Umstrittene Candida-Diäten: Firmen machen Profite mit der Angst – doch welche Rolle spielt der Pilz wirklich? 

John Watson

Interessenkonflikte

21. Januar 2022

Wenn Sie Patienten behandeln, die regelmäßig auf einschlägigen Webseiten zum Thema Ernährung unterwegs sind, wurden Sie bestimmt schon zum neuesten Gesundheitstrend befragt: zu Candida-Diäten. Manche Ärzte sind der Ansicht, im Magen-Darm-Trakt vieler Patienten hätten sich Candida-Pilze breitgemacht und würden den Gesamtorganismus von dort aus schädigen. Was ist dran an dieser Vermutung? 

Prominente Verfechter der Candida-Diäten

Auf einer Wellness- und Lifestyle-Seite der US-amerikanischen Schauspielerin Gwyneth Paltrow stößt man auf ein Interview mit der Ärztin Dr. Amy Myers. Diese schätzt, dass 90% ihrer Patienten und etwa die Hälfte aller Frauen übermäßig mit diesem Hefepilz besiedelt seien. Mit Verweis auf Doctor Oz erfährt man, dass eine Candida-Überwucherung wahrscheinlich chronische Müdigkeit, Fibromyalgie oder ein Reizdarmsyndrom auslösen kann. Das Spektrum der dem Pilz zugeschriebenen Symptome ist derart breit gefächert, dass diese „Krankheit“ in der allgemeinen Medienlandschaft bereits als Pseudowissenschaft abgetan wurde.

Auf anderen Webseiten sind als einzig wirksame Therapien dagegen die sogenannten Candida-Diäten oder „Candida-Reinigungen“ zu finden. Sie zielen allesamt darauf ab, Zucker und sonstige Kohlenhydrate möglichst kaum und am besten gar nicht mehr zu sich zu nehmen. Die Moleküle werden für das Wachstum von Candida mitverantwortlich gemacht. Nach der Theorie der Diätenverfechter entzieht man dem Candida-Pilz mit den Kohlenhydraten die Lebensgrundlage und hungert ihn aus. 

Eine in den USA prominente Befürworterin dieser Kostform ist die Schauspielerin Rebel Wilson, die sie für ihren jüngsten Gewichtsverlust von 30 Kilogramm verantwortlich macht.

Experten warnen vor falschen Informationen

Der zunehmende Ruf des Candida-Pilzes als Bedrohung für den Magen-Darm-Trakt hat Experten auf den Plan gerufen, für die hier ein weitgehend gutartiger und weitverbreiteter Pilz zum Aufhänger für Modediäten gemacht wird.

Zu diesen Kritikerinnen gehört die Ernährungsexpertin Abby Langer. Sie zeigte sich über die Candida-Diskussionen so beunruhigt, dass sie sich 2020 zu einem kritischen Beitrag in ihrem beliebten Blog genötigt sah.

„Candida kommt im Darm vor, doch wird seine Prävalenz von Personen, die etwas verkaufen möchten, oft übertrieben dargestellt“, erklärte Langer gegenüber Medscape. „Hier kann man sehr gut beobachten, wie manche Firmen oder auch beliebige Einzelpersonen Ängste schüren, um ein Produkt zu verkaufen. Mit seriöser Gesundheitsfürsorge hat das nichts zu tun.“

 
Hier kann man sehr gut beobachten, wie manche Firmen oder auch beliebige Einzelpersonen Ängste schüren (…). Abby Langer
 

Bei welchen Erkrankungen spielt Candida tatsächlich eine Rolle? 

Experten zum Thema Candida sind froh über das öffentliche Interesse. Sie wünschen sich jedoch eine korrekte und seriöse Darstellung des Wissensstands.

Zu ihnen zählt der Mykologe Dr. Mahmoud Ghannoum. Er ist Direktor des Center for Medical Mycology an der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio, und Autor von „Total Gut Balance: Fix Your Mycobiome Fast for Complete Digestive Wellness“. 

„Ich möchte, dass die Menschen über Pilze nachdenken. Aber ich möchte nicht, dass sie denken, Candida sei für alles und jedes verantwortlich“, sagte Ghannoum. „In sozialen Medien kursieren Geschichten, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.“

Laut Ghannoum gibt es zahlreiche neue Studien zur Rolle von Candida bei verschiedenen Erkrankungen. Dazu gehören rezidivierende vaginale Pilzerkrankungen, entzündliche Darmerkrankungen und Arthritiden. Bei weniger eindeutigen Symptomen ist die Datenlage jedoch eher dürftig.

„Um Candida zum Sündenbock für Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und solche Dinge zu machen, gibt es meiner Meinung nach nicht genügend Anhaltspunkte“, sagte er. 

 
Um Candida zum Sündenbock für Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und solche Dinge zu machen, gibt es meiner Meinung nach nicht genügend Anhaltspunkte. Dr. Mahmoud Ghannoum
 

Während Wissenschaftler versuchten, die Rolle von Candida für die menschliche Gesundheit zu klären, sei es auch wichtig, sich daran zu erinnern, dass Candida im Magen-Darm-Trakt als größtenteils positive Kraft wirke, fügte er hinzu.

„Eine gewisse leichte Candida-Besiedlung des Darmes kann für die Aufspaltung der Nahrung von Vorteil sein. Als Nebenprodukt vermehren sich dann nützliche Bakterien, welche die Symbiose fördern“, sagte Ghannoum.

Gefährliche Infektionen sind selten – und kein Fall für Diäten

Bei den meisten Menschen wird der Magen-Darm-Trakt um den Zeitpunkt der Geburt herum mit Candida kolonisiert. Aus evolutionärer Sicht könnte die Anwesenheit von Candida das menschliche Immunsystem zum Umgang mit pathogenen Keimen wie Clostridium difficile geschult haben. Untersuchungen an Mäusen legen nahe, dass Candida sogar antitumorale Wirkungen haben könnte.

Wir beherbergen unzählige Candida-Arten. Die meisten sind harmlose Kommensalen. Lediglich 5 Candida-Arten sind für mehr als 90% aller Infektionen verantwortlich, wobei Candida albicans der wohl bekannteste und häufigste Stamm ist. Das pathogene Potenzial der Hefe kann sich in der Regel nur unter idealen Bedingungen entfalten. Diese sind z.B. eine Antibiotikatherapie oder ein geschwächtes Immunsystem, die C. albicans und andere Candida-Arten übermäßig wachsen lassen und Infektionen verursachen können (sog. Candidose). Die häufigsten Infektionen sind der Soor und die vaginale Candidose. Beide sind leicht zu behandeln. Die hämatogene Aussaat einer Candida-Infektion ist zwar selten, hat aber eine Mortalität von über 40%.

Kritiker von Candida-Diäten beklagen das Vorgehen der Befürworter, welche sich auf die seltenen, aber ernsten Folgen einer klinischen Candidämie berufen, um daraus abzuleiten, dass die gutartigen Candida-Formen eben nur etwas weniger schlimm seien.

„Candida im Blut ist ein lebensbedrohlicher Zustand“, so Langer. „Bei einer Candidämie laufen Sie nicht herum und kümmern sich um ihre Diät, sondern liegen auf der Intensivstation.“ 

 
Bei einer Candidämie laufen Sie nicht herum und kümmern sich um ihre Diät, sondern liegen auf der Intensivstation. Abby Langer
 

In Deutschland kommt es jährlich zu schätzungsweise 2.000 bis 12.000 Fällen von Candidämie. Patienten erhalten Antimykotika, aber keine Empfehlungen für Diäten. 

Sogar die Raten der nicht infektiösen Candida-Überwucherung würden Ghannoum zufolge oft überbewertet. Nach bislang unveröffentlichten Daten aus Stuhlanalysen von BIOHM Health haben etwa 2% der Untersuchten eine Candida-Überwucherung.

Für die Ernährungswissenschaftlerin und Autorin Lisa Richards, die auch die Webseite The Candida Diet führt, weisen Forschungsergebnisse auf einen wesentlich höheren Prozentsatz von Candida-Überwucherung hin, wie sie in einem Medscape-Interview sagte. Sie zitiert Daten, nach denen etwa ein Viertel der Patienten mit unklaren Verdauungsbeschwerden eine Pilzüberwucherung im Dünndarm hätten. Eine Analyse positiver Pilzproben aus dem Darm von Patienten mit chronischen Magen-Darm-Beschwerden habe in 84% C. albicans und bei 16 C. glabrata zu Tage gefördert.

„In der Vergangenheit beharrte man darauf, dass eine solche Pilzüberwucherung nur bei stark immungeschwächten Personen auftreten würde“, so Richards. „Diese Studien belegen jedoch, dass dies auch bei Menschen mit einem gesunden Immunsystem möglich und auch gar nicht so selten ist.“

Wie riskant sind Candida-Diäten? 

Die meisten Empfehlungen, die sich auf Webseiten über Candida-Diäten finden, dürften den Segen der Ärzteschaft erhalten.

„Bei der Candida-Diät steht im Vordergrund, dass auf verarbeitete Lebensmittel und Zuckerzusätze verzichtet wird und der Anteil probiotischer Lebensmittel erhöht werden soll“, so Richards gegenüber Medscape. Zudem solle man auf Alkohol verzichten und viel Obst, Gemüse und „Lean Protein“ zu sich nehmen, also fettarme und eiweißreiche Lebensmittel.

Im Gegensatz zu anderen gängigen entzündungshemmenden Diäten wird hier empfohlen, auch auf glutenhaltige Getreidesorten wie Weizen zu verzichten. Laut Richards würde Gluten die Vielfalt des Darmmikrobioms negativ beeinflussen. Andere Studien deuten jedoch darauf hin, dass der Verzicht auf Gluten keinen Nutzen hat und bei Menschen, die nicht an Zöliakie oder anderen bekannten Überempfindlichkeiten leiden, sogar nachteilig sein kann.

Viele Fragen sind offen

Auch wenn Experten manche Thesen zur Candida-Überwucherung und zu damit verbundenen Diätempfehlungen ablehnen, wird im Allgemeinen doch nicht bestritten, dass es sich grundsätzlich um einen sinnvollen und vielversprechenden Forschungszweig handelt.

Nach Ghannoum ist spätestens seit den 1960er Jahren bekannt, dass Candida die Darmbarriere durchbrechen und vielfältige Probleme bereiten kann. Damals hatte ein deutscher Wissenschaftler im Selbstversuch eine größere Pilzmenge eingenommen und war fast daran gestorben.

Vor Kurzem hat die C.-albicans-Forscherin Prof. Dr. Carol Kumamoto, Professorin für Molekularbiologie und Mikrobiologie an der Tufts University in Boston, gezeigt, dass Candida in bestimmten Fällen den menschlichen Magen-Darm-Trakt verlassen und in anderen Regionen des Körpers zu einem opportunistischen Erreger werden kann.

„Die Studien konnten denselben Candida-Stamm sowohl im Blut als auch im Magen-Darm-Trakt von Patienten nachweisen, was dafür spricht, dass die Infektion von dem Stamm ausging, der bereits den Magen-Darm-Trakt kolonisiert hatte“, so Kumamoto.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass eine Veränderung der Kost einen Einfluss auf die Candida-Präsenz hat. Bei Mäusen, die mit mittelkettenlastigem Kokosnussöl gefüttert wurden, war die Besiedlung des Magen-Darm-Trakts mit C. albicans geringer ausgeprägt als bei Mäusen, die mit Rindertalg oder Sojabohnenöl gefüttert wurden. In einer separaten Studie an menschlichen Frühgeborenen wurde ebenfalls eine geringere Besiedlung durch mittelkettige Triglyceride festgestellt. Umgekehrt wiesen neutropenische Mäuse, die einen höheren Glukosegehalt in ihrem Trinkwasser erhielten, entsprechend höhere Raten von C. albicans in ihrem Darm auf.

Durch die jahrzehntelange Beschäftigung mit Candida hat Ghannoum sein deren Potenzial erkannt. „Es handelt sich um einen opportunistischen Organismus, dem man nicht die Möglichkeit geben sollte, auszureißen und weiteren Schaden anzurichten“, sagt er. Daher unterstützt er ganz allgemein diätetische Maßnahmen, die darauf abzielen, Candida im Zaum zu halten.

„Ich möchte das Wachstum nützlicher Organismen fördern und pathogene Keime zurückdrängen. Eine Ernährung, die diesem Ziel förderlich ist, ist dann der richtige Weg“, sagt er.

Auch Kumamoto befürwortet diesen Ansatz, solange die Ernährungsumstellung nicht extrem ist. „Ich würde nicht so weit gehen, Candida im Körper ausrotten zu wollen, sofern keine Infektion vorliegt, denn ein geringes Maß an Candida im menschlichen Körper ist normal“, sagte sie.

Psychische Folgen nicht unterschätzen

Langer hält es jedoch für falsch, diese Diäten als relativ harmlos zu betrachten. Sie könnten nämlich die Patienten davon abhalten, der tatsächlichen Ursache ihrer Symptome, wie etwa eine bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms, festzustellen.

Sie fürchtet aber auch die Folgen, wenn man die Augen davor verschließt, auf was für tönernen Füßen sie stehen. „Ich arbeite jetzt seit über 20 Jahren als Ernährungsberaterin und habe erschreckend viele Falschinformationen zum Thema Ernährung gelesen und gehört, die den Menschen Angst vor ihrem Körper und vor dem Essen machen“, sagt sie. „Sicher, Candida-Diäten sind vielleicht nicht körperlich gefährlich. Aber was ist mit den psychischen Gefahren, wenn man hört, dass harmlose Lebensmittel angeblich gefährlich und für gastrointestinale Probleme verantwortlich sind? Wir dürfen die Bedeutung von Fehlinformationen für unsere Gesundheit nicht herunterspielen.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus https://www.medscape.com  übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....