Urbane Herz-Kreislauf-Risiken Luft, Lärm und Licht: Wissenschaftler fordern mehr Investitionen in gesündere Städte

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

2. Februar 2022

Um die Gesundheit der Bevölkerung vor Schäden durch Feinstaub und Lärm zu schützen, sollte mehr Geld in Maßnahmen zur Verbesserung unserer Städte investiert werden. Das fordern Prof. Dr. Thomas MünzelDr. Omar Hahad und Prof. Dr. Andreas Daiber von der Universität Mainz sowie vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung in einem aktuellen Aufsatz. Die Herz-Kreislauf-Forscher gehen im Wesentlichen auf mögliche kardiovaskuläre Folgen der Belastung mit Feinstaub und Lärm ein.

Effekte der Luftverschmutzung

Laut Münzel und Kollegen wird die Weltbevölkerung bis 2050 auf 10 Milliarden Menschen wachsen, von denen 75% in Städten leben werden. 60 bis 80% des weltweiten Endenergieverbrauchs finde in städtischen Gebieten statt, und 70% der Treibhausgasemissionen würden in Städten erzeugt, so die Autoren. 

Mehr als 90% der Weltbevölkerung atme Außenluft ein, die Feinstaub (PM2,5) enthalte – mit Werten über der WHO-Referenz von 10 μg/m3. Die WHO habe daher postuliert, dass aufgrund der hohen Zahl von Menschen, die in Städten lebten, urbane Infrastrukturen sowie ein gesunder Lebensstil wichtige Voraussetzungen für ein gesundes Herz seien. 

Nach Schätzungen der Herz-Kreislauf-Forscher liegt die europäische Übersterblichkeit aufgrund der Feinstaub-Belastung bei jährlich etwa 600.000 Todesfällen – und die globale Übersterblichkeit aufgrund von Luftverschmutzung bei fast 8,8 Millionen. Das erkläre sich vor allem an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall und andere nicht übertragbare Erkrankungen wie Diabetes mellitus und Bluthochdruck. 

Die Luftverschmutzung durch Feinstaub hat Münzel zufolge auch Einfluss auf Todesfälle bei Patienten mit COVID-19. Wie die Wissenschaftler 2020 im Fachmagazin Cardiovascular Research berichteten, liege der Anteil der COVID-19 Todesfälle, bei denen auch Luftverschmutzung eine Rolle spiele, in Europa bei geschätzten 19%, in Nordamerika bei 17% und in Ostasien sogar bei 27%. Vergleichsweise hoch sei der Anteil in der Tschechischen Republik mit 29%, in China mit 27% und in Deutschland mit 26%. Niedriger sei der Anteil beispielsweise in Italien (15%) oder Brasilien (12%). 

Aufgrund der Luftverschmutzung als Folge des Klimawandels steige das Risiko für schwere Krankheitsverläufe bei Patienten mit COVID-19, warnten 2020 auch US-Wissenschaftler der Harvard Medical School im New England Journal Of Medicine

In Städten ist nach Angaben der Mainzer Forscher der Kraftfahrzeugverkehr die wichtigste Emissionsquelle. Menschen, die in einem näheren Umkreis von stark befahrenen Straßen lebten, seien höheren Schadstoffgehalten, einschließlich Feinstaub, Kohlenmonoxid und Stickstoffdioxid, ausgesetzt. In Ländern mit geringeren Einkommen seien die Autos typischerweise älter und verursachten daher höhere Emissionen als Autos in Ländern mit höheren Durchschnittseinkommen.

Körperliche Aktivität im Freien könne die Exposition gegenüber Luftverschmutzung unter Umständen weiter erhöhen und so die allgemeinen gesundheitlichen Vorteile der körperlichen Aktivität sogar umkehren. 

Gesundheitliche Folgen von Umgebungslärm bisher zu wenig beachtet

Außer Feinstaub kann auch Lärm gesundheitliche Folgen haben; obwohl täglich fast 70 Millionen Europäer in Städten und Gemeinden kardiovaskulär relevanten Verkehrslärmpegeln von mehr als 55 Dezibel ausgesetzt seien, sei Umgebungslärm bisher wesentlich weniger beachtet worden als Luftverschmutzung, so die Mainzer Wissenschaftler. 

Für die Europäische Union werde geschätzt, dass Verkehrslärm zusätzlich zu 900.000 Fällen von Bluthochdruck, zu 43.000 Krankenhauseinweisungen und zu mehr als 10.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr in Zusammenhang mit koronaren Herzerkrankungen und Schlaganfällen führe. Straßenverkehrslärm sei hierbei die wichtigste Quelle für Umgebungslärm weltweit.

Studie zufolge gehe Lärmbelästigung mit einem erhöhten Risiko für Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern), aber auch für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen sowie kognitiven Störungen vor allem bei Kindern einher. Es seien daher unbedingt städtische Lärmschutzmaßnahmen erforderlich, etwa Lärmschutzwände, Flüsterbremsen für Züge, lärmreduzierende Straßenbeläge und Reifen sowie E-Autos.

Lichtverschmutzung – auch ein gesundheitlicher Risikofaktor

Ein weiterer Umweltfaktor, der Einfluss auf die Gesundheit haben kann, ist nach Angaben von Münzel und Kollegen die so genannte Lichtverschmutzung. Schätzungen zufolge sind über 80% der Weltbevölkerung in der Nacht einem lichtverschmutzten Himmel ausgesetzt, was mit einem höheren Krebsrisiko, Übergewicht, erhöhtem Blutdruck, Depressionen, Schlaflosigkeit und dem vermehrten Auftreten einer koronaren Herzkrankheit (KHK) in Verbindung gebracht werde. 

In einer aktuellen Studie sei gezeigt worden, dass bei älteren Erwachsenen nächtliches Licht im Freien mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer KHK, vermehrten Krankenhauseinweisungen und Todesfällen einhergehe. 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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