ASS senkt Rezidivrate bei Brustkrebs nicht; Selinexor verkleinert Glioblastome; kein erhöhtes Krebsrisiko mit Migräne

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

15. Februar 2022

Im Onko-Blog dieser Woche geht es mehrfach um das Mammakarzinom. Eine Metaanalyse ergab, dass Aromatasehemmer auch bei prämenopausalen Frauen besser wirken als Tamoxifen, wenn ihre Ovarialfunktion unterdrückt ist. Acetylsalicylsäure adjuvant verhindert nach Ergebnissen einer prospektiven Studie Brustkrebs-Rezidive nicht. Enttäuschende Ergebnisse beim kastrationsresistenten Prostatakarzinom: Die aktive zelluläre Immuntherapie DCVAC/PCa hatte in einer Phase-3-Studie keinen Einfluss auf das Gesamtüberleben. Selinexor verkleinert Gliom Tumoren. Und gute Nachricht für Patienten mit Migräne: Das Risiko für die meisten Tumorerkrankungen ist nicht erhöht.

  • Mammakarzinom: Aromatasehemmer besser als Tamoxifen – auch in der Prämenopause

  • HER2-positives Mammakarzinom: Pyrotinib plus Capecitabin bei Hirnmetastasen

  • Mammakarzinom: Adjuvante Acetylsalicylsäure verhindert Rezidive nicht

  • Prostatakarzinom: Autologe zelluläre Immuntherapie ohne Wirkung in Phase-3-Studie

  • Glioblastom: Selinexor kann Tumore verkleinern

  • Krebserkrankungen: Migräne meist nicht mit erhöhtem Risiko assoziiert

Mammakarzinom: Aromatasehemmer besser als Tamoxifen – auch in der Prämenopause

Aromatasehemmer können auch bei prämenopausalen Frauen mit Hormonrezeptor-positivem frühem Mammakarzinom das Rezidivrisiko stärker senken als Tamoxifen. Dies zeigte eine neue Studie der Early Breast Cancer Trialists' Collaborative Group (EBCTCG), Oxford, publiziert in Lancet Oncology .  

Bei postmenopausalen Frauen senken Aromatasehemmer das Rezidivrisiko im Vergleich zu Tamoxifen um weitere 30%, das ist schon länger bekannt. Bei prämenopausalen Frauen sind sie jedoch ohne gleichzeitige ovarielle Suppression unwirksam. Wirksam sind sie aber bei ovarieller Suppression oder Ablation.

Die Arbeitsgruppe analysierte nun in einer Metaanalyse die patientenindividuellen Daten von 4 Studien (ABCSG XII, SOFT, TEXT und HOBOE) mit 7.030 Frauen mit Hormonrezeptor-positiven Tumoren, deren Ovarfunktion mit Goserelin oder Triptorelin oder Ablation unterdrückt war.

Insgesamt kam es bei 12,6% der Frauen zu einem Rezidiv. Ein Rezidiv war bei Behandlung mit Aromatasehemmer im Vergleich zur Behandlung mit Tamoxifen signifikant seltener, das Risiko war um 21% geringer (RR: 0,79; p = 0,0005). Ein Rezidiv trat bei 6,9% unter Aromatasehemmer und bei 10,1% in der Tamoxifen-Gruppe auf, was einer absoluten Risikoreduktion von 3,2 Prozentpunkten entspricht.

Der größte Nutzen zeigte sich in den ersten 5 Jahren, in denen das Rezidivrisiko unter Aromatasehemmern um 32% geringer war als unter Tamoxifen. Keine Unterschiede zwischen den beiden Therapieformen zeigten sich nach 5 bis 10 Jahren.

Unter Aromatasehemmer erlitten mehr Frauen Knochenbrüche als unter Tamoxifen (6,4% vs. 5,1%, RR 1,27 p=0,017). Diese können eventuell durch Bisphosphonate vermieden werden.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die Auswirkungen der endokrinen Therapie und der Unterdrückung der Ovarialfunktion auf die Lebensqualität neben der Verringerung der Rezidivrate ebenfalls sorgfältig berücksichtigt werden sollten.

HER2-positives Mammakarzinom: Pyrotinib plus Capecitabin bei Hirnmetastasen

Der Tyrosinkinase-Inhibitor Pyrotinib erreichte bei Frauen mit HER2-positivem, rezidiviertem Mammakarzinom und Hirnmetastasen in Kombination mit Capecitabin eine viel versprechende intrakranielle Ansprechrate. Diese Ergebnisse der multizentrischen einarmigen Phase-2-Studie PERMEATE hat eine chinesische Arbeitsgruppe in Lancet Oncology publiziert.

Bei bis zu 50% der Frauen mit fortgeschrittenem HER2-positivem Brustkrebs kommt es zu Hirnmetastasen. Es gibt kaum wirksame Therapieoptionen, bislang wurden die Patientinnen vorwiegend bestrahlt. In der einarmigen PERMEATE-Studie wurde der in China entwickelte Tyrosinkinase-Inhibitor Pyrotinib in Kombination mit Capecitabin bei Brustkrebs-Patientinnen mit Hirnmetastasen ohne vorherige Strahlenbehandlung (Kohorte A, n = 59) und mit Progression nach Strahlentherapie (Kohorte B, N = 19) eingesetzt. Die meisten waren mit Trastuzumab vorbehandelt.

Die objektive Ansprechrate betrug nach einer medianen Nachbeobachtungszweit von 15,7 Monaten 75% in Kohorte A und 42% in Kohorte B. Ohne Progression überlebten Frauen der Kohorte A im Median 11,3 Monate, der Kohorte B 5,6 Monate. Häufigste behandlungsbedürfte Nebenwirkung war Durchfall.

Nach Meinung der Autoren sollte die Kombination in einer randomisierten, kontrollierten Vergleichsstudie weiter untersucht werden.

Mammakarzinom: Adjuvante Acetylsalicylsäure verhindert Rezidive nicht

Die tägliche Einnahme von 300 mg Acetylsalicylsäure (ASS) verbessert das invasive krankheitsfreie Überleben (iDFS) von Frauen mit Brustkrebs nicht. Dies ergab die randomisierte doppelblinde Phase-3-Studie Aspirin after Breast Cancer (ABC), deren Ergebnisse am 15. Februar 2022 bei der ASCO Plenary Series Session präsentiert worden sind.

In der ABC-Studie wurde erstmals randomisiert und doppelblind die Wirksamkeit von ASS zur Verhinderung von Rezidiven eines Mammakarzinoms untersucht. 3.021 Frauen mit HER2-negativem Hochrisiko-Mammakarzinom erhielten über 5 Jahre randomisiert täglich Acetylsalicylsäure 300 mg oder Placebo.

Die Studie wurde nach 191 iDFS-Ereignissen (107 unter Acetylsalicylsäure, 84 unter Placebo) und einer medianen Nachbeobachtungszeit von 20 Monaten vorzeitig beendet, weil es unwahrscheinlich war, dass Acetylsalicylsäure Rezidive verhinderte.

Unerwünschte Wirkungen vom Schweregrad 3 oder 4 waren in beiden Gruppen ähnlich häufig.

Obwohl Entzündungen eine Rolle bei der Krebsprogression spielen können, wird Acetylsalicylsäure nicht zur Prävention von Brustkrebs-Rezidiven empfohlen, so die Schlussfolgerung der Autoren.

Prostatakarzinom: Autologe zelluläre Immuntherapie ohne Wirkung in Phase-3-Studie

Bei Patienten mit kastrationsresistentem metastasiertem Prostatakarzinom (mCRPC) hatte eine Behandlung mit einer aktiven zellulären Immuntherapie (DCVAC/PCa, Stapuldencel) im Vergleich zu Placebo keine Wirkung auf das Gesamtüberleben. Dies ergab die doppelblinde randomisierte Phase-3-Studie VIABLE, die von einer internationalen Arbeitsgruppe in JAMA Oncology publiziert worden ist.

DCVAC/PCa ist eine aktive Immuntherapie, die auf autologen dendritischen Zellen basiert. Vom Patienten gewonnene dendritische Zellen (DCs) werden einer Prostata-Adenokarzinom-Zelllinie (LNCaP) ausgesetzt, die abgetötet wurde. Erste Untersuchungsergebnisse waren viel versprechend.

Daher wurden in der Phase-3-Studie VIABLE (Active Immunotherapy Using Dendritic Cell–Based Treatment for Late-Stage Prostate Cancer) Wirksamkeit und Verträglichkeit einer Kombination von Docetaxel mit DCVAC/PCa, gefolgt von einer Erhaltungstherapie mit DCVAC/PCa im Vergleich zu Docetaxel plus Placebo untersucht.

Insgesamt 1.182 Männer mit mCRPC erhielten DCVAC/PCa (n = 787) oder Placebo (n = 395). Das mediane Gesamtüberleben unterschied sich in den beiden Gruppen mit 23,9 vs. 24,3 Monaten nicht.

Auch in den sekundären Endpunkten (radiologisches progressionsfreies Überleben, Zeit bis zur Progression des prostataspezifischen Antigens oder skelettbezogene Ereignisse) wurden keine Unterschiede gesehen.  Therapiebedingte unerwünschte Wirkungen traten unter DCVAC/PCa bei 9,2%, unter Placebo bei 12,7% der Patienten auf.

Glioblastom: Selinexor kann Tumore verkleinern

Bei Patienten mit rezidiviertem Gliom führte eine Monotherapie mit Selinexor in 28% der Fälle zur einer messbaren Verkleinerung der Tumore, so das Ergebnis der KING-Studie, die eine internationale Arbeitsgruppe in Clinical Cancer Research publiziert hat.

Selinexor ist in der EU seit März 2021 in Kombination mit Dexamethason für die orale Behandlung des fortgeschrittenen, rezidivierten stark vorbehandelten multiplen Myeloms bei erwachsenen Patienten zugelassen. Der reversible kovalente selektive Inhibitor des nukleären Exports (SINE) blockiert spezifisch Exportin 1 (XPO1). XPO1 ist wichtig für den Export vieler Transportproteine aus dem Zellkern, darunter Tumorsuppressorproteine (TSPs), Wachstumsregulatoren und mRNAs von wachstumsfördernden (onkogenen) Proteinen.

Die XPO1-Hemmung durch Selinexor führt zu einer deutlichen Ansammlung von TSPs im Zellkern, zum Stillstand des Zellzyklus, zur Reduzierung verschiedener Onkoproteine wie c-Myc und Cyclin D1 und zur Apoptose von Krebszellen.

Patienten, die sich einer Operation unterzogen, erhielten präoperativ bis zu drei Dosen Selinexor (Arm A; n = 8). Patienten ohne Operation wurden mit 50 mg/m2 (Arm B, n = 24) oder 60 mg (Arm C, n = 14) zweimal wöchentlich oder 80 mg einmal wöchentlich (Arm D; n = 30) behandelt. Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben nach 6 Monaten (PFS6).

In den Armen B, C bzw. D betrug das PFS6 10%, 7,7% bzw. 17%. Bei 19 Patienten (28%) verkleinerte sich der Tumor messbar.

Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten bei 26 (34%) Patienten auf, am häufigsten waren Müdigkeit (61%), Übelkeit (59%), verminderter Appetit (43%) und Thrombozytopenie (43%).

Nach Meinung der Autoren rechtfertigen diese Ergebnisse weitere Studien mit Selinexor bei Glioblastom-Patienten.

Krebserkrankungen: Migräne meist nicht mit erhöhtem Risiko assoziiert

Für die meisten Krebserkrankungen lässt sich keine Assoziation mit einer Migräne nachweisen, außer für neurologische Karzinome, bei denen ein erhöhtes Risiko gezeigt wurde, und für gastrotintestinale Tumoren, die mit einem geringeren Risiko verbunden sind.

„Diese Ergebnisse können einen echten Unterschied im Krebsrisiko widerspiegeln oder sie spiegeln Unterschiede im Arzneimitteleinsatz, einen Bias beim Nachweis, gemeinsame Risikofaktoren und eine umgekehrter Kausalität wieder, was plausibler ist“, so die Schlussfolgerung der amerikanisch-dänischen Autorengruppe in Headache .

Anhand der Daten aus dänischen Bevölkerungsregistern identifizierte die Arbeitsgruppe 72.826 Patienten mit einer erstmaligen Migränediagnose im Krankenhaus. Von diesen Personen erkrankten 3.090 an einem Karzinom im Vergleich zu 3.108 erwarteten Fällen (Standardisierte Inzidenz Ratio [SIR]: 0,99).

Bei den meisten Tumoren zeigte sich keine Assoziation mit der Migräne, so bei hormonbedingten Tumoren (SIR: 1,00), bei mit Rauchen verbundenen Tumoren (SIR 0,96), bei hämatologischen Tumoren (SIR: 1,10) und bei immunassoziierten Tumoren (SIR: 0,95). Ausnahmen waren gastrointestinale Tumoren mit einer SIR von 0,78 und neurologische Tumoren mit einer SIR von 1,57.

 

Kommentar

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