An PCR-Tests soll gespart werden – weil Labore an ihre Grenzen stoßen, kann man sich mit Schnelltests freitesten

Christian Beneker

Interessenkonflikte

19. Januar 2022

„Aufgrund massiv angestiegener PCR-Testungen und krankheitsbedingter Engpässe kommt es zu verlängerten Laufzeiten der Corona-PCR-Befunde. Bitte sehen Sie von telefonischen Ergebnis-Nachfragen innerhalb von 2-3 Tagen ab. Wir bitten um Verständnis.“ So wendet sich das Medizinische Labor Bremen derzeit an seine Kunden.

Weil sich immer mehr Menschen mit der Omikron-Variante des Corona-Virus infizieren, laufen die Labore in Deutschland auf Hochtouren. Mancherorts gerät man bereits an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Das bedeutet: Die Wartezeiten auf die Ergebnisse werden länger. Die angestrebten 24 Stunden werden zum Teil deutlich überschritten.

Auch das Personal der Labore ist inzwischen offenbar von der Aufgabenfülle überfordert. „Viele haben ihre Grenzen überschritten“, berichtet Birgit Hagemann, leitende MTA im Hamburger Labor Heidrich und Kollegen, dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bräuchten eine Auszeit.

Nun will Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gegensteuern und das Freitesten erleichtern.

Mehr als 1,4 Million Befunde in der Woche

Die Zahlen zum Engpass haben die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM): In der Woche vom 3. bis zum 9. Januar 2022 führten sie insgesamt 1.400.039 Tests auf das Corona-Virus durch. In der Woche zuvor waren es noch 897.803. Das ist eine Steigerung von 56%.

Die Anzahl der positiv befundeten Corona-PCR-Tests stieg auf 327.911 (Vorwoche 196.528). Das entspreche einem Zuwachs von mehr als 67% gegenüber der letzten Woche. Die Positivrate sei damit auf 23,4% (Vorwoche 21,9%) gestiegen.

Für die Woche darauf wurde laut der Erhebung der ALM, an der 182 Labore teilgenommen haben, insgesamt 2,28 Millionen PCR-Tests ermittelt. Damit seien die Labore zu 64% ausgelastet gewesen. Es wären in Deutschland 2,5 Millionen Tests in der Woche möglich.

 
Dieser explosionsartige Anstieg ist vor allem bedingt durch die sehr dynamische Ausbreitung der Omikron-Variante. Dr. Michael Müller
 

„Dieser explosionsartige Anstieg ist vor allem bedingt durch die sehr dynamische Ausbreitung der Omikron-Variante“, so Dr. Michael Müller, 1. Vorsitzender der ALM. Allerdings sieht er keine größeren Probleme. „Die Belastung in den Laboren ist zwar erheblich, aber ich sehe keinen Grund für zu große Sorgen.“ Allerdings müssten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Überlastung geschützt werden, „denn auch sie können krank oder als Kontaktpersonen in die Quarantäne geschickt werden“, sagte Müller.

Teststrategie anpassen

Unterdessen fordern Experten, die Teststrategie anzupassen. „Ich denke, zu diesem Zeitpunkt in der Pandemie muss die Testkapazität intelligent eingesetzt werden, das heißt: Es müssen die vulnerablen Gruppen weiterhin geschützt werden, um die Krankenhäuser nicht zu überlasten und schlimme Einzelschicksale zu vermeiden“, sagte PD Dr. Claudia Denkinger, Tropenmedizinerin und Infektiologin an der Universitätsklinik Heidelberg.

„Und es müssen essenzielle Infrastrukturen geschützt werden, so dass zum Beispiel nicht auf einmal alle Polizisten einer Wache ausfallen. Für beide Anwendungen wäre immer die PCR der bessere Test, eventuell auch in Form von Pool-Testung in stabilen, sich nicht ändernden Gruppen, aber eben auch die Antigentests. Die Schnelltests funktionieren weiterhin gut“, so Denkinger.

Experten sprechen sich für Priorisierung bei PCR-Tests aus

Prof. Dr. Hajo Zeeb, Präventionsforscher und Epidemiologe am Leibnitz-Institut für Präventionsforschung in Bremen (BIPS), wies darauf hin, dass es für die Isolations- und Quarantäne-Entscheidungen und -dauern problematisch wäre, wenn die Ergebnisse der PCR-Tests verspätet kommen. „Derzeit kommt es lokal schon zu Wartezeiten von mehreren Tagen, die für die Betroffenen natürlich belastend sind“, sagte Zeeb.

 
Bei Erreichen der Kapazitätsgrenze ist dann zu überlegen, dass für kritische Infrastrukturen einschließlich der Schulen Vorrang geschaffen wird. Prof. Dr. Hajo Zeeb
 

Die Zahl der Labore sei kurzfristig nicht erweiterbar, ebenso wenig der Umsatz in den Laboren. „Bei Erreichen der Kapazitätsgrenze ist dann zu überlegen, dass für kritische Infrastrukturen einschließlich der Schulen Vorrang geschaffen wird“, sagte Zeeb. „Es ist angesichts der unspezifischen Symptome schwierig, ohne Testung über Isolation oder Quarantäne zu entscheiden. Insofern dürfte die wesentliche Stellschraube darin liegen, wofür PCR-Tests eingesetzt werden.“

Genau hier will auch Bundesgesundheitsminister Lauterbach ansetzen. Der Deutschen Presseagentur gegenüber erklärte der SPD-Politiker, er habe bei der Laborbefundung von Corona für eine Priorisierung gesorgt.

So soll Gesundheitspersonal beim Freitesten und der entsprechenden Laborauswertung bevorzugt werden. Um PCR-Tests zu sparen, seien sie darüber hinaus nur für Personal in Kliniken, Pflegeheimen und Behinderteneinrichtungen verpflichtend. Alle anderen können sich nach überstandener Erkrankung auch mit einem Selbsttest freitesten.
 

Kommentar

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