Warum Omikron weniger krank macht; Studie zu Omikron-Vakzin läuft an; PCR-Test-Priorisierung; Antikörpertherapie nun verfügbar

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

26. Januar 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

 

Corona-Newsblog, Update vom 26. Januar 2022

Heute übersteigt die 7-Tage-Inzidenz die Schwelle von 900 Infektionen pro 100.000 Menschen. Das RKI meldet 940,6, verglichen mit 894,3 am Dienstag und 584,4 am Mittwoch der Vorwoche. Weitere 164.000 Menschen haben sich neu mit SARS-CoV-2 infiziert. Am Vortag waren es 126.955 und am Mittwoch vergangener Woche 112.323. In Zusammenhang mit COVID-19 gab es während der letzten 24 Stunden 166 weitere Todesfälle (Vortag 214, Vorwoche 239).

Als 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz nennt das RKI 4,07 Fälle pro 100.000 Einwohner, Stand 25. Januar, verglichen mit 3,87 am 24. Januar.

Laut DIVI-Intensivregister waren am 25. Januar 2.396 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 42 weniger als am Vortag. Aktuell sind 876 Betten im Low-Care- und 2.331 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 357 freie ECMO-Behandlungsplätze.

  • Erste Hinweise: Warum Omikron-Infektionen milder verlaufen

  • BioNTech/Pfizer: Klinische Studie zu Omikron-Vakzin läuft an

  • Bund-Länder-Runde: Keine weiteren Einschränkungen

  • PCR-Tests-Labore zu 95% ausgelastet – Priorisierung sinnvoll

  • COVID-19-Therapie: Sotrovimab ab sofort verfügbar

  • Real-World-Daten: 3 Dosen von mRNA-Vakzinen auch gegen Delta und Omikron wirksam

  • Neue Varianten von SARS-CoV-2: Wie geht es weiter?

Erste Hinweise: Warum Omikron-Infektionen milder verlaufen

Mehr und mehr Daten sprechen für eine hohe Infektiosität von Omikron, aber für einen milderen Verlauf der Erkrankung. Wissenschaftler der Universität Frankfurt und Kollegen fanden heraus, dass die Omikron-Variante weniger effektiv zelluläre Abwehrmechanismen gegen Viren blockieren kann als die Delta-Variante. Dabei handelt es sich um die sogenannte Interferon-Antwort. Das geht aus Experimenten mit Zellkulturen hervor.

Interferone werden nach viralen Infekten als unspezifische Reaktion gebildet. Diesen Mechanismus hat beispielsweise Delta durch das Abfangen von Signalmolekülen erfolgreich ausgehebelt. Omikron scheint aufgrund seiner Mutationen solche Eigenschaften verloren zu haben.

Die In-vitro-Experimente haben auch gezeigt, dass 8 bekannte, teils zugelassene Pharmaka gegen Omikron wirksam sind: EIDD-1931 (ein Metabolit von Molnupiravir), Ribavirin, Remdesivir, Favipravir, PF-07321332 (Nirmatrelvir, ein Paxlovid-Bestandteil) sowie Nafamostat, Camostat und Aprotinin.

BioNTech/Pfizer: Klinische Studie zu Omikron-Vakzin läuft an

Omikron ist auch das vorherrschende Thema bei Impfstoffherstellern. BioNTech und Pfizer berichten vom Beginn einer klinischen Studie zur Untersuchung der Sicherheit, Verträglichkeit und Immunogenität eines speziellen Vakzins gegen die Variante.

In die Studie werden gesunde 18- bis 55-jährige Erwachsene eingeschlossen, und zwar anhand von 3 Kohorten:

  • Kohorte 1 (n = 615): Probanden, die innerhalb von 90 bis 180 Tagen vor Beginn der Rekrutierung 2 Dosen des zugelassenen Vakzins von BioNTech/Pfizer erhalten haben. Sie werden mit 1 Dosis oder 2 Dosen des neuen Präparats geimpft.

  • Kohorte 2 (n = 600): Probanden, die innerhalb von 90 bis 180 Tagen vor Beginn der Rekrutierung 3 Dosen des zugelassenen Vakzins von BioNTech/Pfizer erhalten haben. Sie bekommen 1 Dosis des zugelassenen oder des neuen Vakzins.

  • Kohorte 3 (n = 205): Probanden, die bislang keine COVID-19-Impfung erhalten haben und nicht zuvor an COVID-19 erkrankt sind, werden 3 Dosen des Omikron-Impfstoffs erhalten.

Bund-Länder-Runde: Keine weiteren Einschränkungen

An 24. Januar hatten sich Vertreter von Bund und Ländern zur Planung der Pandemie ausgetauscht. Ihr Treffen brachte weder Lockerungen noch Verschärfungen bestehender Maßnahmen. Vereinbart wurde, je nach Situation Maßnahmen zur Omikron-Kontrolle oder Ausstiegsszenarien zu entwickeln. Außerdem sollen die Corona-Warn-App sowie die Impfpass-App CovPass weiterentwickelt werden.

Wie Medscape berichtet hat, wollen Politiker Mitarbeiter von Krankenhäusern, von Pflegeheimen und Personen mit hohem Risiko für schweres COVID-19 bei PCR-Tests priorisieren. Details sind jetzt Sache der Länder. Auch eine Strategie zur Kontaktnachverfolgung – falls noch möglich – soll regional ausgearbeitet werden. Das nächste Treffen findet am 16. Februar statt.

PCR-Tests-Labore zu 95% ausgelastet – Priorisierung sinnvoll

Über Details zu Testkapazitäten berichten die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM): Zwischen 17. und 23. Januar 2022 haben fachärztlichen Labore bundesweit 2.406.869 PCR-Untersuchungen durchgeführt – erneut ein Höchstwert und ein Anstieg um 23% gegenüber der Vorwoche (1.955.439 PCR-Tests). Die Zahl der positiven Tests erreichte mit 785.577 ebenfalls einen neuen Rekordwert (Vorwoche 486.319). Alle Labore sind im Schnitt bundesweit zu 95% ausgelastet: ein Effekt, der vor allem Omikron zugeschrieben wird.

„Eine Priorisierung der Verwendung von PCR-Tests bei der Testabnahme ist richtig und sinnvoll“, bestätigt auch der ALM-Vorsitzende Dr. Michael Müller. Seine Forderung. „Es ist jetzt unmittelbar notwendig, dass die Auslegung der Nationalen Teststrategie an den Beschlüssen der Gesundheitsministerkonferenz konkretisiert wird.“ Hier gehe es um die medizinische Relevanz der Tests. Kapazitäten für Mitarbeitende in Krankenhäusern oder der Pflege seien ebenfalls vorzuhalten.

COVID-19-Therapie: Sotrovimab ab sofort verfügbar

Ärzte in Deutschland könne jetzt den monoklonalen Antikörper Sotrovimab (Xevudy®) bei Patienten mit hohem Risiko für schweres COVID-19 einsetzen. Darüber informiert GSK in einer Pressemeldung.

Sotrovimab ist für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren und mit einem Gewicht von mindestens 40 kg zugelassen, die keinen zusätzlichen Sauerstoff benötigen. Die Zulassung basierte auf der randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Phase-3-Studie COMET-ICE. Sie hat gezeigt, dass Sotrovimab das Risiko für Hospitalisierung nach mehr als 24 Stunden oder Tod aus allen Ursachen im Vergleich zu Placebo bis Tag 29 um 79% verringert. Der Antikörper wird als einmalige Infusion verabreicht.

In-vitro-Daten liefern Hinweise auf eine Aktivität gegen alle Variants of Concern von SARS-CoV-2, Delta und Omikron eingeschlossen.

Real-World-Daten: 3 Dosen von mRNA-Vakzinen auch gegen Delta und Omikron wirksam

Welcher Zusammenhang besteht zwischen 3 Dosen an mRNA-Impfstoffen und einer symptomatischen SARS-CoV-2-Infektion mit der Omikron- und der Delta-Variante? Dieser Frage sind US-Forscher jetzt auf Basis einer Fall-Kontroll-Analyse nachgegangen.

Daten kamen aus einem US-amerikanischen Programm. Patienten mit COVID-19-ähnlichen Symptomen können ein Drive-Through-Testzentrum benutzen, das Abstriche anfertigt und per PCR untersucht. Dabei wurden weitere Parameter, auch der Impfstatus, abgefragt.

Die Analyse schließt Erwachsenen ab 18 Jahren ein. Sie hatten zwischen dem 10. Dezember 2021 bis zum 1. Januar 2022 eine der 4.666 COVID-19-Teststellen in 49 US-Bundesstaaten besucht. Insgesamt wurden 23.391 Fälle (13.098 mit Omikron, 10.293 mit Delta) und 46.764 Kontrollen eingeschlossen.

  • Bei 18,6% der Omikron-Fälle, bei 6,6% der Delta-Fälle und bei 39,7% der Kontrollen hatten die Personen vorab 3 Dosen an mRNA-Impfstoffen bekommen.

  • Bei 55,3% der Omikron-Fälle, bei 44,4% der Delta-Fälle und bei 41,6% der Kontrollen waren es 2 Dosen an mRNA-Vakzinen.

  • Keine Impfung hatten 26,0% der Omikron-, 49,0% der Delta-Infizierten bzw. 18,6% der Kontrollen erhalten.

Das adjustierte Odds Ratio für 3 Dosen versus ungeimpft war 0,33 (95%-Konfidenzintervall: 0,31-0,35) für Omikron und 0,065 (95%-KI: 0,059-0,071) für Delta. Für 3 Impfdosen vs. 2 Dosen betrug die adjustierte Odds Ratio 0,34 (95%-KI: 0,32-0,36) für Omikron und 0,16 (95%-KI: 0,14-0,17) für Delta.

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Erhalt von 3 Dosen des mRNA-Impfstoffs im Vergleich zur Nichtimpfung und zum Erhalt von 2 Dosen mit einem Schutz sowohl gegen die Omikron- als auch gegen die Delta-Variante verbunden war“, fassen die Autoren zusammen.

Neue Varianten von SARS-CoV-2: Wie geht es weiter?

Vor wenigen Wochen sorgte „Deltakron“ als vermeintlich neue Variante für Schlagzeilen. Eine Nachricht auf der Nature-Website beleuchtet das Thema jetzt von allen Seiten. Alles begann, als ein zypriotischer Virologe Sequenzen auf die Genomdatenbank GISAID hochgeladen hatte. Er berichtete auch in regionalen Medien darüber.

Bloomberg griff das Thema auf – und so verbreitete sich „Deltakron“ viral in sozialen Netzwerken, aber nicht in der Bevölkerung. Denn die Variante erwies sich im Nachhinein als Kontamination. Der zypriotische Forscher löschte seine Daten in GISAID. Doch dieser Schritt blieb medial unbemerkt. Jetzt bemüht er sich um Schadensbegrenzung.

Dennoch ist SARS-CoV-2 noch nicht am Ende seiner Evolution angelangt. Wissenschaftler haben bei Omikron die Unterformen BA.1, BA.2 und BA.3 identifiziert. Sie haben unterschiedliche Mutationen in Genen für das Spike-Protein. Sowohl in Dänemark als auch in Großbritannien breitet sich vor allem BA.2 stark aus, aber noch nicht in Deutschland. Ob BA.2 besondere medizinische Eigenschaften hat, ist noch unklar. Britische Behörden warnen jedoch davor, dass manche PCR-Tests aufgrund der Mutation die Variante nicht erkennen, weil eines der 3 Zielgene nicht nachgewiesen wird („S-Gene target failure“).

Im Deutschlandfunk geht Prof. Dr. Christian Drosten von der Charité-Universitätsmedizin, Berlin, auf die Problematik neuer Variante ein. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie das SARS-2-Virus auch wieder als stärker virulente, stärker krankmachende Variante kommen kann – im Vergleich zu Omikron“, so Drosten. „Beispielsweise könnte man sich vorstellen, dass eine Rekombination passiert“, etwa aus Delta und Omikron.

Gleichzeitig warnt der Experte vor einem allzu leichtfertigen Umgang mit der Situation: „Es könnte sein, dass diejenigen, die noch gar keine Immunität haben, sich zwar mit diesem Omikron-Virus … infizieren könnten, ohne einen sehr schweren Verlauf zu kriegen, aber es könnte auch sein, dass innerhalb von wenigen Wochen plötzlich eine Omikron-Virusvariante da ist, die wieder eine höhere Virulenz, eine höhere krankmachende Wirkung mitbringt.“

 

Kommentar

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