Übergewicht mit 20 und Darmkrebsrisiko; Metabolom-Analyse zur Krebsdiagnose; Eltrombopag bei aplastischer Anämie

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

11. Januar 2022

Im Onko-Blog dieser Woche geht es um die Chemotherapie nach Versagen der Immuntherapie beim metastasierten Melanom – leider ist ihre Wirkung eher enttäuschend. Armodafinil hat keinen Effekt auf die Fatigue bei Patienten mit Gliom. Eine DKFZ-Studie ergab eine Assoziation von Übergewicht bei jungen Erwachsenen und erhöhtem Risiko für ein frühes Kolorektalkarzinom. Mit Eltrombopag scheint erstmals seit 30 Jahren für Patienten mit schwerer aplastischer Anämie eine therapeutische Verbesserung erreicht zu sein. Und eine Krebsdiagnose kann bei unspezifischen Symptomen möglicherweise mit einer relativ einfachen Blutuntersuchung erleichtert werden.

  • Metastasiertes Melanom: Chemotherapie nach Versagen der Immuntherapie nur begrenzt wirksam

  • Hochmalignes Gliom: Armodafinil bessert Fatigue nicht

  • Kolorektalkarzinom: Übergewicht bei jungen Erwachsenen mit höherem Krebsrisiko assoziiert

  • Aplastische Anämie: Eltrombopag zusätzlich zu Standardtherapie bessert Ansprechen

  • Immuncheckpoint-Inhibitoren: Keine vermehrten schweren Nebenwirkungen nach vorheriger Bestrahlung

  • Krebsdiagnose: Bei unspezifischen Symptomen kann Analyse metabolomischer Marker hilfreich sein

Metastasiertes Melanom: Chemotherapie nach Versagen der Immuntherapie nur begrenzt wirksam

Patienten mit metastasiertem Melanom sprachen auf eine Chemotherapie nach Versagen einer Immuntherapie nur zur einem geringen Prozentsatz an und die Erkrankung schritt meist rasch erneut fort. „Die Chemotherapie hat nur eine begrenzte Rolle im Management des metastasierten Melanoms“, so das Fazit der internationalen Arbeitsgruppe im European Journal of Cancer .

In einer retrospektiven Studie analysierte sie die Daten von 463 Patienten aus 24 Zentren, deren Melanom nach einer Behandlung mit Immuncheckpoint-Inhibitoren fortgeschritten war und dann mit verschiedenen Chemotherapie-Regimen behandelt wurde.

Die Chemotherapie dauerte im Median 7,9 Wochen. In 0,4% erreichte sie ein komplettes Ansprechen, in 12% ein partielles Ansprechen, bei 21% eine stabile Erkrankung und bei 67% schritt die Erkrankung fort. Das beste Ansprechen erzielte eine Taxan-Therapie mit 25%, aber der Effekt hielt nicht lange an.

Dies zeigt, dass die therapeutischen Möglichkeiten nach Versagen einer Behandlung mit Immuncheckpoint-Inhibitoren bei Patienten mit Melanom begrenzt sind.

Hochmalignes Gliom: Armodafinil bessert Fatigue nicht

Das Psychostimulans Armodafinil, das R-Enantiomer von Modafinil, ist nicht für die Behandlung einer Fatigue bei Patienten mit hochmalignem Gliom geeignet, so das Ergebnis einer randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Phase-3-Studie. Eine amerikanische Arbeitsgruppe hat sie in JAMA Oncology veröffentlicht.

328 Erwachsene mit hochmalignem Gliom und mittelschwerer bis schwerer Fatigue, die mindestens 4 Wochen nach Abschluss der Strahlentherapie klinisch stabil waren, erhielten Armodafinil (150 mg oder 250 mg täglich) oder Placebo über 8 Wochen.

Der Anteil der Patienten, die eine klinisch bedeutsame Verringerung der Müdigkeit erreichten, war in den Gruppen mit 28% für 150 mg Armodafinil, 28% für 250 mg Armodafinil und 30% für Placebo nicht unterschiedlich. Bei Behandlung mit 250 mg Armodafinil täglich litten mehr Patienten als unter Placebo (2 vs. 7) unter Schlaflosigkeit.

Damit ergab diese Studie keinen signifikanten Nutzen von Armodafinil in der Behandlung der krebsassoziierten Fatigue.

Kolorektalkarzinom: Übergewicht bei jungen Erwachsenen mit höherem Krebsrisiko assoziiert

Übergewicht und Adipositas bei jüngeren Erwachsenen ist mit einem erhöhten Risiko für ein frühes Kolorektalkarzinom assoziiert. Dies ergab eine Analyse von 747 Patienten mit Kolorektalkarzinom und 621 Kontrollen aus der DACHS-Studie (Darmkrebs: Chancen der Verhütung durch Screening), einer populationsbasierten deutschen Fall-Kontrollstudie. Eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Hermann Brenner vom DKFZ in Heidelberg hat diese Ergebnisse in Gastroenterology als Pre-proof publiziert.

Ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und Risiko für Darmkrebs ist schon lange bekannt. Bisher fokussierte sich die Forschung jedoch auf alle Altersgruppen. Die Heidelberger Arbeitsgruppe betrachtete nun bei jüngeren Erwachsenen die Assoziation von Übergewicht mit frühem Kolorektalkarzinom.

Von den Probanden wurden Körpergewicht und -größe im Alter von 20 und 30 Jahren sowie etwa 10 Jahre vor der Diagnose bzw. Befragung erfasst. Multiple logistische Regressionsanalysen ergaben, dass Personen mit einem BMI ≥ 30 kg/m² im Alter zwischen 20 und 30 Jahren und etwa 10 Jahre vor Diagnose bzw. Befragung ein 2,56-, 2,06- und 1,88-fach erhöhtes Risiko für das Auftreten eines frühen Kolorektalkarzinoms hatten. Die Assoziation zwischen BMI und Karzinomrisiko war besonders stark ausgeprägt bei Personen ohne vorherige Koloskopie.

Diese Befunde belegen zum einen die Bedeutung entsprechender präventiver Maßnahmen, zum anderen ermöglichen sie individuelle, Risiko-adaptierte Screening-Strategien.

Aplastische Anämie: Eltrombopag zusätzlich zu Standardtherapie bessert Ansprechen

Bei nicht vorbehandelten Patienten mit schwerer aplastischer Anämie bessert die Gabe des Thrombopoetin-Rezeptoragonisten Eltrombopag zusätzlich zur Standardbehandlung das Ansprechen ohne vermehrte toxische Effekte. Dies ergab die offene Phase-3-Studie RACE (Randomized, Multicenter Trial Comparing Horse ATG plus Cyclosporine with or without Eltrombopag as First-Line), die eine internationale Arbeitsgruppe der European Society for Blood and Marrow Transplantation im New England Journal of Medicine publiziert hat.

Im begleitenden Editorial kommentiert Dr. Philipp Scheinberg, Hämatologe aus Sao Paolo: „Die europäischen Forscher haben eine wichtige Studie durchgeführt, die Pferde-ATG/Ciclosporin plus Eltrombopag als neuen Standard bei schwerer aplastischer Anämie nahe legt. Es ist zu hoffen, dass es nicht noch einmal 30 Jahre dauern wird, bis der nächste wichtige Fortschritt in der medizinischen Behandlung der schweren aplastischen Anämie erreicht wird.“

Etwa 2 Drittel der Patienten mit einer schweren aplastischen Anämie sprechen auf die Kombination aus Antithymozytenglobulin (ATG) vom Pferd und Ciclosporin an. Alle in den letzten 30 Jahren überprüften neuen Therapien waren nicht bessern als diese Kombination.

Eltrombopag, ein oral applizierbarer Thrombopoetin-Rezeptoragonist, wurde in der offenen multizentrischen randomisierten Phase-3-Studie RACE in Kombination mit Pferde-ATG plus Ciclosporin (n = 96) im Vergleich zu Pferde-ATG plus Ciclosporin allein (n = 101) über bis zu 6 Monate eingesetzt.

Den primären Endpunkt, nämlich komplettes Ansprechen nach 3 Monaten, erreichten in der Eltrombopag-Gruppe 22%, in der Vergleichsgruppe 10% der Patienten. Nach 6 Monaten hatten unter Eltrombopag 68% und in der Kontrollgruppe 41% komplett oder partiell angesprochen. Mit Eltrombopag dauerte es bis zum ersten Ansprechen 3,0, ohne Eltrombopag 8,8 Monate.

Eltrombopag erwies sich als gut verträglich, unerwünschte Wirkungen waren in beiden Behandlungsgruppen ähnlich häufig.

Immuncheckpoint-Inhibitoren: Keine vermehrten schweren Nebenwirkungen nach vorheriger Bestrahlung

Die Therapie mit einem Immuncheckpoint-Inhibitor innerhalb von 90 Tagen nach einer Radiotherapie ist nicht mit einem erhöhten Risiko für schwere unerwünschte Wirkungen assoziiert. Dies ergab eine gepoolte Analyse von Patientendaten, die in 68 prospektiven Studien erhoben worden sind.

Die amerikanische Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Mitarbeitern der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) hat die Ergebnisse in JAMA Oncology mitgeteilt. Sie schlussfolgert: „Es scheint deshalb sicher zu sein, einen Immuncheckpoint-Inhibitor innerhalb von 90 Tagen nach einer Strahlenbehandlung einzusetzen. Diese Befunde müssen jedoch in weiteren prospektiven Studien bestätigt werden.“

Die Arbeitsgruppe analysierte die Daten von insgesamt 16.835 Patienten aus Studien in den FDA-Datenbanken. Alle Analysen waren explorativ, daher wurde die statistische Signifikanz der Unterschiede zwischen den Gruppen nicht bewertet.

Patienten, die bestrahlt worden waren, wiesen im Allgemeinen ähnliche Nebenwirkungsraten auf wie Patienten ohne Bestrahlung. Die absolute Differenz der Nebenwirkungsraten betrug im Durchschnitt 1,2%, die Differenz reichte von 0% für neurologische Nebenwirkungen bis 8% für Fatigue.

Krebsdiagnose: Bei unspezifischen Symptomen kann Analyse metabolomischer Marker hilfreich sein

Bei Patienten mit unspezifischen Symptomen wie Gewichtsabnahme oder Fatigue kann eine metabolomische Kernspinresonanz-Analyse (NMR) von Blut hilfreich bei der Entdeckung von malignen Erkrankungen und bei der Erkennung von Metastasen sein.

Wie eine Arbeitsgruppe aus Oxford in Clinical Cancer Research berichtete, konnte sie mit dieser Methode bei 27 von 294 Patienten (9,2%) eine Krebserkrankung entdecken. Am häufigsten waren Darm- (n = 8) und Lungenkrebs (n = 5). Unter den entdeckten soliden Tumoren waren 8 metastasiert, 16 wiesen keine Metastasen auf. Bei 2 Fällen konnte die Arbeitsgruppe mit Hilfe der metabolomischen NMR-Analyse die Krebserkrankung früher nachweisen als ein CT-Scan.

Nach Aussage der Autoren ist die Methode sensitiv, spezifisch, kostengünstig und einfach durchzuführen. Es wird nur eine Blutprobe und eine NMR-Analyse benötigt. Das Verfahren muss nun an größeren Kohorten weiter untersucht und entwickelt werden.

 

Kommentar

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