Von Varianten-Updates bis inaktivierte Viren: Welche Corona-Impfstoffe bringt uns 2022?

Dr. Linda Fischer

Interessenkonflikte

20. Januar 2022

Zu den bisher in Deutschland zugelassenen Impfstoffen zur Prävention einer Covid-19-Erkrankung zählen zum einen die beiden mRNA-Impfstoffe Comirnaty® von Biontech/Pfizer und Spikevax® von Moderna. Zum anderen wurden die Vektor-basierten Impfstoffe Vaxzevria® von Astrazeneca und die Covid-19 Vaccine Janssen® von Janssen-Cilag International NV zugelassen, wobei der Liefervertrag mit Astrazeneca ausgelaufen ist, und das Vakzin in Deutschland nicht mehr zum Einsatz kommt.

Mit Nuvaxovid® (NVX-CoV2373) wurde in der Europäischen Union (EU) schließlich der 5. Impfstoff zugelassen – der erste proteinbasierte Impfstoff für diese Indikation. 

Impfstoff-Updates gegen Virus-Varianten

Inzwischen dominiert die Omikron-Variante des Coronavirus in immer mehr Ländern das Infektionsgeschehen. Deshalb forschen die Hersteller bereits an einem Impfstoff-Update speziell gegen die neue Variante. Vor allem die Hersteller der mRNA-Präparate, Biontech/Pfizer und Moderna, werben seit Beginn ihrer erstmals eingesetzten Impfstoffe mit der Möglichkeit, diese schnell an Virus-Änderungen anpassen zu können. Beide bereiten ihre Mittel bereits seit Monaten auf mögliche Mutationen des Coronavirus vor. „Klinische Studien haben gezeigt, dass Varianten-Impfstoffe gleich gut vertragen werden und ähnliche Symptome zeigen wie das Original-Vakzin gegen den Wildtyp“, sagt Biontech-Gründer Ugur Sahin.

Der US-Hersteller Moderna hat Ende November mit der Anpassung seines mRNA-Impfstoffes speziell gegen die Omikron-Variante begonnen. „Wir haben multivalente Kandidaten, die schon auf frühere Varianten wie Beta oder Delta optimiert wurden, und die bereits in der klinischen Prüfung sind“, sagte Deutschland-Geschäftsführer Gerald Wiegand der Deutschen-Presse-Agentur.

Auch der Hersteller Astrazeneca hat nach eigenen Angaben zusammen mit Forschenden der Universität Oxford erste Schritte unternommen, um einen Omikron-Impfstoff zu produzieren, für den Fall, dass er benötigt werde. 

Für eine zweimalige Impfung mit der Covid-19 Vaccine von Johnson & Johnson (J&J) deuten Studienergebnisse bereits auf einen hohen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen bei Infektionen mit der Omikron-Variante hin.

Neue Impfstoffe im Rolling Review-Verfahren

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) prüft derzeit vier weitere potenzielle Covid-19-Impfstoffe im Rolling Review, um den Weg für vielversprechende Impfstoffe in der EU so bald wie möglich freizumachen:

  1. COVID-19 Vaccine (Vero Cell) Inactivated von Sinovac Life Sciences Co., Ltd.

  2. VLA2001 von Valneva

  3. Sputnik V, Gam-COVID-Vac von Russia’s Gamaleya National Centre of Epidemiology and Microbiology

  4. Vidprevtyn von Sanofi Pasteur

COVID-19 Vaccine (Vero Cell) Inactivated

Die Vakzine des chinesischen Herstellers Sinovac enthält inaktivierte Coronaviren und zählt zu den Totimpfstoffen. Nachdem der Impfstoff in klinischen Phase-1/2-Studien (NCT04383574NCT04352608) getestet wurde, starteten Mitte 2020 die klinischen Phase-3-Studien NCT04456595NCT04508075NCT04582344NCT04617483NCT04651790

Die EMA hat im Mai das Prüfverfahren für den Impfstoff gestartet. Die Daten werden im Rolling Review-Verfahren bewertet, obwohl noch nicht alle Teile des Zulassungsantrags vorliegen. Die Fachleute der EMA begründeten ihre Entscheidung mit vorläufigen Ergebnissen aus klinischen und Labor-Studien. Daraus werde deutlich, dass der Impfstoff die Produktion von Antikörpern gegen das Coronavirus anrege und daher als Schutz gegen Covid-19 wirksam sein könne. 

VLA2001

Mit VLA2001 befindet sich seit Dezember 2021 ein zweiter Totimpfstoff im Rolling Review-Verfahren der EMA, der noch in diesem Jahr zugelassen werden könnte – das französische Biotechnologieunternehmen Valneva rechnet weiterhin mit einer Zulassung im ersten Quartal 2022. Der Impfstoff besteht aus den zwei Adjuvantien Alum und CpG 1018. Derzeit ist VLA2001 einer der ersten adjuvantierten, inaktivierten Ganzvirus-Impfstoffe in Europa, der in klinischen Studien gegen Covid-19 erprobt wird.

Da Totimpfstoffe mehr Angriffspunkte im Immunsystem nutzen können als nur das Spike-Protein, hofft das Unternehmen, dass VLA2001 auch vor der neuen Omikron-Variante schützt; entsprechende Tests werden durchgeführt. Seit Dezember 2020 läuft eine klinische Phase I/II-Dosisfindungs-Studie (NCT04671017). Gegen die Delta-Variante erzeugte der Impfstoff in einer im April 2021 gestarteten Phase-III-Studie (NCT04864561) laut Pressemitteilung des Unternehmens höhere Antikörpertiter, als die Vergleichsvakzine von Astrazeneca. 

Im August 2021 startete zudem eine klinische Phase-3-Studie (NCT04956224), in deren Rahmen Forscherinnen und Forscher die Wirksamkeit von VLA2001 mit einem modifizierten Impfstoff vergleichen, welcher eine Variante von SARS-CoV-2 enthält. 

Ende Dezember 2021 gab das Unternehmen außerdem positive Ergebnisse für homologe Booster bekannt: Die Daten zeigten eine starke Immunreaktion nach einer dritten Dosis mit VLA2001. Untersucht wird der Impfstoff derzeit außerdem auf Kreuzneutralisation gegen die besorgniserregenden Varianten, einschließlich Omikron. Parallel dazu bereitet das Unternehmen den Start einer heterologen Booster-Studie vor, in der eine VLA2001-Booster-Impfung nach der Erstimpfung mit zugelassenen Covid-19-Impfstoffen oder nach einer natürlichen Covid-19-Infektion untersucht wird. Das Unternehmen geht davon aus, dass es in den kommenden Wochen erste Daten für die Studie mit älteren Menschen vorlegen wird. 

Sputnik V, Gam-COVID-Vac

Bereits im März 2021 eröffnete die EMA ein Prüfverfahren für den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V. Wann genau der Impfstoff zugelassen wird, steht aber noch nicht fest.

Russland steht immer wieder in der Kritik, nicht ausreichend Daten zur Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit für eine EU-weite Zulassung zu liefern. EU-Mitglied Ungarn etwa setzt Sputnik aber bereits seit langem auf Grundlage einer nationalen Genehmigung ein. In Deutschland werden die Impfungen nicht anerkannt.

Der russische Vektor-Impfstoff wurde am Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt und in klinischen Studien getestet (NCT04436471,NCT04437875). Für die Impfung werden zwei verschiedene Adenoviren (rAd26 und rAd5) als Vektoren für die erste und die zweite Impfdosis eingesetzt. Dadurch soll bei der zweiten Dosis das Risiko einer Immunreaktion gegen den Vektor der ersten Impfdosis verringert und eine beeinträchtigte Wirksamkeit vermieden werden. 14,15

Im Februar 2021 wurden dann neue Daten einer klinischen Phase-III-Studie zu dem Impfstoff in der Fachzeitschrift „The Lancet” veröffentlicht, denen zufolge das Vakzin eine Wirksamkeit von 91,6 % erreichte.

Sputnik V wurde nach eigenen Angaben von russischen Forscherinnen und Forschern für den Einsatz gegen die Delta-Variante modifiziert. Nach Darstellung des russischen Gesundheitsministers Michail Muraschko soll der Impfstoff eine Wirksamkeit von 83% mit Blick auf diese Variante haben. An einem an Omikron angepassten Impfstoff für Auffrischungsimpfungen wird derzeit gearbeitet.

Vidprevtyn

Das Rolling Review-Verfahren der EMA für den Impfstoff des französischen Pharmaunternehmens Sanofi Pasteur startete im Juli 2021. Anders als die bisher zugelassenen Impfstoffe enthält der Protein-basierte Subunit-Impfstoff Vidprevtyn nicht die genetische Information des Spikeproteins von SARS-CoV-2, sondern das Spikeprotein selbst, welches in Insektenzellen hergestellt wird. Vidprevtyn enthält ein Adjuvans, eine Substanz, die die Immunantwort auf den Impfstoff verstärkt.

Die Entscheidung der EMA basiert auf vorläufigen Ergebnissen aus Laborstudien (nicht-klinische Untersuchungen) und frühen klinischen Prüfungen an Erwachsenen. Diese Studien zeigen, dass der Impfstoff immunogen ist; die Produktion von Antikörpern und Immunzellen gegen SARS-CoV-2 wurde nachgewiesen. Wie andere Impfstoffe soll auch Vidprevtyn vor Covid-19 schützen und insbesondere schwere Krankheitsverläufe verhindern. 

Seit dem 26. Mai 2021 befindet sich Vidprevtyn in einer klinischen Phase-3-Studie (NCT04904549) mit über 37.000 Probanden. 

Um den Impfstoff-Hoffnungsträger Curevac ist es still geworden

Im ersten Corona-Jahr war das Biotech-Unternehmen Curevac noch ganz vorne mit dabei bei der Entwicklung eines ersten Impfstoffs – inzwischen ist es um die Tübinger recht still geworden. Nach dem Rückzieher des Impfstoffkandidaten CVnCoV wegen vergleichsweise schwacher Wirksamkeit aus dem Zulassungsverfahren will Curevac nicht schon wieder Schiffbruch erleiden und plant mit seinem britischen Partner GlaxoSmithKline (GSK) „eine Vorreiterrolle“ bei der Entwicklung eines neuen Impfstoffs der zweiten Generation.

Das Ziel: Der neue Impfstoff soll unter anderem einen langanhaltenderen Schutz gegen neue Varianten in einer einzigen Impfung bieten. In präklinischen Studien zeigte dieser nach Auskunft von Curevac-Vorstandschef Franz-Werner Haas eine frühere und stärkere Immunantwort als CVnCoV. „Durchaus vergleichbar mit einem zugelassenen mRNA-Impfstoff, und er schützt im Vergleich zu CVnCoV besser gegen alle getesteten Varianten, inklusive der Beta-, Delta- und Lambda-Variante. Das stimmt uns selbstverständlich optimistisch“. 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.

 

Kommentar

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