Erholsamer Schlaf im Krankenhaus – wem nächtliche Kontrollen der Vitalzeichen sicher erspart werden können

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

5. Januar 2022

Häufigen nächtlichen Störungen geschuldet, mangelt es Patienten im Krankenhaus oft an erholsamem Schlaf. Eine aktuelle Studie deutet allerdings darauf hin, dass klinisch stabilen Patienten zumindest die routinemäßigen Kontrollen der Vitalzeichen erspart werden könnten. Ein auf Echtzeitdaten beruhender Algorithmus kann dem behandelnden Arzt helfen zu entscheiden, welchen Patienten ein ungestörter Schlaf gegönnt werden kann [1].

Dr. Nader Najafi vom Department of Medicine der University of California in San Francisco, USA, und seine Kollegen berichten in JAMA Internal Medicine, dass durch den Einsatz des Tools die Zahl der nächtlichen Kontrollen signifikant reduziert werden konnte. Es sei dadurch weder zu mehr Verlegungen auf die Intensivstation, noch sei häufiger ein Herzalarm ausgelöst worden.

 
Schlaf ist entscheidend für die Gesundheit. Ironischerweise gehören Krankenhäuser, in die Menschen gehen um zu gesunden, zu den schwierigsten Orten, um zu schlafen. Dr. Hyung J. Cho
 

„Schlaf ist entscheidend für die Gesundheit. Ironischerweise gehören Krankenhäuser, in die Menschen gehen um zu gesunden, zu den schwierigsten Orten, um zu schlafen“, schreibt Dr. Hyung J. Cho vom Department of Medicine der NYU Grossman School of Medicine in New York in einem Editorial [2]. Umgebungslärm, nächtliche Untersuchungen, Mehrbettzimmer, eine ungewohnte Umgebung, frühmorgendliche Blutentnahmen und häufige Kontrollen der Vitalzeichen verhindern, richtig durchzuschlafen.

Zumindest ein Störfaktor ausgeschaltet

In ihrer Studie versuchten Najafi und seine Kollegen zumindest einen dieser Störfaktoren auszuschalten, die häufige Kontrolle der Vitalzeichen. Eingeschlossen in die Untersuchung, die von März bis November 2019 an einem akademischen Lehrkrankenhaus der Tertiärversorgung stattfand, 1699 Patienten – auf Normalstationen, nicht in der Intensivversorgung.

Anhand von Echtzeit-Patientendaten erhielten die behandelnden Ärzte eine Benachrichtigung, wenn bei Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit von nächtlichen Vitalzeichen im Normbereich auszugehen war. Dem Arzt stand dann frei, die nächtlichen Kontrollen der Vitalzeichen auszusetzen oder die Benachrichtigungen für einen gewissen Zeitraum auszuschalten.

Zahl nächtlicher Kontrollen erfolgreich gesenkt

In der Interventionsgruppe, in der das Tool zum Einsatz kam, sank die Zahl nächtlicher Kontrollen signifikant ab. Sie lag im Schnitt bei 0,97 verglichen mit 1,41 in der Kontrollgruppe mit Standardversorgung.

Auf die Sicherheit der Patienten hatte die reduzierte Kontrollfrequenz keinen Einfluss: In beiden Gruppen mussten 5% der Patienten auf die Intensivstation verlegt werden. Und auch die Zahl an Herzalarmen war mit 0,2% in der Interventionsgruppe und 0,9% in der Kontrollgruppe nicht signifikant verschieden.

Die verringerte nächtliche Kontrollfrequenz war allerdings nicht mit einer signifikant geringeren Inzidenz an Deliren assoziiert. Sie lag in der Interventionsgruppe bei 11% und in der Kontrollgruppe bei 13%.

Veränderungen nicht immer leicht umzusetzen

Cho spekuliert in seinem Editorial, dass der primäre Endpunkt möglicherweise anders ausgefallen wäre, wenn die Adhärenz gegenüber der Intervention besser gewesen wäre. „Der zahlenmäßige Unterschied bei den nächtlichen Vitalzeichenkontrollen war zwar signifikant“, schreibt Cho, „aber dennoch relativ klein.“

Tatsächlich bestätigte die Studienauswertung, dass sich Veränderungen im Krankenhausalltag nicht immer leicht umsetzen lassen. In 35 % der Fälle wurden die Vitalzeichen der Patienten nämlich weiterhin nachts kontrolliert, trotz der anderslautenden, schlaffördernden Anordnung des Arztes.

Möglicherweise habe das Pflegepersonal nicht bemerkt, dass sich die Anordnung geändert habe, vermuten die Autoren um Najafi. Viele Krankenhausmitarbeiter seien es gewohnt zu denken, dass regelmäßige Messungen der Vitalzeichen zur guten Praxis gehörten.

Pflegepersonal einbeziehen

Künftige Arbeiten sollten deshalb einen interdisziplinären Ansatz verfolgen, der das Pflegepersonal einbezieht, empfiehlt Cho. Auch nutzerfreundlichere Displays und optimierte Alerts in der elektronischen Patientenakte könnten eine bessere Umsetzung von Anordnungen begünstigen.

 
Seltenere Kontrollen der Vitalzeichen würden von den Pflegenden willkommen geheißen, da es ihre sowieso schon hohe Arbeitsbelastung verringern würde. Dr. Hyung J. Cho
 

Denn er ist sich sicher: „Seltenere Kontrollen der Vitalzeichen würden von den Pflegenden willkommen geheißen, da es ihre sowieso schon hohe Arbeitsbelastung verringern würde.“

Das Autorenteam um Najafi wiederum schlussfolgert aus seinen Ergebnissen, dass sich mit dem Entscheidungsunterstützungssystem Patienten identifizieren lassen, denen sicher ein ungestörterer Nachtschlaf ermöglicht werden kann. Sie schlagen vor, dass andere Aspekte der Krankenhausversorgung, die von der klinischen Stabilität der Patienten abhängen, etwa das Ausmaß der kardialen Überwachung, möglicherweise ebenfalls von einer solche Intervention profitieren könnten.

 

Kommentar

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