Impfskepsis und Impfverweigerung – kein Relikt heutiger Zeiten. Das sind die Hintergründe und die Auslöser

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

28. Januar 2022

Wenn politische Entscheidungsträger den Schaden, den Omikron und künftige Virus-Varianten anrichten, begrenzen wollen, müssen sie besser verstehen, warum manche Menschen beim Impfen zögern, zaudern. Oder wider besseres Wissen und jede Vernunft darauf beharren, umgeimpft zu bleiben, und dies teilweise sogar aggressiv und mit sinnfreien Argumenten verteidigen. 

Menschen, die am Nutzen von Impfungen zweifeln oder den potenziell lebensrettenden Piks verweigern, gibt es nicht nur in Deutschland. Es handelt sich um ein weltweites Phänomen. Einer aktuellen Morning-Consult-Umfrage zufolge sind fast ein Fünftel der Russen und der US-Amerikaner, etwa 8% der Kanadier und Franzosen, etwa 6% der Italiener und etwa 3% Prozent der Deutschen nicht bereit, sich impfen zu lassen.

Impfskepsis – ein Blick in die Geschichte

Impfskepsis kein neues Phänomen. Weltweite Diskussionen um die Sicherheit der Masern-Impfung dürften vielen Ärzten noch gut in Erinnerung sein. Im 18. und 19. Jahrhundert war es die Pockenimpfung, die zu heftigen Debatten und sogar zu Unruhen führte. So sollen während des Pockenausbruchs in Boston 1721/1722 Gegner der gerade eingeführten Pockenimpfung einem Befürworter eine Bombe durch das Fenster geworfen haben. 

Impfgegner gibt es nicht nur in wohlhabenden Ländern. Auch in Regionen mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist Impfmüdigkeit verbreitet. Ein weit verbreitetes Gerücht lautet, der Polio-Impfstoff sei Teil einer Kampagne zur Sterilisierung muslimischer Kinder in Nordnigeria. Und Befürchtungen militanter Kämpfer in Pakistan, die Polio-Impfkampagnen seien in Wahrheit ein Deckmantel für Spionageaktivitäten, hatte wiederholt zu Angriffen auf Impfteams oder auf Gebäude geführt. 

Zweifel an gesellschaftlichen Institutionen

Es gibt mehrere Gründe, warum Menschen beim Impfen zögern oder Impfungen sogar für ein Werk des Teufels in Gestalt von Bill Gates halten. Eine besonders verbreitete Ursache ist offenbar ein Mangel an Vertrauen – und zwar in politischen Eliten, in Wissenschaftler und in ihre Institutionen, in Medien und in die pharmazeutische Industrie.

Überall auf der Welt fühlen sich Menschen von Institutionen belogen, hintergangen, missachtet und ins Abseits gedrängt. Ihren Frust machen manche dann nicht allein durch Verweigerung der Impfung deutlich, sondern zunehmend auch durch Beleidigungen und Drohungen gegen impfende Ärzte und durch „Montagsspaziergänge“, bei denen einige Bürger sogar Arm in Arm mit Rechtspopulisten marschieren.

Populismus und Impfverweigerung – eine unheilige Allianz 

Einen solcher Zusammenhang zwischen mangelndem Vertrauen in Institutionen sowie Populismus und Impf-Skepsis oder -Verweigerung ist in mehreren Studien gezeigt worden. Populismus, ein politischer Ausdruck des Misstrauens, korreliere mit der zögerlichen Haltung gegenüber Impfstoffen wie auch mit Verschwörungstheorien zum Klimawandel, erklärt Jonathan Kennedy, Soziologe an der Queen Mary University of London.

So haben aktuelle Studien und Umfragen aus verschiedenen Ländern gezeigt, dass Menschen, die sich nur ungern gegen COVID-19 impfen lassen, dazu neigen, politisch extreme Parteien zu wählen und der Regierung zu misstrauen. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage in Deutschland gab rund die Hälfte der nicht geimpften Befragten an, bei den letzten Wahlen die AfD angekreuzt zu haben. 

Solche Zusammenhänge zwischen Anti-Impf-Stimmung und Populismus gibt es auch in anderen europäischen Ländern, etwa in Österreich, Frankreich und Italien. Besonders ausgeprägt scheint der Zusammenhang von Misstrauen in staatliche Institutionen und mangelnde Akzeptanz von Impfungen in osteuropäischen Ländern zu sein. Ein naheliegender Grund: Deren Machthaber unternehmen politisch viel, um die Skepsis der Bürger zu fördern. Wahrscheinlich ist diese Historie auch eine Erklärung dafür, dass gerade in neuen Bundesländern Impfquoten vergleichsweise niedrig und die Protestrufe gegen das Impfen besonders laut sind. 

Wenn der Glaube an die Globuli wächst, sinkt die Impfbereitschaft

Eine bemerkenswerte weitere Hypothese zur Genese der Impf-Skepsis und -Verweigerung mancher Bürger haben kürzlich die Soziologin Nadine Frei und ihr Kollege Oliver Nachtwey von der Universität Basel aufgestellt. Thema ihrer Untersuchung war die „Querdenken“-Bewegung in Baden-Württemberg.

Dabei haben sie festgestellt, dass der Glaube an alternative medizinische Therapien, an die Homöopathie und an die Anthroposophie mit Impfskepsis oder Impfverweigerung assoziiert sind. Allerdings ist die Datengrundlage nicht besonders groß. Eine völlig aus der Luft gegriffene Annahme scheint die Vermutung aber nicht zu sein. So hat auch eine Untersuchung der Regensburger Wissenschaftlerin Prof. Dr. Sonja Haug gezeigt, dass die Impfbereitschaft sinkt, wenn der Glaube an die Globuli wächst. 

Was getan werden muss, ist klar: Das Vertrauen in politische Eliten, in Wissenschaftler und in Medien muss wiedergewonnen und gestärkt werden. Doch wie so oft liegt auch hier kein Erkenntnisproblem vor, sondern ein Umsetzungsproblem.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....