Faserreiche Kost optimiert Immuntherapie; Radiotherapie bei NSCLC erfolglos; mehr Depressionen bei modernen Antiandrogenen

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

28. Dezember 2021

Im Onko-Blog dieser Woche geht es um den Einfluss einer faserreichen Ernährung auf die Wirkung von Immuncheckpoint-Inhibitoren. Außerdem darum, ob eine postoperative Radiotherapie das krankheitsfreie Überleben von NSCLC-Patienten beeinflusst und um Daten, nach denen moderne Antiandrogene der 2. Generation bei Männern mit Prostatakarzinom mit einem höheren Depressionsrisiko assoziiert sind. Zudem klagt die FDA über Wild-West-Manieren bei der Entwicklung von Immuncheckpoint-Inhibitoren. Und die WHO veröffentlicht die erste Klassifikation für Tumoren im Kindesalter. 

  • Melanom: Faserreiche Kost bessert Ansprechen auf Immuncheckpoint-Inhibitoren

  • NSCLC: Postoperative Radiotherapie bessert krankheitsfreies Überleben nicht

  • Prostatakarzinom: Antiandrogene der 2. Generation mit höherem Risiko für Depressionen assoziiert

  • Immuncheckpoint-Inhibitoren: FDA beklagt Wild-West-Manieren bei Entwicklung

  • Tumoren im Kindesalter: WHO veröffentlicht 1. Klassifikation

Melanom: Faserreiche Kost bessert Ansprechen auf Immuncheckpoint-Inhibitoren 

Melanom-Patienten, die sich mit faserreich ernähren, leben bei einer Behandlung mit Immuncheckpoint-Inhibitoren länger ohne Progression als Patienten, die nur wenig faserreiche Kost zu sich nehmen. Der Nutzen war bei den Patienten am deutlichsten, die faserreiche Kost ohne Probiotika zu sich nahmen. Dies berichtet eine US-amerikanische Arbeitsgruppe in Science .  

„Diese Ergebnisse unterstützen die Durchführung klinischer Studien zur Modulation des Mikrobioms mit dem Ziel, die Ergebnisse bei Krebs durch diätetische und andere Strategien zu verbessern“, so Studienleiterin Prof. Dr. Jennifer Wargo, MD Anderson Cancer Center, Universität von Texas, Houston, in einer Pressemitteilung

37 Melanom-Patienten unter Immuncheckpoint-Inhibitoren mit ausreichender Ballaststoffaufnahme hatten ein verbessertes progressionsfreies Überleben (PFS; Median noch nicht erreicht) als 91 Patienten mit unzureichender Ballaststoffaufnahme mit einem PFS von 13 Monaten im Median. Jede Erhöhung der täglichen Ballaststoffaufnahme um 5 g war mit einem um 30% geringeren Risiko für eine Progression assoziiert. 

Die Forscher untersuchten zudem den Einfluss von Ballaststoffen auf die Wirkung der Immuncheckpoint-Inhibitoren an Mausmodellen mit Melanomen. Auch hier wirkte die Immuntherapie bei ballaststoffreicher Ernährung besser. Bei Mäusen ohne Bakterien im Darm hatte die Ernährung jedoch keinen Einfluss auf die Immuntherapie. Die deutet darauf hin, dass Ernährung, die das Darmmikrobiom beeinflusst, die Wirkung von Immuntherapeutika verändern kann. 

NSCLC: Postoperative Radiotherapie bessert krankheitsfreies Überleben nicht

Bei Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) verbesserte eine postoperative Radiotherapie (PORT) nach vollständiger Resektion und nach präoperativer Chemotherapie das krankheitsfreie Überleben nicht im Vergleich zu keiner PORT. Dies ergab die offene randomisierte Phase-3-Studie LungART, die eine französische Arbeitsgruppe in Lancet Oncology publiziert hat. 

Die dreidimensional (3D) geplante, konformale Radiotherapie kann „nicht als Therapiestandard für Patienten mit NSCLC im Stadium IIIAN2 empfohlen werden“, so das Fazit. 

Seit 1998 wurde die Rolle der PORT bei Patienten mit NSCLC kontrovers beurteilt. Eine Metaanalyse hatte nachteilige Wirkungen auf das Überleben bei Patienten im Stadium pN0 und pN1 ergeben, der Effekt im Stadium pN2 war unklar. Aufgrund von Verbesserungen im Management der Patienten und der Technik verglich die Arbeitsgruppe offen und randomisiert in der Phase-3-Studie Lung ART den Effekt von PORT und keiner PORT. 

Zwischen August 2007 und Juli 2018 wurden 501 Patienten in 64 Zentren in 5 Ländern nach Abschluss der Operation oder adjuvanten Chemotherapie in die PORT-Gruppe (n=252) oder die Kontrollgruppe (n=249) randomisiert. 

Zum Zeitpunkt der Datenanalyse waren die Gruppen im Median 4,8 Jahre nachbeobachtet worden. Von den 501 Patienten hatten 296 (59%) ein Rezidiv erlitten oder waren gestorben, und zwar 144 (57%) in der PORT-Gruppe und 152 (61%) in der Kontrollgruppe.

Krankheitsfrei überlebten die Patienten der PORT-Gruppe im Median 30,5 Monate und der Kontrollgruppe 22,8 Monate (Hazard-Ratio 0,86, p=0,18). 

Prostatakarzinom: Antiandrogene der 2. Generation mit höherem Risiko für Depressionen assoziiert

Die Behandlung von Patienten mit Prostatakarzinom mit einem Antiandrogen der 2. Generation ist mit einem höheren Risiko einer Depression assoziiert als die Therapie mit herkömmlicher oder ohne Hormontherapie. Dies ergab eine retrospektive Kohortenstudie mit über 30.000 Teilnehmern, die eine Arbeitsgruppe aus dem MD Anderson Cancer Center in Houston in JAMA Network Open publiziert hat.  

Die Hormontherapie (HT) bzw. Androgen-Entzugstherapie (ADT) ist bekanntlich eine wichtige Säule in der Behandlung des Prostatakarzinoms. Antiandrogene der 2. Generation wie Abirateron, Apalutamid, Darolutamid und Enzalutamid wirken stärker als die herkömmlich eingesetzten Substanzen. Daher ging die texanische Arbeitsgruppe in einer Kohortenstudie mit 30.069 Männern der Frage nach, ob sie auch mit einem höheren Depressionsrisiko assoziiert sind. 

Insgesamt erhielten 17.710 Männer (59%) mit Prostatakarzinom keine HT, 11.311 (38%) erhielten eine herkömmliche HT und 1.048 (3%) erhielten ein Antiandrogen der 2. Generation.

Die multivariable Cox-Proportional-Hazard-Analyse ergab, dass die Gruppe mit Antiandrogenen der 2. Generation im Vergleich zur Gruppe ohne HT (Hazard-Ratio 2,15; p <0,001) und zur traditionellen HT-Gruppe (HR 2,26; p<0,001) ein erhöhtes Depressionsrisiko aufwies.

Immuncheckpoint-Inhibitoren: FDA beklagt Wild-West-Manieren bei Entwicklung

Die Food and Drug Administration (FDA) hat in den letzten 7 Jahren 7 PD-1- oder PD-L1-Antikörper und mehr als 85 onkologische Indikationen für diese Substanzen zugelassen. In mehr als 2.000 klinischen Studien werden mindestens 33 solcher Antikörper untersucht. „Obwohl diese Produkte ähnliche, wenn nicht sogar identische Wirkungsmechanismen, Sicherheitsprofile und klinische Aktivität aufweisen, wurden sie in keiner Studie direkt verglichen“, beklagen Dr. Julia Beaver und Dr. Richard Pazdur vom Oncology Center of Excellence der FDA in einem Beitrag im New England Journal of Medicine .  

 

„Das ungezügelte und schnelle Wachstum von Checkpoint-Inhibitoren hat zu einem Wild-West bei der Medikamentenentwicklung geführt mit einem Ansturm kommerzieller Sponsoren, klinischer Studien und redundanter Entwicklungspläne“, schreiben sie weiter. Der unkoordinierte Ablauf der verschiedenen Medikamenten-Entwicklungsprogramme und der unkoordinierte Einsatz verschiedener Tests zur Auswahl von potenziell geeigneten Patienten verursachten hohe Kosten. 

Viele Hersteller hätten Zulassungsstrategien entwickelt, die auf nicht randomisierten, einarmigen Studien mit Patienten mit einem „unmet medical need“ basieren. Sie würden den beschleunigten Zulassungsweg nutzen. Hierbei werde die Gesamtansprechrate und die Dauer des Ansprechens geprüft. Allerdings habe sich mittlerweile gezeigt, dass mit diesen Parametern langfristige Ergebnisse nicht konsistent vorhergesagt werden könnten. 

Die Autoren rufen dazu auf, dass Hersteller zugelassener und neuer Immuncheckpoint-Inhibitoren verstärkt Partnerschaften eingehen sollten, um wirklich neuartige Substanzen anstatt von „Me-too-Präparaten“ zu entwickeln. Ein neuartiger, besserer Immuncheckpoint-Inhibitor müsse dies in einem direkten Vergleich mit einem bislang zugelassenen Immuncheckpoint-Inhibitor beweisen. Bislang seien nach Kenntnis der FDA keine solchen Studien geplant. 

Der Einsatz von Ressourcen könnte beispielsweise durch Harmonisierung von Diagnostik, Zulassungsanträgen und multinationalen Studiendesigns mit Hilfe von Plattformstudien oder gemeinsamen Kontrollen optimiert werden. Dies könnte die Arzneimittelentwicklung effizienter gestalten und das Vertrauen der Patienten in das System der klinischen Studien schützen. 

Tumoren im Kindesalter: WHO veröffentlicht erste Klassifikation

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wird in Kürze die erste Ausgabe ihrer Klassifikation kindlicher Krebserkrankungen veröffentlichen. Die neue WHO-Klassifikation bildet für Ärzte und Kinderonkologen die Grundlage einer modernen präzisen Krebsdiagnostik und basiert auf den neuesten internationalen Forschungsergebnissen. Die wichtigsten Erkenntnisse und Prinzipien des ersten Nachschlagewerkes kindlicher Tumoren wurden nun in Cancer Discovery veröffentlicht. 

 

Grundlage für die Diagnose von Krebs bei Kindern und Erwachsenen sind die WHO-Klassifikationen. Eine Tumorprobe wird dabei anhand ihrer Gewebeeigenschaften, ihrer molekularen Eigenschaften und je nach Lokalisation des Tumors klassifiziert und präzise charakterisiert, was die Grundlage für seine Behandlung ist.

Tumoren im Kindes- und Jugendalter unterscheiden sich jedoch grundlegend in Bezug auf Tumortypen, Entstehungsursachen, Biologie und therapeutische Ansätze von Tumoren bei Erwachsenen. Während viele kindliche Krebserkrankungen durch ein einzelnes genetisches Ereignis verursacht werden, sind bösartige Erkrankungen bei Erwachsenen in der Regel auf mehrere genetische Ereignisse zurückzuführen, häufig begünstigt durch äußere chronische Einflüsse wie Rauchen, Alkohol, Infektionen oder UV-Licht. 

Die neue WHO-Klassifikation kindlicher Tumoren beruht deshalb auf einem modernen, vielschichtigen Ansatz, der nicht nur alle mikroskopisch sichtbaren, sondern auch zahlreiche molekulare Merkmale in die Diagnose miteinfließen lässt. Das jetzt als Band 7 der 5. Ausgabe der WHO-Klassifikation von Tumoren veröffentlichte Buch stellt das bislang erste Nachschlagewerk aller Tumorarten dar, die im Kindes- und Jugendalter auftreten können.

 

Kommentar

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