Kürzere Quarantänezeiten, aber mehr 2G-Plus; Impfpflicht später als erwartet; Evaluierung von Schnelltests

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

10. Januar 2022

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 10. Januar 2022

Heute meldet das Robert Koch-Institut 25.255 Neuinfektionen innerhalb der letzten 24 Stunden – vor einer Woche waren es 18.518 Ansteckungen mit möglicher Verzerrung durch die Feiertage.  

Die 7-Tage-Inzidenz steigt weiter an. Aktuell gibt das RKI 375,7 Fälle pro 100.000 Einwohner an. Am Vortag hatte der Wert bei 362,7 und in der Vorwoche bei 232,4 gelegen. Außerdem wurden weitere 52 Todesfälle in Zusammenhang mit COVID-19 erfasst.  

Als 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz nennt das RKI 3,15 Fälle pro 100.000 Einwohner, Stand 7. Januar, verglichen mit 3,26 am 6. Januar.

Laut DIVI-Intensivregister waren am 2. Januar 3.271 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 43 weniger als am Vortag. Aktuell sind 1.025 Betten im Low-Care- und 2.382 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 326 freie ECMO-Behandlungsplätze.

  • Bund-Länder-Runde: Kürzere Quarantäne, mehr 2G-Plus

  • Nach positivem Test: Isolationszeiten im internationalen Vergleich

  • COVID-19: Start-up wertet regionale Datenquellen aus

  • Unsicherheiten über Schnelltests: Lauterbach will „Positiv-Liste“

  • EU plant kürzere Gültigkeit der Impfzertifikate für zweifach Geimpfte

  • Impfpflicht in Deutschland: Das kann noch dauern …

  • Nach 3 Impfungen: Weniger Hospitalisierungen durch Omikron, verglichen mit Delta

  • Kanada: Falsch-positive Schnelltests eher selten – technische Fehler fallen rasch auf

  • Selbst mildes COVID-19 scheint Organe zu beeinträchtigen

Bund-Länder-Runde: Kürzere Quarantäne, mehr 2G-Plus

Bund und Länder haben sich Ende letzter Woche auf weitere Zugangsbeschränkungen in der Gastronomie verständigt, wie Univadis berichtet. Danach ist der Zutritt zu Restaurants, Kneipen, Bars und Cafés für doppelt Geimpfte und Genesene bald nur noch mit einem tagesaktuellen negativen Schnelltest möglich. Diese 2G-Plus-Regel gilt bundesweit und unabhängig von der lokalen Inzidenz. Nur Bürger mit einer Auffrischungsimpfung benötigten keinen negativen Schnelltest. Überhaupt keinen Zutritt zu Restaurants oder Bars sollen Bürger erhalten, die nicht nachweisen könnten, geimpft oder genesen zu sein.

„Viele denken: Omikron verläuft milder, weshalb keine Durchseuchung? Die billige Impfung…“, schreibt Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD) auf Twitter . „Das wäre ein großer Fehler, viele Menschen würden schwer erkranken mit oft bleibenden Schäden. Für unsere Kinder wäre es ein absolut unverantwortbares Experiment.“ Trotz dieser Gedanken sind erneute Schulschließungen momentan kein Thema – was der Regierung auf Twitter viel Kritik eingebracht hat.

Außerdem haben Bund und Länder die Quarantäne von Kontaktpersonen bzw. die Isolation von Infizierten im Schnitt auf 7 Tage verkürzt – statt bis zu 14 Tage vor. Alle Maßnahmen im Überblick:

Quelle: Bundesregierung/Bundespresseamt

In Geschäften und im öffentlichen Personennah- und -fernverkehr wird dringend empfohlen, FFP2-Masken zu verwenden. Weitere Kontaktbeschränkungen sind nicht geplant.

Bleibt als Schwachstelle: In dem Beschluss findet sich lediglich der Hinweis, dass „Bund und Länder die erforderlichen Änderungen der rechtlichen Regelungen zeitnah vornehmen“ werden; Details zum Beginn wurden nicht veröffentlicht. Bürger haben zahlreiche Fragen dazu in Social Media gepostet.

 

Nach positivem Test: Isolationszeiten im internationalen Vergleich

Die deutsche Strategie ist kein Alleingang. 2 Jahre nach Beginn der Covid-19-Pandemie und 1 Jahr nach Beginn der Impfungen verkürzen viele Regierungen die Zeit, in der sich Menschen mit positivem Test auf SARS-CoV-2 isolieren müssen. Im BMJ stellen Wissenschaftler den Status quo zusammen.

In den USA sollten sich Infizierte nur 5 Tage lang isolieren müssen, während es in Großbritannien 10 Tage sind, es sei denn, Schnelltests an den Tagen 6 und 7 fallen negativ aus.

In Frankreich und Japan beträgt die Isolationszeit 10 Tage, während sie in Neuseeland 10 Tage bei vollständiger Impfung (einschließlich 72-stündiger Symptomfreiheit) und 14 Tage ohne Impfung (wieder einschließlich 72-stündiger Symptomfreiheit) beträgt. Jordanien und Brasilien befolgen die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene 14-tägige Isolationsfrist.

„Es gibt Kompromisse“, sagte Michael Ryan von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Wenn Menschen die Quarantänezeit verkürzen, wird es eine kleine Anzahl von Fällen geben, die erkranken und möglicherweise das Virus weiter übertragen, weil sie früher aus der Quarantäne entlassen wurden. Aber das wird eine relativ kleine Zahl bleiben (…).“ Gleichzeitig warnte Ryan davor, dass von Regierungen bei der Planung entsprechender Maßnahmen teils ältere Daten herangezogen würden – aus einer Zeit vor Omikron.

Dass viele Regierung Isolationszeiten verringern, ist auch eine Abkehr von der „Flatten-the-Curve“-Strategie bei Infektionen. Das derzeitige Ziel ist, Bereiche mit kritischer Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Dazu gehören neben dem Gesundheitswesen auch die Polizei, die Feuerwehr, die Energieversorgung und viele mehr.

COVID-19: Start-up wertet regionale Datenquellen aus

Während der Feiertage standen die RKI-Zahlen als möglicherweise zu niedrig in der Kritik; ein Phänomen, das auch immer wieder nach Wochenenden diskutiert wird. Es kommt zum Meldeverzug, weil nicht alle Gesundheitsämter Daten umgehend weiterleiten. Weniger Testangebote zwischen Weihnachten und Neujahr machen die Sache nicht besser. Nur hängen staatliche Maßnahmen von solchen Parametern ab.

Wie es besser gehen könnte, zeigt die Risklayer GmbH, ein Spin-off des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Forscher nutzen offizielle Statistiken der Gesundheitsministerien sowie lokaler Regierungen. Bisher haben sie mit der sogenannten Scraping-Methode – also dem Zusammenführen von Informationen durch gezieltes Sammeln der benötigten Daten von Webseiten – über 5.000 Datenquellen analysiert. Ihr Ziel ist, Informationen über COVID-19 möglichst genau herunterzubrechen. Neben der Zahl der Coronavirus-Fälle wertet das Unternehmen auch demografische Informationen wie die Einwohnerzahl, die Gesundheitskapazitäten wie die Zahl der Krankenhausbetten und die Altersstruktur der betroffenen Bevölkerung kleinteilig aus.

Unsicherheiten über Schnelltests: Lauterbach will „Positiv-Liste“

Wie Medscape im Blog berichtet hat, bewertet das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) seit 1 Jahr die Sensitivität von Schnelltests. Bis zum 14. Dezember 2021 haben 245 Antigentests die Evaluierung durchlaufen: 199 Tests haben die Untersuchung bestanden, 46 Produkte sind durchgefallen. Für Laien sind die online verfügbaren Listen kaum geeignet. Außerdem wurden viele Untersuchungen vor der Ausbreitung von Omikron durchgeführt.

Prof. Dr. Karl Lauterbach hat deshalb eine Positivliste für Schnelltests angekündigt. Er habe das PEI beauftragt, eine solche Aufstellung vorzubereiten „mit Tests, die für Omikron besonders geeignet sind beziehungsweise Omikron früh erkennen“, so der Bundesgesundheitsminister. „Dies wird allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen.“ Lauterbach betont, Erkenntnisse aus Evaluierungen der letzten Monate könne man wegen Omikron nicht direkt übertragen.  

EU plant kürzere Gültigkeit der Impfzertifikate für zweifach Geimpfte

Zum 1. Februar soll die Gültigkeitsdauer bei Impfzertifikaten für zweifach Geimpfte auf 270 Tage begrenzt werden. Das berichtet die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium Sabine Dittmar (SPD). Grundlage ist eine Entscheidung der Europäischen Kommission. Für Booster-Impfungen gebe es aufgrund fehlender Daten noch keine maximale Anerkennungsdauer, so Dittmar.

Impfpflicht in Deutschland: Das kann noch dauern …

Die Einführung der allgemeinen Impfpflicht verzögert sich weiter. Wie mehrere Medien berichten, scheint es zeitliche Probleme zu geben. Eigentlich sollten entsprechende Vorgaben laut Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) „ab Anfang Februar, Anfang März“ für alle Menschen in Deutschland gelten.

Wegen Karneval ist für Februar nur eine Sitzungswoche im Bundestag angesetzt, sodass frühestens ab 14. März eine Entscheidung fallen kann. Der Bundesrat tagt erst wieder zum 8. April; das Gesetz ist zustimmungspflichtig. Sollte ein Impfregister konzipiert und eingerichtet werden, kann es bis in den Juni dauern.

Der Regierung bleibt nur, mit Kampagnen die Impfquoten weiter zu erhöhen. „Unser Ziel muss es sein, zu einer Quote von 95% vor allem bei den gefährdeten Gruppen zu kommen“, sagt Dittmar. „Man hat am Anfang gedacht, dass eine Quote von 70% für die Herdenimmunität ausreicht. Das allerdings reicht, wie wir jetzt wissen, vor dem Hintergrund der zahlreichen Mutationen nicht aus.“

Nach 3 Impfungen: Weniger Hospitalisierungen durch Omikron, verglichen mit Delta

Eine Analyse hat ergeben, dass COVID-19-Impfstoffe gegen die Omikron-Variante von SARS-CoV-2 gut vor Krankenhauseinweisungen schützen. Darüber hat Medscape UK berichtet.

Die britische Gesundheitsbehörde arbeitete mit der Abteilung für Biostatistik der Cambridge University zusammen, um 528.176 Omikron-Fälle und 573.012 Delta-Fälle zu analysieren. Alle Daten wurden bis zum 26. Dezember 2021 erfasst.

Die Ergebnisse legten nahe, dass 3 Impfstoffdosen mit einer schätzungsweise 68-prozentigen (95%-KI 42% bis 82%) Verringerung des Risikos von Krankenhauseinweisungen mit Omikron im Vergleich zu ungeimpften Personen verbunden waren.

1 Dosis eines beliebigen Impfstoffs war bei symptomatischen Omikron-Fällen mit einem um 35% verringerten Risiko eines Krankenhausaufenthalts verbunden, 2 Dosen mit einer 67-prozentigen Verringerung bis zu 24 Wochen nach der 2. Dosis und einem um 51% verringerten Risiko 25 oder mehr Wochen danach – wieder im Vergleich zu Ungeimpften.

Für Personen ab 65 Jahren fanden die Wissenschaftler eine Effektivität von 94% (95%-KI 89%-97%) zwischen 2 und 9 Wochen nach der 3. Dosis bzw. von 89% (95%-KI 80%-95%) nach 10 Wochen. Dies bezieht sich ebenfalls auf Hospitalisierungen als Endpunkt.

Zu der Studie schreibt Lauterbach auf Twitter: „Die neuen UK-Daten zeigen eine überragende Wirkung der Booster-Impfung gegen Omikron. Das Risiko der Hospitalisierung sinkt um mehr als 90%. Wir haben genug Booster-Impfstoff, um alle in den nächsten Wochen zu schützen. Das sollte das Ziel sein.“

Kanada: Falsch-positive Schnelltests eher selten – technische Fehler fallen rasch auf

Kanadische Forscher gingen in JAMA der Frage nach, ob sich Antigen-basierte Schnelltests zur Kontrolle der COVID-19-Pandemie eignen. In ihrer Studie wurde die Häufigkeit falsch-positiver Ergebnisse in einer großen Stichprobe erfasst. Daten kamen von Arbeitnehmer-Reihenuntersuchungen zwischen dem 11. Januar und dem 13. Oktober 2021. In diesem Zeitraum gab es in Kanada 2 große, von der Delta-Variante getriebene Wellen.

Im Zuge des Monitorings wurden 903.408 Antigen-Schnelltests bei 537 Arbeitgebern durchgeführt, mit 1.322 positiven Ergebnissen (0,15 %), von denen 1.103 auch Informationen eines PCR-Tests enthielten. Etwa zwei Drittel der Tests konnten anhand von Chargennummern zurückverfolgt werden.

Die Zahl der falsch-positiven Ergebnisse lag bei 462. Davon traten 278 Ergebnisse (60%) an 2 Arbeitsplätzen auf, die 675 km voneinander entfernt waren. Alle falsch-positiven Testergebnisse von diesen Arbeitgebern stammten aus einer einzigen Charge des Panbio™ COVID-19 Antigen-Schnelltests von Abbott. Hier zeige sich, dass sich Chargenprobleme innerhalb von 24 Stunden erkennen lassen.

„Die Gesamtrate der falsch-positiven Ergebnisse unter den gesamten Antigen-Schnelltests für SARS-CoV-2 war sehr niedrig, was mit anderen, kleineren Studien übereinstimmt“, schreiben die Autoren. „Die Häufung falsch-positiver Ergebnisse aus einer Charge war wahrscheinlich das Ergebnis von Herstellungsproblemen.“

Zu den Einschränkungen der Studie gehört, dass es sich um eine Zufallsstichprobe handelt und dass die Meldung der PCR-Ergebnisse und der Chargennummer nicht obligatorisch war. Darüber hinaus spiegeln diese Ergebnisse die Epidemiologie in Kanada wider und sind möglicherweise nicht auf andere Länder übertragbar.

Selbst mildes COVID-19 scheint Organe zu beeinträchtigen

Laut der „Hamburg City Health Studie“ können auch milde bis moderate COVID-19-Verläufe die Funktionen von Herz, Lunge und Nieren mittelfristig beeinträchtigen, wie Univadis berichtet hat. Die Ergebnisse wurden im European Heart Journal veröffentlicht.

Den Autoren zufolge wurden bei Lungenfunktionstests ein um etwa 3% reduziertes Lungenvolumen sowie ein leicht erhöhter Atemwegswiderstand festgestellt. Mögliche Erklärungen für die etwas geringeren Lungenvolumina könnten persistierende Entzündungsprozesse oder ein beginnender subklinischer fibrotischer Umbau sein. Aufgrund ihrer Befunde empfehlen die Autoren, eine Beurteilung der Lungenfunktion nach der Genesung von COVID-19 auch bei scheinbar gesunden Personen zu erwägen.

Die Herzuntersuchungen ergaben eine durchschnittliche Abnahme der Pumpkraft um 1 bis 2% sowie eine 41-prozentige Erhöhung der NT-proBNP-Konzentration im Blut. Da langfristig selbst eine nur gering verringerte linksventrikulären Funktion und ein leichter Anstieg der NT-proBNP-Konzentration zu einem erhöhten Mortalitätsrisiko führen, wird nach der Genesung von COVID-19 auch eine kardiologische Kontrolle einschließlich einer Echokardiographie empfohlen.

Sonographisch wurden 2-fach bis 3-fach häufiger Zeichen einer zurückliegenden Beinvenenthrombose nachgewiesen. Diese Ergebnisse erweitern nach Angaben der Autoren die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen COVID-19 und venöser Thromboembolie. Bemerkenswert sei, dass sich Gerinnungsparameter bei Genesenen nicht von denen einer Kontrollgruppe unterschieden hätten, so die Autoren. Die Ergebnisse nahe, dass eine leitlinienbasierte Überwachung mit aktivem Screening auf tiefe Venenthrombose bei minimalem klinischem Verdacht frühzeitig in Betracht gezogen werden sollte.

Außerdem wurde eine leichte Abnahme der Nierenfunktion festgestellt. Zum Zeitpunkt der Untersuchung scheine auch dies nicht klinisch relevant zu sein, so die Autoren. Autopsiestudien hätten jedoch einen ausgeprägten Nierentropismus in Zusammenhang mit SARS-CoV-2 und frühe abnorme Befunde im Urin gezeigt, die mit Mortalität und Multiorganversagen bei hospitalisierten COVID-19-Patienten assoziiert seien. Deshalb plädieren die Forscher dafür, auch nach leichten SARS-CoV-2-Infektionen die Nierenfunktion zu überwachen.

Sie betonen allerdings, dass es sich bei ihrer Studie um eine Querschnittsstudie handele. Es könnten daher keine Rückschlüsse auf künftige Entwicklungen und Kausalzusammenhänge gezogen werden. Eine weitere Einschränkung der Studie sei ein möglicher Selektionsfehler, da die öffentliche Einladung zur Teilnahme von hoch motivierten Post-SARS-CoV-2-Personen geführt habe.

 

Kommentar

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