Fall: Eine Frau ohne Vorerkrankung leidet an Bauchschmerzen – und plötzlich an neurologischen Beschwerden. Ihr Verdacht?

Paul P. Rega

Interessenkonflikte

17. Januar 2022

Die Patientin in diesem Fall erhielt das Botulinum-Antitoxin, worauf ihre klinischen Symptome innerhalb von 24 Stunden fast vollständig verschwanden. Sie musste daher weder intubiert noch maschinell beatmet werden.

Bei jedem Patienten mit einer mutmaßlichen Botulismus-Diagnose kann aufgrund der drohenden Lähmungen ein invasives Atemwegsmanagement erforderlich werden. Patienten mit potenziell schwieriger Atemwegsanatomie sollten frühzeitig identifiziert werden. Dazu zählen Personen mit kurzen Hälsen, offensichtlichen Nacken- und/oder Gesichtsanomalien oder hohen Werten z.B. beim Mallampati-Test, welcher der Abschätzung des Schwierigkeitsgrades einer endotrachealen Intubation dient. Ein hoher Testwert bedeutet zugleich eine schwierige Intubation. In solchen Fällen ist eine elektive Intubation sicherer als eine Notfallintubation.

Eine weitere Situation, die geplant werden muss, ist ein gemeindeweiter Ausbruch mit begrenzten Gesundheitsressourcen.

Lokale Ausbrüche durch Wundbotulismus wurden in der letzten Dekade bei Heroinabhängigen beobachtet (seit 2014: Norwegen 4 Fälle, Schottland 15, Deutschland 4). Bei einem Botulismusausbruch müssen baldmöglichst die lokalen Gesundheitsämter benachrichtigt werden, um die Quelle ausfindig zu machen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Ist eine größere Zahl von Menschen betroffen, muss alsbald für ausreichende intensivmedizinische Kapazitäten inklusive Beatmungsplätzen gesorgt werden. Um die Mortalität gering zu halten, gilt dies als entscheidender Faktor vor der frühzeitigen Verabreichung des Antitoxins.

In den USA gab es zwischen 1977 und 2015 insgesamt 6 Ausbrüche von lebensmittelbedingtem Botulismus, an denen mehrere Patienten beteiligt waren. Der kleinste Ausbruch betraf im Jahr 2001 genau 16 Personen in Texas und war durch kontaminiertes Chili bei einer kirchlichen Veranstaltung verursacht worden. Im Jahr 1977 hatten sich 58 Patienten in Michigan nach dem Verzehr von selbst eingemachten Paprika in einem örtlichen Restaurant mit Botulinumtoxin vergiftet (s. Abb. 4) [12].

Wenn plötzlich mehrere Patienten, die in einen Ausbruch verwickelt sind, in einer Notaufnahme erscheinen, kann es an Fachkräften und an Ausrüstung mangeln, um eine fortschreitende Ateminsuffizienz schnell und angemessen zu beurteilen. Eine mögliche Hilfe ist der Zähltest [15], dessen Aussagekraft nicht von Fachkenntnissen, Geräten oder geografischen Gegebenheiten abhängt. Es wird dabei gemessen, wie weit eine Person mit normaler Sprechstimme nach einer maximalen Inspiration zählen kann. Das Zählen erfolgt im Rhythmus eines Metronoms, das auf 2 Schläge pro Sekunde eingestellt ist. Erreichte Zahlenwerte unter 10 geben bereits einen Hinweis auf eine Ateminsuffizienz.

Der nächste Schritt besteht darin, bestimmte Patienten frühzeitig in entlegene Einrichtungen zu verlegen, um die medizinische Versorgung im ursprünglichen Krankenhaus nicht zu gefährden. Dazu werden als „umgekehrte Triage“ die intubierten Patienten für den Transport ausgewählt, deren Zustand sich unterwegs mit der geringsten Wahrscheinlichkeit verschlechtern dürfte.

Der Botulismus ist eine komplizierte Krankheit, sowohl für die Patienten als auch für das Umfeld. Sie muss mit ebenso viel Geschick wie Flexibilität bewältigt werden.

Kommentar

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