PCR-Tests nur noch für bestimmte Gruppen; so könnte Impfpflicht aussehen; wie gut schützt der Totimpfstoff gegen Omikron?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

24. Januar 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 24. Januar 2022

Heute meldet das Robert Koch-Institut 63.393 weitere Infektionen mit SARS-CoV-2 innerhalb der letzten 24 Stunden. Am Vortag waren es 85.440 und in der Vorwoche 34.145. Mit 840,3 Fällen pro 100.000 Einwohnern erreicht die 7-Tage-Inzidenz ein neues Maximum. Am Sonntag lag der Wert bei 806,8 gelegen, und am Montag vergangener Woche bei 528,2. Weitere 28 Menschen sind in Zusammenhang mit COVID-19 gestorben (Vorwoche: 30 Tote). 

Die Hospitalisierungsinzidenz lag am Freitag bei 3,77 Fällen pro 100.000 Einwohner (Donnerstag: 3,56). Am Wochenende gibt es hierzu keine Meldungen.

Laut DIVI-Intensivregister waren am 23. Januar 2.426 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 28 mehr als am Vortag. Derzeit sind 1.079 Betten im Low-Care- und 2.529 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 350 freie ECMO-Behandlungsplätze.

  • Neue Stellungnahme des Expertenrats der Bundesregierung

  • Ministerpräsidentenkonferenz: Keine Verschärfung bestehender Regeln geplant

  • Priorisierung bei PCR-Tests

  • Vor der Impfpflicht: Erstes Konzept der Regierung

  • Deutschland: Jeder zweite Bürger hat den Booster Shot bekommen

  • Wie gut schützt Totimpfstoff gegen Omikron wirklich?

  • Typ-1-Diabetes: Mehr Neuerkrankungen während der COVID-19-Pandemie

Neue Stellungnahme des Expertenrats der Bundesregierung

Angesichts der Entwicklung weist der Expertenrat der Bundesregierung in einer neuen Stellungnahme auf drohende Gefahren hin. Er rechnet regional „in der Spitze 7-Tages-Inzidenzen von mehreren Tausend“ – unter anderem aufgrund „zu großer Impflücken“ bei Menschen über 50. „Die genauen Hospitalisierungsraten oder die Intensivpflichtigkeit bei Infektionen mit der Omikron-Variante sind in diesen Gruppen noch nicht bekannt“, heißt es weiter.

„Die Hospitalisierungsrate wird niedriger als bei der Delta-Variante erwartet, müsste aber eine ganze Größenordnung (etwa Faktor 10) niedriger liegen als im vergangenen Winter, um die erwartete hohe Fallzahl zu kompensieren und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.“ Zumindest regional seien Einschränkungen der medizinischen Versorgung zu erwarten.

Die Experten sprechen sich für eine „Beibehaltung und strikte Umsetzung der bisherigen Maßnahmen“ aus. „Sowohl Kontaktbeschränkungen als auch Booster-Impfungen sind notwendig, um die Dynamik der aktuellen Omikron-Welle zu bremsen und das Gesundheitssystem und die KRITIS [die kritischen Infrastrukturen] zu schützen.“

Ministerpräsidentenkonferenz: Keine Verschärfung bestehender Regeln geplant

Trotz der steigenden Inzidenz will die Ministerpräsidentenkonferenz laut Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil die bestehenden Maßnahmen nicht verschärfen. „Wir haben bisher eine Omikron-Wand, wie wir sie in vielen anderen europäischen Ländern gesehen haben, vermeiden können. Das ist ein echter Erfolg“, so Weil. Die Regierungschefs der Länder tauschen sich am heutigen Montag zur Lage aus.

Ihre Beschlussvorlage sieht vor, dass sich Gesundheitsämter künftig auf die Nachverfolgung von Kontakten bei Corona-Fällen in Kliniken und Heimen konzentrieren. Weitere Themen werden die geplante Impfpflicht und die knappen Ressourcen bei PCR-Tests sein.

Priorisierung bei PCR-Tests

Zum Hintergrund: Labore kommen bei der PCR-Diagnostik von SARS-CoV-2 immer stärker an ihre Grenze. Darüber hatte Medscape berichtet. Bereits letzte Woche haben sich die Gesundheitsminister der Länder zum Thema positioniert. Sie empfehlen, nicht mehr allen per Schnelltest positiv Getesteten einen PCR-Test anzubieten. Vielmehr sollen Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen, aber auch Patienten mit hohem Risiko für schweres COVID-19 priorisiert werden.

Bei allen anderen Personen empfehlen Politiker einen weiteren, überwachten Antigen-Schnelltest. Das gilt auch für Personen, bei denen die Corona-Warn-App auf Risikokontakte hinweist. Damit wird sich die Ministerpräsidentenkonferenz heute befassen.

Vor der Impfpflicht: Erstes Konzept der Regierung

Auch die geplante Impfpflicht nimmt konkrete Formen an. „Wer heute oder künftig über drei Impfungen mit mRNA-Impfstoffen oder einem ähnlich wirksamen Impfstoff verfügt, verfügt über eine gute Grundimmunisierung“, sagte Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach mit Blick auf den wissenschaftlichen Rahmen.

 
Wer heute oder künftig über drei Impfungen mit mRNA-Impfstoffen oder einem ähnlich wirksamen Impfstoff verfügt, verfügt über eine gute Grundimmunisierung. Prof. Dr. Karl Lauterbach
 

Am Mittwoch wird der Bundestag darüber debattieren – und die Planungen konkretisieren sich. Dirk Wiese (FDP) hat zusammen mit Gesundheitsexperten der SPD und der Grünen einen Entwurf vorgelegt; darüber hat die DPA berichtet. Die Eckpunkte:

  • Eine Impfpflicht soll für alle Bürger ab 18 Jahren gelten – und nicht, wie teilweise von der Wissenschaft empfohlen, ab 50 oder ab 60 Jahren.

  • Die Impfpflicht soll auf 1 bis 2 Jahre befristet und dann neu bewertet werden. Bei ausreichender Grundimmunität wäre das Gesetz nicht mehr erforderlich.

  • Personen, die sich nicht impfen lassen, drohen Bußgelder.

  • Von der Impfpflicht ausgenommen werden Patienten mit bestimmten Grunderkrankungen; Details sind noch nicht bekannt.

  • Um die Vorgaben zu erfüllen, wollen die Politiker nicht mehr als 3 Impfungen vorgeben.

 
Es kann später sein, dass es für den einen oder anderen sicherlich sinnvoll ist, eine weitere Booster-Impfung durchzuführen, z.B. für Vorerkrankte oder Ältere. Das sollte dann aber freiwillig sein. Dirk Wiese
 

„Auf der Grundlage der aktuellen Studien kann man sagen, dass man mit 3 Impfungen eine gute Grundimmunisierung gegen einen schweren Verlauf erreicht hat“, so Wiese. „Es kann später sein, dass es für den einen oder anderen sicherlich sinnvoll ist, eine weitere Booster-Impfung durchzuführen, z.B. für Vorerkrankte oder Ältere. Das sollte dann aber freiwillig sein.“

Deutschland: Jeder 2. Bürger hat den Booster-Shot bekommen

Bei der Impfpflicht argumentieren Politiker mit nach wie vor bestehenden Immunitätslücken. Laut Zahlen der Bundesregierung ist noch Luft nach oben:

  • 60,9 Millionen Menschen (73,3 %) sind vollständig geimpft.

  • 41,7 Millionen Menschen (50,1 %) haben zusätzlich eine Auffrischungsimpfung erhalten.

  • 20,5 Millionen Menschen sind nicht geimpft (24,6 % der Bevölkerung) sind nicht geimpft. Darunter befinden sich 4,0 Millionen Einwohner im Alter von 0 bis 4 Jahren (4,8 %). Für sie steht kein zugelassener Impfstoff zur Verfügung.

Um als vollständig geimpft zu gelten, sind in der Regel 2 Impfungen erforderlich. Noch zählt das RKI auch Menschen, die nur 1 Dosis Johnson & Johnson erhalten haben, mit dazu. Künftig benötigt diese Gruppe eine weitere Dosis, möglichst ein mRNA-Vakzin. Bei Auffrischungsimpfungen kommen ebenfalls mRNA-Vakzine zum Einsatz.

Wie gut schützt Totimpfstoff gegen Omikron wirklich?

Nach wie vor hoffen Lauterbach und weitere Regierungsmitglieder, zumindest manche Impfskeptiker mit einem Vakzin, das auf klassischem Wege hergestellt wird, zu überzeugen. Dazu gehört VLA2001 von Valneva. Der Hersteller vermehrt SARS-CoV-2 in Vero-Zellen, einer Zelllinie aus Nierenzellen der Grünen Meerkatze. Im nächsten Schritt wird das Virus inaktiviert, um den Impfstoff herzustellen. VLA2001 wurde bereits in einer Phase-3-Studie getestet; Valneva rechnet noch im 1. Quartal 2022 mit der EMA-Zulassung.

Jetzt berichtet der Hersteller von Ergebnissen einer Laborstudie. Die Seren von 30 Teilnehmern der Phase-1/2-Studie VLA2001-201 wurden in einem Pseudovirus-Assay verwendet, um die Neutralisierung des Wildtyps von SARS-CoV-2-Virus sowie der Delta- und Omikron-Varianten zu analysieren. Probanden hatten zuvor 3 Dosen des Vakzins erhalten.

Alle 30 Proben wiesen neutralisierende Antikörper gegen den Wildtyp und die Delta-Variante auf, und in 26 Proben (87%) waren neutralisierende Antikörper gegen die Omikron-Variante zu finden. Die Neutralisierung im Vergleich zum Wildtyp war bei Delta 2,7-fach und bei Omikron 16,7-fach verringert.

Um die Neutralisation zu beurteilen, wurden Pseudoviren mit dem Spike-Protein des Wildtyps von SARS-CoV-2-Virus, der Delta-Variante oder der Omikron-Variante hergestellt und in vitro mit Patientenseren versetzt.

Typ-1-Diabetes: Mehr Neuerkrankungen während der COVID-19-Pandemie

Auch zu möglichen Folgen von COVID-19 gibt es neue Erkenntnisse. Forscher aus Gießen haben bundesweite Registerdaten zur Häufigkeit von Neuerkrankungen des Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen zwischen Januar 2020 und Ende Juni 2021 ausgewertet. Als Vergleich zogen sie Daten vor der Pandemie, sprich im Zeitfenster von 2011 bis 2019, heran.

In den ersten 18 Monaten der Pandemie wurden bundesweit 5.162 Kinder und Jugendliche mit neudiagnostiziertem Typ-1-Diabetes im Register erfasst. Das entspricht einer Inzidenz von 24,4 pro 100.000 Patientenjahre. „Anhand der Trendanalyse der Jahre 2011 bis 2019 wäre jedoch eine Inzidenz von 21,2 zu erwarten gewesen“, so die Forscher. „Dies entspricht einer Inzidenzerhöhung um 15% im Zeitraum der Pandemie.“

Besonders stark betroffen von der Erhöhung der Typ-1-Diabetes-Inzidenz seien Kleinkinder im Alter unter 6 Jahren gewesen. Hier fanden die Wissenschaftler im Gesamtzeitraum ihrer Analyse einen Anstieg um 23% – und im 1. Halbjahr 2021 sogar um 34%. Jeweils 3 Monate nach den Höhepunkten der ersten 3 Corona-Wellen war einen Anstieg der Inzidenz um bis zu 50% nachweisbar.

Die Gründe bleiben unklar. Schon lange diskutieren Forscher eine mögliche Assoziation von Typ-1-Diabetes mit Virusinfektionen. Autoantikörper lassen sich im Vorfeld oft schon Monate, teils Jahre, nachweisen, bevor die Krankheit ausbricht.

 

Kommentar

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