Schizophren gleich gewaltbereit? Experten warnen vor der Fehlinterpretation einer neuen Metaanalyse

Kelli Whitlock Burton

Interessenkonflikte

7. Januar 2022

Eine neue Metaanalyse in JAMA Psychiatry deutet darauf hin, dass das Risiko für Gewalt bei Patienten mit Schizophrenie-Spektrum-Störungen (SSD) 4,5-mal höher ist als bei Personen in der Allgemeinbevölkerung ist [1].

Dr Seena Fazel

Manche Experten sind jedoch anderer Meinung. Sie mahnen zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse. Die Resultate zeigen zwar, dass Substanzmissbrauch als Komorbidität bei SSD-Patienten mit einem signifikant erhöhten Gewaltrisiko verbunden ist. Doch wurden Daten über die fehlende Therapietreue, über frühere Gewalterfahrungen, Kindheitstraumata oder über andere Risikofaktoren nicht in die Studie aufgenommen.

US-Experten äußern sich kritisch zu der Metaanalyse

„Ich denke, eine der wichtigsten Implikationen dieser Studie ist, dass die Prävention von Gewalt wirklich ein Schwerpunkt für Ärzte sein sollte, da dies wichtige Ergebnisse sind, die es zu verhindern gilt, und viele der Faktoren, die das Risiko erhöhen, veränderbar sind, wie z. B. Substanzmissbrauch und Therapietreue“, sagt der Koautor Prof. Dr. Seena Fazel, Professor für forensische Psychiatrie an der University of Oxford, im Gespräch mit Medscape.

 
Ich denke, eine der wichtigsten Implikationen dieser Studie ist, dass die Prävention von Gewalt wirklich ein Schwerpunkt für Ärzte sein sollte … Prof. Dr. Seena Fazel
 

Einige Experten mahnen zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse, da sie befürchten, dass die Stigmatisierung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen fortbestehen könnte. Denn die Studie zeigt Assoziationen, aber keine Kausalitäten auf.

„Obwohl das Gewaltpotenzial bei der Beurteilung von Personen mit einer Schizophrenie-Spektrum-Störung sicherlich eine wichtige Rolle spielt, wäre es falsch, aus dieser Studie zu schließen, dass Schizophrenie-Spektrum-Störungen per se dazu führen, dass Menschen gewalttätig werden“, sagt Prof. Dr. Ronald W. Pies, emeritierter Professor für Psychiatrie an der SUNY Upstate Medical University in Syracuse, New York, zu Medscape.

Alle Ergebnisse im Überblick

Die Metaanalyse umfasste 24 Studien mit 51.309 SSD-Patienten aus 15 Ländern. Sie wurden über 4 Jahrzehnte hinweg begleitet. Bei der Auswertung zeigte sich, dass das Risiko, dass Männer mit Schizophrenie Gewalt ausüben, 4,5-mal höher (95%-Konfidenzintervall: 3,6-5,6) als in der Allgemeinbevölkerung war. Bei Frauen mit SSD war das Risiko 10,2-mal höher (95%-KI: 7,1-14,6) als bei Frauen ohne die Erkrankung.

 

Es wäre es falsch, aus dieser Studie zu schließen, dass Schizophrenie-Spektrum-Störungen per se dazu führen, dass Menschen gewalttätig werden. Prof. Dr. Ronald W. Pies

 

Die Wahrscheinlichkeit, Sexualdelikte (Odds Ratio: 5,1; 95%-KI: 3,8-6,8) und Tötungsdelikte (OR: 17,7; 95%-KI: 13,9-22,6) zu begehen, war ebenfalls erhöht.

Schränkten Forscher ihre Analyse auf Studien, welche nur Registerdaten mit Angaben zu Verhaftungen oder Verurteilungen umfassten, ein, reichte das absolute Risiko der Gewaltausübung bei Männern mit SSD von 2,3% bis 24,7% und bei Frauen von 0% bis 5,4% bei einem Follow-up von bis zu 35 Jahren.

„Das bedeutet, dass die meisten Männer über einen Zeitraum von 35 Jahren nicht in strafrechtlich erfasste Gewalttaten verwickelt sein werden“, so Fazel. „Und bei mindestens 90% der Frauen wird es zu keiner erfassten Gewalttat kommen.“

Berücksichtigten die Forscher Substanzkonsum als Komorbidität, sank das Risiko für Gewalttaten drastisch. Bei Personen ohne Substanzmissbrauch war die Wahrscheinlichkeit, Gewalttaten zu begehen, 3,5-mal höher als in der Allgemeinbevölkerung, während sie bei Personen mit entsprechendem Abusus 9,9-mal höher war.

„In diesen Subgruppenanalysen von Menschen mit Schizophrenie und Substanzmissbrauch war das Risiko um das Zehnfache erhöht“, kommentiert Fazel. „Betrachtet man Menschen ohne Substanzmissbrauch als Komorbidität, so bleibt ein 3- bis 4-fach erhöhtes Risiko bestehen. Das erklärt den Zusammenhang nicht vollständig.“ Die Forscher weisen darauf hin, dass ihre neue Studie eine Assoziation zwischen SSD und Gewalt feststelle, nicht aber eine Kausalität.

Daniel Whiting, Doktorand der Psychiatrie an der Universität Oxford, betont im Gespräch mit Medscape, es sei wichtig, Ergebnisse bei der klinischen Betreuung von SSD-Patienten zu berücksichtigen. Gebe es Hinweise auf eine Gewaltbereitschaft, so sei die Unterstützung der Patienten zu verbessern.

Substanzmissbrauch – ein zentraler Risikofaktor für Gewalt?

Ob sich der Zusammenhang ändert, falls Wissenschaftler sowohl in der Studien- als auch in der Kontrollgruppe den Substanzmissbrauch kontrollieren, ist nicht bekannt. Als Frage bleibt auch, welchen Einfluss andere Risikofaktoren auf die Zunahme von Gewalttätigkeit bei Personen mit SSD haben könnten.

Pies unterstreicht jedenfalls, dass „das Gewaltrisiko in der Studienpopulation um mehr als das 6-fache zurückging, wenn komorbider Substanzmissbrauch aus der Analyse ausgeschlossen wurde“.

Dies deckt sich mit einer früheren, von Fazel in Schweden durchgeführten Studie, die zeigte, dass nach Kontrolle des Substanzmissbrauchs die Rate der Gewaltverbrechen bei Personen mit Schizophrenie nur geringfügig höher war als in der Allgemeinbevölkerung.

„Tatsache ist, dass Menschen mit Schizophrenie, die eine ordnungsgemäße Medikation einhalten, nicht häufiger Gewalttaten begehen als Menschen in der Allgemeinbevölkerung“, erklärt Prof. Dr. Lynn DeLisi, Professorin für Psychiatrie an der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, gegenüber Medscape. Sie ist Gründerin und Herausgeberin von Schizophrenia Research.

Tatsächlich deuten Fazels eigene Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Behandlung mit Antipsychotika das Risiko von Gewaltverbrechen bei Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen halbiert.

„Ziel sollte es sein, Schulbehörden, Familien und Hausärzte aufzuklären, damit diese Krankheit frühzeitig erkannt und behandelt werden kann. Ebenso wichtig sind Programme, die sicherstellen, dass die Patienten die Medikamente einnehmen, sobald sie damit beginnen“, so DeLisi.

 

Tatsache ist, dass Menschen mit Schizophrenie, die eine ordnungsgemäße Medikation einhalten, nicht häufiger Gewalttaten begehen als Menschen in der Allgemeinbevölkerung. Prof. Dr. Lynn DeLisi

 

„Die Therapietreue ist wichtig, aber der 1. Schritt zur Gewaltprävention ist eine qualitativ hochwertige Risikobewertung“, sagt Fazel. Sein Forschungsteam hat einen webbasierten, kostenlosen Risikorechner entwickelt, der Ärzte bei dieser Aufgabe unterstützt.

Auch Pies ist der Meinung, dass umfassende klinische Beurteilungen veränderbarer Risikofaktoren wichtig seien, darunter Drogenkonsum, Obdachlosigkeit, Medikamenteneinnahme und konfliktreiche Beziehungen. „Meiner Erfahrung nach wird diese Art der Bewertung bei den meisten Beurteilungen von Personen mit psychotischen Symptomen oder SSD selten durchgeführt“, sagt er.

Was lässt sich gegen die Stigmatisierung unternehmen?

Pies und DeLisi befürchten aber auch, dass Ergebnisse der Metaanalyse eine weitere Stigmatisierung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen begünstigen könnten. Die Ergebnisse einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie zeigen, dass sich die Einstellung gegenüber Menschen mit schweren Depressionen in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahrzehnten zwar verbessert hat, die Stigmatisierung von Menschen mit Schizophrenie sich jedoch verschlechtert hat.

Der wirksamste Ansatz, um dagegen vorzugehen, bestehe darin, „sich den Beweisen zu stellen und dann zu versuchen, die negativen Folgen zu verhindern“, so Fazel. „Die Schlussfolgerung aus dieser Studie ist, dass alles auf eine Präventionsstrategie hindeutet, die eine qualitativ hochwertige Risikobewertung und dann qualitativ hochwertige Behandlungsprogramme vorsieht, die nicht nur pharmakologische, sondern auch psychosoziale Therapien und weitere Maßnahmen umfassen“, fügt er hinzu. „Wir wissen, dass dies auch bei anderen Störungen funktioniert.“

Obwohl die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen ein ernstes Problem ist, stellt Pies fest: „Die Gefahr besteht nicht so sehr darin, dass Studien dieser Art durchgeführt und dann in den Medien behandelt werden, sondern dass sie aus dem Zusammenhang gerissen und auf Schlagzeilen reduziert werden.“

„Die Öffentlichkeit braucht Kontext und Perspektive“, sagt er. „Sie muss darüber informiert werden, dass gewalttätiges Verhalten bei Personen mit psychiatrischen Erkrankungen, einschließlich Personen mit Schizophrenie und verwandten Störungen, die nicht gleichzeitig eine Substanzkonsumstörung haben, relativ selten ist. Tatsächlich haben einige Studien gezeigt, dass psychisch Kranke häufiger Opfer von Gewalttaten werden als Täter.

„Die Öffentlichkeit ist viel mehr durch den Rüpel aus der Nachbarschaft gefährdet, der viel trinkt und immer wieder Kneipenschlägereien anzettelt, als durch den Patienten mit einer Schizophrenie-Spektrum-Störung“, kommentiert Pies.

Der Beitrag wurde von Michael van den Heuvel aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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