EU-Zulassung von Paxlovid®: Hoffnungsschimmer, aber kein Wundermittel – und kein Ersatz für Impfungen

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

7. Februar 2022

Nach der EMA-Empfehlung hat die europäische Kommission die Zulassung für Paxlovid® (Nirmatrelvir plus Ritonavir) erteilt, einer oralen Therapie gegen COVID-19. Die Erwartungen sind groß; Medscape hatte über zulassungsrelevante Daten berichtet. Die Zulassung gilt nur für Erwachsene, da Wirksamkeit und Sicherheit des Medikaments bei unter 18-Jährigen nicht bekannt sind.

Ärzte und Patienten sollten allerdings bedenken, dass es – wie bei jeder Pharmakotherapie – unerwünschte Effekte geben kann. Insbesondere das Risiko von Wechselwirkungen sollte nicht unterschätzt werden, wie die EMA schreibt.  

Paxlovid® als Meilenstein der COVID-19-Therapie?

Virustatika, die innerhalb von wenigen Tagen nach Symptombeginn bei COVID-19 einzunehmen sind, könnten nach Ansicht von Wissenschaftlern etlichen Menschen helfen. Sollten Wirkstoffe auch für Länder mit niedrigen Budgets erschwinglich sein, wären sie – so die Hoffnung – eine Alternative, falls zu wenige Impfstoffe und kaum stationäre Kapazitäten zur Verfügung stehen.

Paxlovid® ist indes nicht völlig neu. Wissenschaftler von Pfizer entwickelten bereits 2003 eine Version des Wirkstoffs gegen ein Corona-Virus. Doch der damalige SARS-Ausbruch ebbte ab, und das Projekt wurde auf Eis gelegt. 2020 stellten Wissenschaftler allerdings fest, dass ihre Behandlungsstrategie SARS-CoV-2 stoppen könnte. Eine frühe Version wurde intravenös getestet; Pfizer entwickelte anschließend eine orale Darreichungsform.

Das in Paxlovid® enthaltene Nirmatrelvir hemmt die Coronavirus-3C-like-Virusprotease und folglich die Virus-Replikation. Dieser Inhibitor muss zusammen mit Ritonavir als Proteasehemmer eingenommen werden, um ausreichend hohe therapeutische Plasmaspiegel zu erreichen. Ritonavir wirkt als potenter Hemmstoff von CYP 3A, über das Nirmatrelvir abgebaut wird.

Schutz vor Klinikaufenthalt und Tod

Laut Pfizer erwies sich Paxlovid® in einer placebo-kontrollierten Studie als sehr wirksam. Das Risiko für einen COVID-19 bedingten Krankenhausaufenthalt oder Tod (primärer Endpunkt) sei um 89% reduziert worden, wenn das oral verabreichte Medikament innerhalb von 3 Tagen nach Beginn der Symptome eingenommen worden sei, heißt es in einer Meldung.

Aufgrund der positiven Ergebnisse wurde die Phase-2/3-Studie vorzeitig beendet. An der Studie mit dem Akronym EPIC-HR (Evaluation of Protease Inhibition for COVID-19 in High-Risk Patients) nahmen nicht-hospitalisierte COVID-19-Patienten teil, deren Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf als hoch eingeschätzt wurde.

Laut Pfizer sei der primäre Endpunkt bei 0,8% der Patienten in der Paxlovid®-Gruppe eingetreten (3/389 Krankenhauseinweisungen, keine Todesfälle). In der Kontrollgruppe habe dieser Anteil 7% betragen (27/385 Krankenhauseinweisungen, 7 Todesfälle). Die statistische Signifikanz dieser Ergebnisse war hoch (p<0,0001).

Ein ähnlicher Rückgang der COVID-19-bedingten Krankenhauseinweisungen oder Todesfälle wurde der Mitteilung zufolge bei Patienten beobachtet, die innerhalb von 5 Tagen nach Symptombeginn behandelt wurden: In der Verum-Gruppe betrug der Anteil 1% (6/607 Krankenhauseinweisungen, keine Todesfälle), in der Placebo-Gruppe 6,7% (41/612 Krankenhauseinweisungen, 10 Todesfälle).

Die Zulassung sei erstmal eine gute Nachricht, kommentiert der Arzt und CDU-Europaabgeordnete Dr. Peter Liese in einer Mitteilung. Er sprach von einem echten „Hoffnungsschwimmer“, mahnte jedoch, Paxlovid sei keinesfalls als Ersatz für eine Impfung zu betrachten.

Liese: „Das sind keine Smarties. Die Nebenwirkungen sind erheblich, insbesondere in Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.“ Wer denke, wegen der Nebenwirkungen durch Impfungen sollte man sich nicht impfen lassen, weil es ja jetzt auch ein Medikament gebe, liege daher falsch. „Die Impfung ist nach wie vor die wichtigste Maßnahme, um schwere Verläufe zu verhindern und der Pandemie den Schrecken zu nehmen“, so Liese weiter.

 
Die Impfung ist nach wie vor die wichtigste Maßnahme, um schwere Verläufe zu verhindern (...). Dr. Peter Liese
 

Paxlovid®: Darauf sollten Ärzte achten

Auf Kontraindikationen und mögliche Wechselwirkungen geht die EMA in ihrer Produktinformation ausführlich ein. Kontraindiziert ist Paxlovid® bei schwerer Leberfunktionsstörung, bei schwerer Nierenfunktionsstörung und bei Arzneimitteln, deren Clearance stark von CYP3A abhängt und bei denen erhöhte Konzentrationen mit schwerwiegenden und/oder lebensbedrohlichen Reaktionen verbunden sind.

Der Proteasehemmer ist auch kontraindiziert bei Therapie mit Arzneimitteln, die starke CYP3A-Induktoren sind, bei denen signifikant reduzierte PF-07321332/Ritonavir-Plasmakonzentrationen mit dem Potenzial für den Verlust des virologischen Ansprechens und einer möglichen Resistenz verbunden sein können. Zu den Wirkstoffen, die nicht Paxlovid® einzunehmen sind, zählen zum Beispiel Alfuzosin, Amiodaron, Astemizol, Terfenadin, Lovastatin, Simvastatin, Lomitapid und Sildenafil.

Die Einnahme während der Schwangerschaft oder ohne geeignete Verhütung wird von der EMA nicht empfohlen. Da Ritonavir die Wirksamkeit kombinierter hormoneller Kontrazeptiva beeinträchtigen kann, sollten Frauen eine alternative oder zusätzliche Methode zur Verhütung bis einen Menstruationszyklus nach Therapieende verwenden. Frauen im gebärfähigen Alter sollten eine Schwangerschaft während der Behandlung mit Paxlovid® vermeiden.

Der Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de

 

Kommentar

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