Fall: Eine Frau ohne Vorerkrankung leidet an Bauchschmerzen – und plötzlich an neurologischen Beschwerden. Ihr Verdacht?

Paul P. Rega

Interessenkonflikte

17. Januar 2022

Diskussion

Das Tolosa-Hunt-Syndrom ist die Folge einer granulomatösen Entzündung in der Nähe des Sinus cavernosus oder in bestimmten Bereichen der Augenhöhlen. Die Krankheit äußert sich durch eine oder mehrere Episoden einseitiger Augenschmerzen sowie durch eine Lähmung der Hirnnerven III, IV und/oder VI. Im Gegensatz zu der Patientin im vorliegenden Fall gibt es keine gastrointestinalen Prodromi und auch kein Fortschreiten der neurologischen Manifestationen über die Augennerven hinaus.

In der jüngeren Literatur wurde ein Zusammenhang zwischen einer SARS-CoV-2-Infektion und dem Guillain-Barré-Syndrom beschrieben [1]. Beim Guillain-Barré-Syndrom handelt es sich um eine demyelinisierende Polyneuropathie mit einer akuten aufsteigenden Lähmung. Gastrointestinale Symptome, wie sie bei dieser Patientin vorkamen, gehören nicht zu den Vorboten des Syndroms.

Die seltene Zeckenlähmung tritt im Frühjahr und Sommer auf, wenn die Zecken am aktivsten sind – bislang allerdings nicht in Europa. Sie ist die derzeit einzig bekannte Erkrankung, die direkt von der (weiblichen) Zecke ausgelöst wird. Die neurologischen Manifestationen treten auf, solange die Zecke festsitzt. Wird sie entfernt, verschwindet die Lähmung. Das Prodromalstadium ist grippeähnlich. Akute Bauchschmerzen gehören normalerweise nicht dazu. Das zweite Stadium ist eine auf- aber nicht absteigende Lähmung. Die Patienten sind ataktisch und weisen eine Muskelschwäche in den unteren Extremitäten auf.

Der Botulismus ist eine neuromuskuläre Erkrankung, die durch Toxine des anaeroben, grampositiven Bakterium Clostridium botulinum verursacht wird (s. Abb. 3). Es werden 6 verschiedene Syndrome unterschieden: Säuglingsbotulismus, Nahrungsmittelbotulismus, Wundbotulismus, intestinaler Botulismus bei Erwachsenen, Botulismus durch Inhalation und iatrogener Botulismus.

Von 8 Neurotoxinen (A bis H) betreffen die Toxine A, B und E (selten F) den Menschen [2,3]. Der bislang letzte Typ H wurde 1977 entdeckt [4]. Diese Neurotoxine gelten als die stärksten bekannten biologischen Gifte [2,3].

Dem Robert Koch-Institut von 2001 bis 2018 jährlich zwischen 0 und 24 Fälle angezeigt. Der Botulismus ist in Deutschland meldepflichtig. Beim seltenen Säuglingsbotulismus können in den ersten Lebensmonaten C.-botulinum-Sporen, die vom Säugling über Lebensmittel wie etwa Honig aufgenommen werden, im Darm auskeimen und zur Toxinbildung mit Muskellähmungen, speziell mit Lähmung der Atmungsmuskulatur, führen. Bei älteren Kindern und Erwachsenen besteht diese Gefahr vermutlich wegen der ausgereiften Darmflora nicht mehr.

Beim lebensmittelbedingten Botulismus beträgt die Inkubationszeit von der ersten Exposition bis zum Auftreten der Symptome 12 bis 72 Stunden: mindestens 2 Stunden, maximal 8 Tage. Die klassischen Symptome beginnen mit einer symmetrischen Parese oder Lähmung, die vom Kopf bis zu den Zehen reicht. Zu den ersten Symptomen der Botulismusvergiftung gehören eine Ptosis, Dysphonie, Dysphagie und Dysarthrie, eine Xerostomie sowie Sehstörungen (d.h. bulbäre Manifestationen) [2,3].

Kommentar

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