Gehirn und Spermien sind sicher: 5G-Technik ist offenbar nicht gesundheitsschädlich

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

4. Februar 2022

Wer mobilfunktechnisch auf der Höhe der Zeit sein will, besitzt entweder schon oder erwirbt demnächst ein Smartphone, das 5G-fähig ist. Wie bei den bisher verwendeten Mobilfunkstandards (2G, 3G, 4G) stellt sich allerdings auch bei 5G die Frage, ob es negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Nutzer gibt. Forscher geben nun Entwarnung: Es gibt bisher keine Beweise für gesundheitsschädliche Effekte der 5G-Technik. Weder das Gehirn noch die Spermien etwa scheinen darunter zu leiden, berichten Wissenschaftler der Universitäten von Basel und Mainz

Thermische Wirkungen auf Herz oder Hirn

Die Bevölkerung ist hochfrequenten elektromagnetischen Felden (HF-EMF) vor allem durch die körpernahe Nutzung von drahtlosen Kommunikationsgeräten, insbesondere Mobiltelefonen, ausgesetzt.

Unbestritten ist nach Angaben von Martin Röösli, Universität Basel, und seinen Kollegen, dass HF-EMF eine thermische Wirkung haben. Beim Expositionsrichtwert der ICNIRP (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection) für die Allgemeinbevölkerung betrage die maximale Erwärmung der Kerntemperatur bei Ganzkörperexposition 0,02°C, die lokale Erwärmung 0,2°C für Kopf und Rumpf und 0,5°C für die Gliedmaßen. Dies könne potenziell das Herz-Kreislauf-System beeinflussen.

Ein niederländisches Expertengremium sei 2020 jedoch, auf Basis von 3 epidemiologischen Studien und 24 humanexperimentellen Studien, zu dem Schluss gekommen, dass HF-EMF unterhalb der Richtwerte das kardiovaskuläre und vegetative Nervensystem nicht beeinflussten.

Mehr Evidenz gibt es nach Angaben der Autoren um Röösli zum Einfluss von hohen lokalen HF-EMF-Expositionen im Bereich des Richtwerts auf die elektrische Aktivität des Gehirns. In den meisten randomisierten Studien mit Menschen seien dabei Veränderungen im Alpha-Frequenzbereich beobachtet worden.

Die beobachteten Veränderungen lägen jedoch im Schwankungsbereich der normalen Werte. Sie hätten sich nicht auf die kognitive Leistungsfähigkeit oder die subjektive Schlafqualität ausgewirkt und in der großen Mehrheit der Studien sei die Makrostruktur des Schlafes nicht beeinflusst gewesen. 

In In-vitro- und In-vivo-Studien seien ausserdem Einflüsse von HF-EMF auf die Bildung von reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) beobachtet worden. Möglicherweise sei dies - zumindest teilweise - auf die thermische Wirkung von HF-EMF zurückzuführen, erklären die Autoren um Röösli. Allerdings könnte die Produktion der reaktiven Sauerstoffspezies auch ein Indiz für längerfristige schädliche Auswirkungen sein. 

Keine Belege für mehr maligne Hirntumore

Befürchtet und postuliert wird seit Jahren immer wieder, dass die häufige Nutzung von Mobiltelefonen so zu malignen Hirntumoren kommen könnte. Die meisten epidemiologische Studien zu malignen Hirntumoren im Zusammenhang mit der Nutzung von Mobiltelefonen zeigten jedoch keine erhöhte Erkrankungsrate, berichten die Autoren.

Die in Fallkontrollstudien teilweise beobachteten erhöhter Raten seien wahrscheinlich methodisch bedingt und auf eine systematische Überschätzung der retrospektiv erhobenen Telefonnutzungsdauer von Hirntumor-Patienten im Vergleich zu gesunden Personen zurückzuführen.

Da mittlerweile der größte Teil der Bevölkerung ein Mobiltelefon nutze, müsste sich ein relevant erhöhtes Tumorrisiko in einer Zunahme der Patienten mit Hirntumoren in den letzten Jahren gezeigt haben. Analysen in mehreren Ländern hätten jedoch keine Hinweise darauf geliefert, dass die Inzidenz von Tumoren im Kopfbereich mit einer gewissen Verzögerung steige, nachdem die Mehrheit der Bevölkerung in diesen Ländern begonnen habe, Mobiltelefone zu benutzen. 

Einzelne Beobachtungen von einer Zunahme der Glioblastom-Häufigkeit könnten auch auf eine Änderung in der diagnostischen Kodierungspraxis zurückgeführt werden, da gleichzeitig die Inzidenz andere Arten von Hirntumoren abgenommen habe, jedoch die Gesamtzahl der zerebralen Neoplasien konstant geblieben sei.

Gegen die Hypothese, dass der „Elektrosmog“  die Entwicklung von Krebserkrankungen fördere, sprechen auch 4   Fallkontrollstudien   aus Südkorea, Großbritannien, Deutschland und der Schweiz: Wie die Autoren berichteten, seien keine konsistenten Zusammenhänge zwischen Leukämien bei Kindern und HF-EMF-Exposition durch körperferne Quellen beobachtet worden. 

Elektromagnetische Hypersensibilität?

Manche Menschen glauben oder geben an, dass Befindlichkeits- und Gesundheitsstörungen, an denen sie leiden, durch elektromagnetische Felder in ihrem Wohn- oder Arbeitsumfeld verursacht würden. Diese „Selbstattribution“, für die es keine messbaren diagnostischen Kriterien gebe, werde als elektromagnetische Hypersensibilität bezeichnet, erklären die Wissenschaftler weiter.

Eine Vielzahl von experimentellen Doppelblindstudien, an denen teilweise auch elektromagnetisch hypersensible Personen teilgenommen hätten, haben laut Röösli und seinen Mitautoren eine „starke Evidenz gegen die Auslösung unspezifischer Beschwerden durch kurzfristige HF-EMF-Exposition“ ergeben. 

Für langfristige HF-EMF-Expositionen sei in den meisten epidemiologischen methodisch guten Studien keine Beeinträchtigung des Wohlbefindens durch Exposition gegenüber körperfernen „Elektrosmog“-Quellen am Wohnort beobachtet worden.

Eine große prospektive Kohortenstudie aus Finnland und Schweden habe auch keine Zunahme von Kopfschmerzen oder Schlafproblemen im Zusammenhang mit  Mobiltelefonen festgestellt.

Auch auf die Spermienqualität haben Mobiltelefone wohl keinen Einfluss, wie eine vergangenes Jahr publizierte prospektive Kohortenstudie mit rund 3.000 Personen schlussfolgern lässt. 

Fazit von Röösli und seinen Kollegen: „Biologische Auswirkungen im Bereich des Richtwerts für körpernah betriebene HF-EMF-Quellen stellen gemäß heutigem Kenntnisstand kein Gesundheitsrisiko dar.“ Es gebe keine fundierten Hinweise, dass 5G andere gesundheitliche Auswirkungen als die bisherigen drahtlosen Kommunikationstechnologien habe. Wie sich 5G „gesamthaft auf die Exposition der Bevölkerung auswirken wird“, hänge allerdings von den zukünftigen Anwendungen ab, die zurzeit noch weitgehend unbekannt seien.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Coliquio.de .

 

Kommentar

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