Mehr Sport, mehr Calcium in den koronaren Plaques – doch welche Bedeutung hat dieses Paradoxon klinisch?

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

28. Dezember 2021

Sportlich aktive Menschen lagern mehr Calcium in Plaques ihrer Koronararterien ein, zeigt eine prospektive Kohortenstudie [1]. Allerdings liefert sie keine Daten darüber, ob dieser Anstieg mit erhöhten koronaren Risiken assoziiert ist; Langzeitdaten stehen aus.

„Dieses Phänomen ist als Calcium-Paradox bekannt“, bestätigt Prof. Dr. Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule in Köln. „Somit ist das Ergebnis der Studie aufgrund ihrer hohen Teilnehmerzahl interessant, aber nicht neu.“

 
Das Ergebnis der Studie aufgrund ihrer hohen Teilnehmerzahl interessant, aber nicht neu. Prof. Dr. Hans-Georg Predel
 

Daten von über 25.000 gesunden Erwachsenen ausgewertet

Die Autoren um Dr. Ki-Chul Sung, Kardiologe an der Sungkyunkwan University in Seoul, Südkorea, rekrutierten für eine prospektive Studie 25.485 gesunde Frauen und Männer über 30, bei denen sie mindestens 2 Calcium-Messungen der Koronararterien (CAC) im Abstand von 5 Jahren vorgenommen hatten. Der Veränderung dieser Werte stellte den Endpunkt der Studie dar.

Die Teilnehmenden wurden zeitgleich zur 1. Messung anhand des International Physical Activity Questionaire Short Form (IPAQ-SF) nach ihrer körperlichen Aktivität in 3 Gruppen aufgeteilt: 46,8% waren inaktiv, 38,0% als moderat aktiv und 15,2% sportlich sehr aktiv (HEPA). Der CAC-Score der teilnehmenden Inaktiven lag zu Beginn bei durchschnittlich 9,45. Bei den Moderaten lag er bei 10,20 und in der HEPA-Gruppe bei 12,04.

Je sportlicher, desto mehr Calcium in Koronar-Plaques

Nach 5 Jahren hatte sich der CAC-Score, der in 2 Zentren mit einem MDCT-Scanner ermittelt worden war, in allen 3 Gruppen knapp verdreifacht: bei den Inaktiven auf 24,32, bei den moderat Aktiven auf 28,27 und in der HEPA-Gruppe auf 35,06. Die Autoren setzten die Inaktiven als Null-Gruppe. Daraus ergab sich eine Zunahme der CAC-Scores bei den moderat Aktiven gegenüber den Inaktiven in 5 Jahren um 3,2 und bei der HEPA-Gruppe um 8,16. Alle Werte waren statistisch um Alter, Geschlecht, Raucher-, Alkohol-und Sozialstaus sowie BMI, Blutdruck, Cholesterin, Diabetes und Familienanamnese von kardiovaskulären Erkrankungen bereinigt. Di Unterschiede waren statistisch hochsignifikant (P<0,001). Allerdings fehlt eine Erhebung der Einnahme von Mineral- und Vitamin-Präparaten als Quelle von Calcium und Vitamin D – und damit als möglicher Einflussfaktor auf den CAC-Score.

„Diese Werte sind schon glaubhaft“, analysiert Predel. „Allerdings ist die Messmethode, die auf einer Computertomographie des kardialen Bereiches beruht, sehr unspezifisch. Das so quantifizierte Calcium lässt sich nicht exakt lokalisieren. Man sieht nicht, in welchen Koronararterien sich die betreffenden Plaques befinden, die je nach ihrer Lage mehr oder weniger relevant für ein kardiovaskuläres Risiko sein können.“

Die ermittelten Verhältnisse blieben unabhängig vom Grad der anfänglichen CAC-Scores relativ gleich. Bei Teilnehmenden, die zu Beginn einen niedrigen Score aufwiesen, lag dieser auch nach 5 Jahren entsprechend niedrig. Die Autoren leiten aus ihren Daten den einzigen Schluss ab, dass intensive körperliche Aktivität zur Erhöhung des CAC-Scores beiträgt. Aber sie betonen auch, dass dadurch die Aussage, sportliche Aktivität verringere das kardiovaskuläre Risiko, nicht entkräftet würde.

Das Calcium-Paradox bleibt weiterhin ungelöst

Dem schließt sich auch Predel an. „Das Calcium-Paradox wird durch diese Studie untermauert, aber nicht gelöst.“ Sein Kommentar: „We are still confused but on a higher level.“ Entscheidend sei ein kontinuierliches Follow-up der Teilnehmenden über weitere Jahrzehnte, um deren kardiovaskuläres Risiko beurteilen zu können.

 
Das Calcium-Paradox wird durch diese Studie untermauert, aber nicht gelöst. Prof. Dr. Hans-Georg Predel
 

Da es sich bei der Erhebung, die dieser Studie zugrunde liegt, um eine umfassende Gesundheitsanalyse von Arbeitnehmern handelt, ist eine längeres Follow-up durchaus vorstellbar.

Aber die Autoren verweisen auch auf eine andere Erklärung, die aber mit den bisher gegebenen Methoden nicht zu klären wäre: Mit zunehmender Einlagerung von Calcium in arteriosklerotische Plaques könnte sich deren Stabilität erhöhen und das arteriosklerotische Risiko damit wieder senken.

Auch hier stimmt Predel zu: „Es ist durchaus vorstellbar, dass Plaques mit weniger Calciumeinlagerungen vulnerabler sind. Somit könnten erhöhte CAC-Scores sowohl für eine gesteigerte Arterienverkalkung als auch für eine gesteigerte Stabilität der Plaques gegenüber Rupturen verantwortlich sein und damit einen potentiellen Nachteil mit einem Vorteil in der Risikobetrachtung aufwiegen. Aber das beträfe nur sportlich sehr aktive Menschen und es sind Spekulationen, zu deren Beurteilung es noch viel Forschungsaufwand bedarf.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....