Sorge um Wirksamkeit: Diskrepanz zwischen Grippe-Impfstoff und Viren – drohen Doppelinfekte mit Corona und Influenza?

Ralph Ellis

Interessenkonflikte

14. Januar 2022

Der erhoffte Schutz durch den aktuellen Grippeimpfstoff gegen den momentan am weitesten verbreiteten Grippestamm ist nicht so gut. Das ergab eine Studie in den USA. Schwere Verläufe bei infizierten Personen werden aber offenbar verhindert.

Die Impfstoffe wurden bereits vor einiger Zeit im Hinblick auf die wahrscheinlich in dieser Grippesaison 2021-22 vorherrschenden Virenstämme entwickelt: H3N2, H1N1 sowie 2 Influenza-B-Stämme.

Diskrepanz zwischen Impfstoff und Virus

Der Hauptstamm H3N2 sei inzwischen jedoch so weit mutiert, dass die Grippeimpfstoffe nicht mehr sehr gut dagegen ankämen, erklärt Dr. Scott Hensley, Professor für Mikrobiologie an der Universität von Pennsylvania, der die Studie leitete, gegenüber CNN.

„Nach unseren Laboruntersuchungen ging der Schuss ein Stück am Ziel vorbei“, sagte er weiter. Diese Diskrepanz zwischen Impfstoff und Virus könnte zu den Grippeausbrüchen an der Universität von Michigan mit über 700 Infizierten beigetragen haben, wobei etwa 26% der positiv Getesteten laut CNN gegen Grippe geimpft waren. Obwohl Impfstoffe eine Infektion mit H3N2 nicht verhindern können, verhindern sie jedoch offenbar schwerere Verläufe, so die Untersucher.

 
Nach unseren Laboruntersuchungen ging der Schuss ein Stück am Ziel vorbei. Dr. Scott Hensley
 

„Zahlreiche Untersuchungen zeigen immer wieder deutlich, dass die saisonalen Grippeimpfstoffe die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle selbst in Jahren eines großen Mismatches niedriger halten“, schreiben sie auf medRxiv (Internetseite mit Studienergebnissen, die noch auf den Peer Review warten).

Aktuell geringe Immunität der Bevölkerung

Die Nachricht über H3N2 ist dennoch besorgniserregend, weil die USA 2020-21 eine nur leichte Grippesaison zu verzeichnen hatten, da offenbar die Corona-Schutzmaßnahmen auch die Ausbreitung der Grippeviren eindämmten.

 
Zahlreiche Untersuchungen zeigen immer wieder deutlich, dass die saisonalen Grippeimpfstoffe die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle selbst in Jahren eines großen Mismatches niedriger halten. Dr. Scott Hensley und Kollegen
 

„Die Immunität der Bevölkerung gegen Influenzaviren ist aktuell wahrscheinlich gering, da sich diese Viren in der Pandemie nicht gut verbreiten konnten“, schreiben die Forscher. „Das Wahren der Abstände, das Tragen von Masken und ein Rückgang im internationalen Reiseverkehr haben wahrscheinlich dazu beigetragen, dass sich Influenzaviren zuletzt nur schlecht in der Welt ausbreiten konnten.

„Sobald die coronabedingten Einschränkungen gelockert oder aufgehoben werden, könnten sich die Influenzaviren wegen der fehlenden infektionsbedingten Grundimmunität der Bevölkerung in den vergangenen beiden Jahren recht schnell und ungehindert ausbreiten“, so die Forscher.

Droht in Zukunft „Flurona“

In der Saison 2019/20 starben mehr als 22.000 Menschen in den USA an der Grippe. Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Todesfälle dort auf etwa 700 für die Saison 2020/21. Die Untersucher fragen sich nun, ob die USA eine weitere leichte Grippesaison erleben werden oder ob die Menschen gleichzeitig an Grippe und COVID-19 erkranken werden („Flurona“).

 
Die Immunität der Bevölkerung gegen Influenzaviren ist aktuell wahrscheinlich gering, da sich diese Viren in der Pandemie nicht gut verbreiten konnten. Dr. Scott Hensley und Kollegen
 

In Deutschland erreichte die Zahl der mit Influenza-assoziierten Todesfälle laut dem Robert Koch-Institut (RKI) in der Saison 2018/19 mit 954 im Labor bestätigten Influenzatodesfälle ein Niveau, das nur knapp über der Hälfte der 1.674 gesicherten Todesfälle aus der Saison 2017/18 lag.

Da keine grundsätzliche Meldepflicht für Atemwegserkrankungen besteht und bei Todesfällen Influenza-Diagnosen oft nicht berücksichtigt werden, sind Epidemiologen bei der Abschätzung der Influenzamortalität auf Modellwerte angewiesen. Die influenzabedingte Übersterblichkeit wurde in 2017/18 mit knapp über 25.000 Grippetoten geschätzt, was einen Höchststand darstellte. Seit 2018/19 liegen jedoch keine neuen Schätzwerte der Übersterblichkeit vor.

Aktuell (Ende Dezember 2021) liegen weltweit Berichte über eine niedrige, jedoch steigende Influenza-Aktivität vor. In der laufenden Saison wurden seit der 47. Kalenderwoche bislang rund 600 Fälle nachgewiesen – 80% Typ A, wobei H3N2 deutlich der häufigste Subtyp war, wenn denn eine Subtypisierung erfolgt war.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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