Tumore und Darmentzündungen: Viele Produkte nutzen Desinfektionsmittel Triclosan. Schäden bei Mäusen auf Menschen übertragbar?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

8. Februar 2022

Das Desinfektionsmittel Triclosan (TCS) wurde ursprünglich für die Anwendung in der Medizin entwickelt. Heute ist der antimikrobielle Wirkstoff aber auch in Flüssigseifen, Deodorants und Zahnpasta enthalten und in Küchenbrettern, Textilien und Schuhen kommt die Substanz als Keim-Bremse zum Einsatz. Das Problem: Triclosan steht in Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein.

Nun legen neue Forschungsergebnisse nahe, dass der antimikrobielle Wirkstoff den Darm schädigen kann. Die Studie von Dr. Guodong Zhang, University of Massachusetts Amherst, Prof. Dr. Matthew Redinbo, University of North und Kollegen, stellt eine Reihe von Daten vor, nach denen Triclosan nach Inaktivierung durch körpereigene Enzyme im Darm durch spezifische mikrobielle Enzyme wieder zu Triclosan rück-metabolisiert werden kann. Zhang und Kollegen berichten über ihre Ergebnisse in Nature Communications [1].

In einer Arbeit von 2018 hatten die Autoren bereits gezeigt, dass Triclosan bei Mäusen entzündliche Darmreaktionen verursachen und das Tumorwachstum fördern kann.

Von Menschen und Mäusen

Zu den Ergebnissen in Nature Communications stellt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fest: „Die Befunde sind, obwohl hauptsächlich an Mäusen erhoben, interessant.“ Das Institut moniert allerdings eine Reihe „unklarer Versuchsparameter“.

So sei die Charakterisierung der Kohorten für die Humanstudie unvollständig. Neben der geringen Anzahl von Probanden, die gerade noch dem entspreche, was im Tierversuch zur Erlangung statistischer Signifikanz absolut notwendig sei, „ist die Höhe der Exposition gegenüber Triclosan unklar“, teilt das BfR auf Nachfrage von Medscape mit. Denn den Probanden wurden Zahnpasta, Seifen und ein Haushaltsprodukt mit Triclosan zur Verfügung gestellt – es finden sich aber weder Daten zur Menge von Triclosan im einzelnen Produkt noch zur Anwendungshäufigkeit.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der in der Arbeit nicht thematisiert werde, seien grundlegende Unterschiede im Magen-Darm-Trakt sowie in der Art der Triclosan-Metabolisierung zwischen Menschen und Nagern. Beim Menschen beträgt die Halbwertszeit von Triclosan nach oraler Aufnahme 21 Stunden, bei Ratten mehr als 48 Stunden. Oral oder dermal verabreichtes Triclosan wird bei Menschen bevorzugt über den Urin ausgeschieden, bei Mäusen hingegen über den Kot. Konkret werden beim Menschen bis zu 87% des Triclosans über den Urin ausgeschieden, das meiste davon innerhalb der ersten 72 Stunden.

Das BfR gelangt zu der Einschätzung, dass sowohl Menschen als auch Mäuse im Darm Bakterien beherbergen, deren Enzyme eine Rück-Metabolisierung von Triclosan-Glukuronid zu Triclosan katalysieren können. „Bei Mäusen scheint dies eine fördernde Wirkungen auf Darmentzündungen bzw. auf eine entzündungsbedingte Tumorentstehung zu haben. Die Relevanz für den Menschen lässt sich anhand der Studiendaten nicht beurteilen. Das BfR wird die Studienlage weiter kritisch verfolgen. Wir empfehlen, Triclosan auf den medizinischen Bereich zu beschränken“, so das BfR.

BfR und Allergologen fordern seit Jahren eine Beschränkung

Das Desinfektionsmittel, das laut Zhang und Kollegen in den USA in mehr als 2.000 Verbraucher- und Industrieprodukten enthalten ist, steht seit Jahren in der Kritik. Es wird mit einer Störung der Schilddrüsenfunktion, einer endokrinen Disruption, Entwicklungsstörungen, oxidativem Stress und der Entstehung von Krebs in Verbindung gebracht.

Triclosan gelangt auch in die Umwelt. Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) hatten 2012 mitgeteilt, dass Triclosan zu den Stoffen gehört, die besonders schädlich für die Ökologie von Flüssen sind. Von den 500 untersuchten Abwasserschadstoffen belegt Triclosan in Europa Platz 6 der problematischsten Stoffe. In der Elbe fanden sich Spitzenwerte, die bis zum 12-fachen über dem Wert lagen, der für Algen unschädlich ist.

Bereits 2006 hatte das BfR gefordert, den Einsatz von Triclosan auf den ärztlichen Bereich zu beschränken. Die Ausweitung des Einsatzes von Triclosan in der Bekleidungs- und Kosmetikindustrie, bei Bedarfsgegenständen etc., führe hingegen „zu einem wesentlich höheren Selektionsdruck auf die verschiedensten Bakterienpopulationen“. Das gelte vor allem für die Bereiche, in denen Unterdosierungen unvermeidbar sind. Untersuchungen zeigten, dass sowohl grampositive als auch gramnegative Bakterien über Mechanismen verfügen, niedrige bis hohe Resistenzen gegenüber Triclosan zu entwickeln.

Auch Dr. Thomas Lob-Corzilius, Kinder-und Jugendarzt und Koordinator der Arbeitsgruppe Umweltweltmedizin der Deutschen Gesellschaft Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA), hatte Anfang 2016 den sachgerechten Einsatz des Mittels gefordert. Dazu gehört ein Verbot des Einsatzes von Triclosan in Kosmetika, Haushaltsreinigern, Waschmitteln, Sport- und Funktionstextilien, Schuhen und Matratzenbezügen. Triclosan, so Lob-Corzilius, sollte „auf das unbedingt notwendige Maß im ärztlichen Bereich beschränkt werden“. Auch in der dermatologischen Anwendung sollten Alternativen z.B. Hydrophile Chlorhexidingloconat-Creme 1%, NRF 11.116, genutzt werden und triclosanhaltige nur bei dringender Indikation und befristet.

Nur noch in Produkten erlaubt, die nur kurz Hautkontakt haben

Von einer Beschränkung auf den ärztlichen Bereich sind Deutschland und die EU allerdings weit entfernt. Dem BfR „liegen keine Daten vor, wie häufig Triclosan in der EU bzw. in Deutschland in Verbraucherprodukten wirklich eingesetzt wird“, bestätigt das Bundesinstitut auf Anfrage.

Im Oktober 2014 ist die EU-Kosmetikverordnung lediglich ergänzt worden: Seitdem ist Triclosan nur noch in Produkten erlaubt, die nur kurz Hautkontakt haben, dann aber wieder entfernt werden. Dazu gehören z.B. Zahnpasta, Seifen oder Duschgele. Dadurch soll die Aufnahme in den Körper begrenzt werden. Die Einschränkungen gehen auf Gutachten und Stellungnahmen des Scientific Committee on Consumer Products (SCCP) der EU-Kommission zurück, das eine Vielzahl von Studien u.a. zur Kanzerogenität, Entwicklungstoxizität und Teratogenität von Triclosan und zur antimikrobiellen Resistenz evaluiert und bewertet hatte.

Inwieweit sind Studien mit Nagern übertragbar?

Diverse Studien mit Nagetieren zeigen schädliche Wirkungen von Triclosan. In einer Arbeit aus 2012 wurde Mäusen eine relative hohe Dosis Triclosan in den Bauchraum gespritzt, was die Muskelfunktion der Tiere beeinträchtigt hatte. „Diese Art der Tricolosan-Aufnahme ist für den Menschen nicht relevant“, sagt das BfR dazu. Hinzu kommt: Die Aufnahme über die Haut bzw. oral erfolge „viel langsamer“, auch werde Triclosan im Körper metabolisiert, die systemisch verfügbaren Mengen seien deshalb „nicht vergleichbar“”.

Entsprechend sieht das BfR in den Studienergebnissen nur eine begrenzte Relevanz für die Bewertung des gesundheitlichen Risikos für den Menschen. Beim Menschen seien solche neurologischen Effekte nicht beschrieben wurden, so das BfR. Auch hätten orale Dosen bis zu 30 mg/Person (0,43 mg/kg für 70 kg Körpergewicht) als Einzeldosis oder wiederholt über 30 Tage in einer Arbeit von 1990 keine neurologischen Auswirkungen (Lücker et al. 1990).

2014 gab es Hinweise, dass Triclosan bei Mäusen Leberschäden und Krebs auslösen kann. Nach Einschätzung des BfR ist „der beobachtete Effekt deutlich und wird untermauert durch Begleitdaten zu bestimmten Markerproteinen, die darauf schließen lassen, dass das Lebergewebe so verändert wird, dass ein einmal initiierter Krebs schneller wächst und sich schneller ausbreitet“. Als Nachteil bezeichnet das BfR, dass nur eine Dosis verwendet wurde. Damit sei keine Dosis-Wirkungs-Beziehung ableitbar und damit keine Abschätzung des Risikos für den Menschen.

Kanzerogenität: Datenlage ist uneinheitlich

In Bezug auf die Kanzerogenität von Triclosan ist die Datenlage uneinheitlich: Laut BfR sind hepatische Effekte und Lebertumoren (aber keine anderen Tumoren) bei Mäusen beschrieben.

Hingegen gibt es wenig Anhaltspunkte für Toxizität und keine Tumoren bei Ratten. Hamster wiederum weisen mehr Lebertoxizität als Ratten auf, aber keine Tumoren.

Die Datenlage spricht dafür, dass Tumoren in Mäusen über eine Aktivierung des Peroxisome proliferator-activated receptor α (PPARα) induziert werden – ein Wirkungsmechanismus, der für Menschen nicht relevant sei, so das BfR. Das Scientific Committee on Consumer Safety (SCCS) schloss daraus, dass Triclosan nicht als kanzerogen klassifizierbar ist.

Die bisherige Datenlage erlaube aufgrund methodischer Mängel und begrenzter Vergleichbarkeit der veröffentlichten Studien „keine abschließende Beurteilung der Toxizität von Triclosan“ – zu diesem Ergebnis kommt auch eine Metaanalyse aus 2018, die 43 Studien ausgewertet hatte.

Aktuell wird Triclosan durch das SCCS bewertet, weil es aufgrund seiner endokrinen Aktivität auf eine Prioritätenliste der EU-Kommission von 28 Stoffen in Kosmetika gesetzt wurde, die im Verdacht stehen, endokrine Disruptoren zu sein. Im Fokus stehen dabei Effekte auf die Schilddrüse und auf die Geschlechtshormone, wobei eine endokrine Aktivität nicht gleichzusetzen ist mit endokriner Disruption – also einer plausiblen negativen Auswirkung auf das menschliche Hormonsystem.

 

Kommentar

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