Schädliche Verstrickungen: Diabetiker haben ein erhöhtes Parkinson-Risiko

Interessenkonflikte

14. Januar 2022

Ein Diabetes bedeutet auch ein erhöhtes Parkinson-Risiko sowie schwerere Parkinson-Verläufe und eine raschere Progredienz. Das ist das Ergebnis eines kürzlich im Journal of Parkinson's Disease veröffentlichten systematischen Reviews [1].

Das Risiko ist demnach für Typ-2-Diabetiker um 34% höher als für Nicht-Diabetiker. Patienten mit beiden Erkrankungen schneiden zudem deutlich schlechter auf der Unified Parkinson's Disease Rating Scale (UPDRS) ab und sind auch kognitiv schlechter gestellt.

Studienleiter Dr. Gennaro Pagano vom King's College in London meint, dass es für Diabetiker wichtig sei, ihr erhöhtes Parkinson-Risiko zu kennen. „Selbst wenn man bereits an Parkinson erkrankt ist, könnte man einen schlimmeren Phänotyp haben. Im Zusammenhang mit der Diagnose und der Bewertung des Patienten kann das eine wichtige Rolle spielen“, sagt Pagano, der auch ärztlicher Direktor und Projektleiter beim Schweizer Pharmaunternehmen Roche war, gegenüber Medscape. Insgesamt weisen die Daten darauf hin, dass ein Diabetes die Neurodegeneration fördert, so die Untersucher.

Systematischer Review mit Metaanalyse

Ein möglicher Zusammenhang zwischen Diabetes und Parkinson wird in Forscherkreisen bereits seit Langem vermutet. Fall-Kontroll-Studien lieferten dazu jedoch bisher nur widersprüchliche Ergebnisse und auch frühere systematische Reviews vermochten noch kein Licht in die Angelegenheit zu bringen.

Der aktuelle systematische Review mit Metaanalyse nutzte relevante Studien in MEDLINE/PubMed, Cochrane CENTRAL, Scopus und anderen Datenbanken. Die berücksichtigten Studien betrafen einen neuen Diabetes mellitus bei bestehender Parkinson-Krankheit sowie neue Parkinson-Erkrankungen bei Patienten mit und ohne Diabetes. Die Untersucher analysierten den Phänotyp und das Fortschreiten der Parkinson-Krankheit bei Patienten mit und ohne Diabetes.

Bei ihrer ersten Suche identifizierten sie 3829 Arbeiten, werteten davon 90 detailliert aus und schlossen 43 Studien in ihre Analyse ein. Die Studienqualität rangierte zwischen mäßig und gut. Ein relevanter Publikationsbias konnte nicht festgestellt werden.

Diabetiker haben erhöhtes Risiko für Parkinson

Anhand von 21 Studien mit insgesamt 11 396 Patienten wurde die Prävalenz eines Diabetes bei Parkinson ermittelt. Sie gelangten dabei zu einem Wert von 10,02%, der gut mit den 2019 ermittelten 9,3% weltweit entspricht.

Die Untersucher nahmen sich zudem 12 Kohortenstudien mit insgesamt 17.797.221 Patienten vor, um das Parkinson-Risiko bei Patienten mit einem bestehenden Diabetes zu berechnen. Die gepoolte Odds Ratio (OR) für das Auftreten von Parkinson bei Typ-2-Diabetikern betrug 1,34.

Die Bewertung der Auswirkungen eines Diabetes mellitus auf die Schwere einer Parkinson-Erkrankung fußt auf 10 Studien mit insgesamt 603 Patienten, die beide Erkrankungen aufwiesen. Da es nicht in allen Studien Angaben über die motorischen Symptome gab, zogen die Untersucher die Hoehn-und-Yahr-Skala, den UPDRS-Score sowie die kognitiven Beeinträchtigungen heran.

Patienten, die unter beiden Erkrankungen litten, schnitten auf der Hoehn-und-Yahr-Skala schlechter ab (standardisierte Mittelwertdifferenz, SMD: 0,36; p < 0,001) und wiesen einen höheren UPDRS-Score auf (SMD: 0,60; p < 0,001). In 7 der 10 Studien wurde ein Diabetes mit einem schlechteren kognitiven Leistungsvermögen bei Patienten mit Parkinson in Verbindung gebracht.

Wie hängen Diabetes und Parkinson zusammen?

In welcher Weise sich ein Diabetes auf das Risiko und den Schweregrad einer Parkinson-Krankheit auswirkt, ist noch unklar, doch haben die Untersucher dazu Hypothesen entwickelt. „Die Insulinresistenz könnte der gemeinsame Faktor sein, der sowohl der Diabetes-Entstehung als auch der Parkinson-Krankheit zugrunde liegt“, so Pagano. „Auch die Überaktivierung des Sympathikus ist ein Faktor der beiden Erkrankungen gemein ist.“

 
Die Insulinresistenz könnte der gemeinsame Faktor sein, der sowohl der Diabetes-Entstehung als auch der Parkinson-Krankheit zugrunde liegt Dr. Gennaro Pagano
 

Diese Ergebnisse bleiben nicht ohne Folgen für die Diabetes-Therapie. „Noch prüft niemand auf eine leichte Parkinson-Symptomatik, doch das könnte sich in den kommenden Jahren ändern, wenn es weitere Evidenzen in dieser Richtung gibt“, sagt Pagano. Das erhöhte Parkinson-Risiko bei Diabetikern unterstreiche, wie wichtig es sei, frühzeitig zu erkennen, welche Personen sich einem Screening auf frühe Parkinson-Symptome unterziehen sollten, fügt er hinzu.

In zukünftigen Studien wollen die Untersucher herausfinden, ob Patienten mit Parkinson ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Diabetes haben. Sie wollen zudem die gemeinsamen Pathomechanismen beider Krankheiten mithilfe von bildgebenden Verfahren und Biomarkern untersuchen.

Neuer Standard für das Parkinson-Management

Dr. Aparna Wagle Shukla, Professorin für Neurologie, oberste Studienleiterin und Co-Direktorin der Abteilung für Bewegungsstörungen an der Universität von Florida in Gainesville, USA, kommentierte die Ergebnisse für Medscape. Aus ihrer Sicht sei die Metaanalyse sorgfältig durchgeführt worden, doch hätten viele der in den gepoolten Review aufgenommenen Studien ihre Grenzen.

Dazu gehöre auch, dass die Diagnosen in den berücksichtigten Studien darauf beruhten, dass Krankenakten oder Fragebögen mit Selbstauskünften zum Gesundheitszustand retrospektiv überprüft wurden, sagt Wagle Shukla, die nicht an der Untersuchung beteiligt war. Außerdem lagen in den meisten Studien keine Informationen zur Diabetes-Dauer und zur medikamentösen Therapie sowohl des Diabetes als auch der Parkinson-Krankheit vor.

Es gebe verschiedene Erklärungsversuche für den Zusammenhang zwischen Diabetes und Parkinson-Krankheit. Eine chronische Hyperglykämie fördere den oxidativen Stress, der die mitochondriale Dysfunktion beschleunige und zum Verlust dopaminerger Neuronen und zur Degeneration der nigrostriatalen Nervenbahnen beitrage.

 
Neurologen sollten auch in ihrer Praxis mehr auf den Blutzuckerspiegel und den HbA1c-Wert achten, da eine erfolgreiche Diabetes-Therapie auch eng mit einer befriedigenden Parkinson-Kontrolle zusammenhängt. Dr. Aparna Wagle Shukla
 

„Eine Insulinresistenz verschlimmert die dopaminerge neuronale Dysfunktion weiter, indem sie die Expression und Aggregation von Alpha-Synuclein vermittelt“, so Wagle Shukla. Um diese Mechanismen zu verstehen, seien weitere Grundlagenstudien erforderlich, fügt sie hinzu.

Die Erforschung und Entwicklung wirksamer krankheitsmodifizierender Therapien schreite immer schneller voran und um frühzeitig intervenieren zu können und zu besseren Behandlungsresultaten zu kommen, sei es wichtig, die Prodromalstadien zu identifizieren. Die aktuellen Daten setzten auch einen neuen Standard für das Parkinson-Management.

„Neurologen sollten auch in ihrer Praxis mehr auf den Blutzuckerspiegel und den HbA1c-Wert achten, da eine erfolgreiche Diabetes-Therapie auch eng mit einer befriedigenden Parkinson-Kontrolle zusammenhängt“, so Wagle Shukla.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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