht sogar besseren Schutz vor SARS-CoV-2-Infektionen und Krankenhauseinweisungen bieten als dies kurz nach 2 Dosen der Fall war“, so die Autoren.

Sport als Adjuvans: Bewegung nach einer Impfung erhöht die Serum-Antikörpertiter

Forscher haben einen weiteren, unkonventionellen Vorschlag veröffentlicht, um die Effektivität von Vakzinen zu steigern: körperliche Aktivität kurz nach der Impfung.

In Experimenten untersuchten sie Effekte einer leichten bis mittelschweren Übung auf dem Fahrradergometer oder Joggings im Freien auf die Serumantikörperreaktion. Zum Einsatz kamen Impfstoffe gegen die pandemische Influenza H1N1 2009, gegen die saisonale Influenza und gegen COVID-19 (BioNTech/Pfizer). Das Training fand direkt nach der Grippeschutz-Impfung oder nach Gabe der 1. Dosis des COVID-19-Vakzins statt.

Eine 90-minütige sportliche Betätigung erhöhte die Serumantikörper bei jedem Vakzin 4 Wochen nach der Immunisierung, wobei IFNα zu dem Nutzen beitragen könnte. Zu mehr Nebenwirkungen führte diese Strategie nicht.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Erwachsene, die regelmäßig Sport treiben, die Antikörperreaktion auf den Influenza- oder COVID-19-Impfstoff erhöhen können, indem sie nach der Impfung eine einzige Trainingseinheit mit leichter bis mittlerer Intensität durchführen“, schreiben die Autoren als Fazit.

 

Kommentar

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