BMJ-Artikel zu COVID-19-Impfung wurde Opfer von Facebooks Faktencheck – wie BMJ und Faktenchecker reagieren

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

22. Dezember 2021

Außergewöhnlich hohes Interesse rief ein Artikel im British Medical Journal hervor, der Anfang November kritikwürdige Bedingungen an einem Studienzentrum thematisiert hatte, das mit Prüfungen für das COVID-19-Vakzin von Pfizer/BioNTech betraut war. 

Auf Facebook wurde die BMJ-Untersuchung vor allem in Impfgegner-Kreisen rege verbreitet. Faktenchecker der Plattform nahmen sich der Untersuchung an, kritisierten den „fehlenden Kontext“ zur Untersuchung und attestierten ihr aufgrund dessen ein „auf Fehler hin überprüft“. 

In einem offenen Brief vom 17. Dezember fordern Dr. Fiona Godlee, scheidende Herausgeberin des British Medical Journal, und ihr Nachfolger Prof. Dr. Kamran Abbasi Facebook-Chef Marc Zuckerberg nun auf, den „ungenauen, inkompetenten und unverantwortlichen Faktencheck“ Facebooks zu der BMJ-Untersuchung zurückzunehmen. Godlee und Abbasi schreiben, dass die Reaktion Facebooks „für jeden, der Quellen wie das BMJ schätzt und sich auf verlässliche medizinische Informationen verlässt, Anlass zur Sorge sein sollte“. 

Stein des Anstoßes

Stein des Anstoßes war die vom BMJ am 2. November veröffentlichte Untersuchung über mangelhafte Forschungspraktiken beim Studienzentrum Ventavia. Das Forschungsunternehmen war an der Durchführung der Hauptstudie des Pfizer/BioNTech-Vakzins gegen COVID-19 beteiligt. 

Der BMJ-Bericht stützt sich auf Dutzende interner Unternehmensdokumente, Fotos, Tonaufnahmen und E-Mails, die dem Verlag von einem ehemaligen Ventavia-Mitarbeiter zur Verfügung gestellt worden waren, „und warf ernste Bedenken hinsichtlich der Datenintegrität und der Patientensicherheit auf“, schreiben Godlee und Abbasi. 

Der vom BMJ dazu publizierte Artikel habe die „übliche hochrangige juristische und redaktionelle Prüfung und ein Peer Review“ durchlaufen.

BMJ: Facebook-Faktenchecker für ihre Aufgabe nicht geeignet 

Ab dem 10. November aber meldeten Leser eine Reihe von Problemen, wenn sie versuchten, den BMJ-Artikel zu teilen, und wurden zu einer „Faktenüberprüfung“ weitergeleitet, die vom Facebook-Faktenchecker „Lead Stories“ durchgeführt worden war. Lead Stories hatte die BMJ-Untersuchung mit dem Stempel „auf Fehler überprüft“ versehen und „fehlenden Kontext“ moniert.

Godlee und Abbasi kritisieren, dass „ein Screenshot des BMJ-Artikels mit dem Stempel ‚auf Fehler hin überprüft‘ gezeigt wird, obwohl in dem Lead Stories-Artikel nichts über Falschbehauptungen aus der BMJ-Untersuchung berichtet wird“. Auch werde der BMJ-Artikel auf der Website von Lead Stories unter einer URL veröffentlicht, die den Ausdruck „Hoax-Alert“ (Falschmeldung) enthalte.

Wie Godlee und Abbasi berichten, habe man sich bei Lead Stories beschwert, „aber sie weigerten sich, irgendetwas an ihrem Faktencheck zu ändern, der dazu geführt hat, dass Facebook unseren Artikel markiert hat“. Das BMJ hatte sich auch bei Facebook beschwert und gefordert, dass Facebook die Kennzeichnung „Faktenüberprüfung“ und jeden Link zum Lead Stories-Faktencheck unverzüglich entfernt, „damit unsere Leser den Artikel auf Ihrer Plattform frei teilen können“.

Godlee und Abbasi hoffen, dass Facebook nun „schnell handelt“, um den Fehler zu korrigieren und die Prozesse zu überprüfen. „Anstatt einen Teil der beträchtlichen Gewinne von Meta zu investieren, um die Richtigkeit von medizinischen Informationen zu gewährleisten, die über soziale Medien verbreitetet werden, haben Sie die Verantwortung offenbar an Leute delegiert, die für diese wichtige Aufgabe nicht geeignet sind“, schließen sie.

BMJ-Schlagzeile Grund für Hunderte von Posts bei Impfgegnern?

Den Vorwurf will Lead Stories so nicht auf sich sitzen lassen. Das externe Journalistenteam überprüft für Facebook seit Februar 2019 Meldungen auf ihre faktische Richtigkeit hin. Beim Thema COVID-19 arbeitet Lead Stories dazu mit der CoronaVirusFacts Alliance zusammen, einem globalen Netzwerk von mehr als 100 Faktenprüfern, die gegen Falschinformationen im Zusammenhang mit der Pandemie vorgehen. 

In seiner Antwort schreibt Dean Miller, Chefredakteur von Lead Stories, am 18. Dezember, es sei schon „ironisch zu lesen, dass das BMJ Einwände gegen die Schlagzeile des Faktenchecks erhebt“.

Miller verweist auf die Schlagzeile des BMJ-Artikels vom 2. November („COVID-19: Forscher deckt Probleme mit der Datenintegrität in der Impfstoffstudie von Pfizer auf“). Diese Schlagzeile, so Miller, sei der Grund dafür, dass der BMJ-Artikel „in Hunderten von Facebook-Posts und Tweets auftaucht, viele davon von Impfgegnern, die ihn als ‚Beweis‘ dafür heranzogen, dass die gesamte klinische Studie ein Betrug und der Impfstoff nicht sicher war.“ 

Das BMJ habe wahrscheinlich nicht gewusst, dass sein Artikel zusammen mit Fake News die Runde machte, in denen behauptet wurde, der CEO von Pfizer sei wegen Betrugs verhaftet worden. Die Kombination der beiden Faktoren führte jedenfalls dazu, dass der BMJ-Artikel 120.956 Facebook-Interaktionen hervorrief, 55.154-mal mit Emojis versehen wurde, 24.572-mal kommentiert und 41.230-mal geteilt wurde.

„Aufgrund des hohen Traffics wurden wir darauf aufmerksam“, schreibt Miller. Er betont, dass es ein Teil ihrer Aufgabe als Faktenchecker sei, irreführende Behauptungen – von der WHO als „Infodemie“ bezeichnet – zu bekämpfen.

Im Fall des BMJ-Artikels seien die Leser lediglich vor „fehlendem Kontext“ gewarnt worden, der leichtesten Maßnahme, die Facebook anwende, ohne Einschränkungen in Bezug auf Datenverkehr, Sichtbarkeit oder Werbeeinnahmen. 

„Das Etikett ‚fehlender Kontext‘ gilt für Inhalte, die (obwohl sie wahr sind) dennoch irreführend sein könnten, weil entscheidende Informationen fehlen. Angesichts des enormen Echos, das der Artikel hervorrief, und der Reaktionen, die er auslöste, scheint dies hier der Fall gewesen zu sein“, schreibt Miller. Er weist daraufhin, dass keine Bewertungsoptionen wie „falsch“, „teilweise falsch“ oder „verändert“ für den BMJ-Artikel ausgewählt worden seien.

 
Das Etikett ‚fehlender Kontext‘ gilt für Inhalte, die (obwohl sie wahr sind) dennoch irreführend sein könnten, weil entscheidende Informationen fehlen. Angesichts des enormen Echos … und der Reaktionen … scheint dies hier der Fall gewesen zu sein. Dean Miller
 

Öffentliche Äußerungen der Whistleblowerin sind wichtiger Kontext

Miller schreibt, dass die von ihm und seinem Team monierte BMJ-Schlagzeile 2 Aspekte außer Acht gelassen habe:

  • Die Ausführungen in der BMJ-Untersuchung beträfen nur 3 von 153 Standorten, an denen der Impfstoff an 44.000 Teilnehmern getestet wurde. Weniger irreführend wäre gewesen zu schreiben: „Daten-Integritätsprobleme an 3 von 153 Pfizer-Studienzentren“.

  • Die Whistleblowerin Brook Jackson sei keine wissenschaftlich ausgebildete Labormedizinerin, sondern verfüge nach eigenen Angaben über eine Zertifizierung in Prüfungstechniken, die sich auf die ordnungsgemäße Datenerfassung in elektronischen Krankenakten und auf Laborverfahren konzentriere.

In dem BMJ-Artikel werde zwar erwähnt, dass Jackson nur 2 Wochen bei Ventavia gearbeitet habe. Es blieben aber wichtige Zusammenhänge außen vor, etwa, dass Jackson auf ihrem Twitter-Account am 9. November dem Impfgegner Robert F. Kennedy zustimme, der kritisiert hatte, dass in der Sesamstraße für die Impfung gegen COVID-19 geworben wird. 

Kennedy verbreitet u.a., dass Bill Gates der Menschheit durch die Impfung einen Chip einpflanzen möchte, der Mobilfunkstandard 5G für die Verbreitung von SARS-CoV-2 verantwortlich ist, und war im Sommer 2020 auch als Redner bei einer Querdenken-Demo in Berlin aufgetreten. 

An anderer Stelle habe Jackson einem Impfkritiker getwittert, dass die Impfung gegen COVID-19 sinnvoll sei, wenn eine Person in eine Hochrisiko-Kategorie falle. Auch die Entscheidung des 5. Berufsgerichts der Vereinigten Staaten gegen die Impfung für Bundesbedienstete habe sie mit „großartig“ kommentiert.

Bedenken bei 3 von 153 Standorten

Miller weist daraufhin, dass Lead Stories mit Jackson gesprochen und die verfügbaren Dokumente eingesehen habe. Auch habe Lead Stories die Antworten von Pfizer und der FDA auf Jacksons Enthüllungen veröffentlicht. 

„Es ist noch überhaupt nicht klar, ob es Probleme mit der Datenintegrität gibt, wenn man die anderen Beteiligten fragt, und das ist der entscheidende fehlende Kontext“, schreibt Miller.  

 
Es ist noch überhaupt nicht klar, ob es Probleme mit der Datenintegrität gibt, wenn man die anderen Beteiligten fragt, und das ist der entscheidende fehlende Kontext. Dean Miller
 

„Fehlender Kontext“ sei die „genaueste Bewertung, die uns in der Facebook-Rubrik Faktencheck zur Verfügung steht: Die Bedenken, die Jackson geäußert hat, betreffen 3 von 153 Standorten. Die Überschrift des BMJ-Artikels vermittelt aber nicht, wie klein diese Untergruppe tatsächlich ist. 

Und an keiner Stelle des Artikels werden Pfizer, Ventavia und der FDA die Möglichkeit eingeräumt, auf die Anschuldigungen von Fehl-, Miss- und Nicht-Handlungen zu reagieren“, schreibt Miller. 

Er weist zudem darauf hin, dass die öffentlichen Äußerungen der Whistleblowerin über Impfstoffe durchaus einen wichtigen Kontext für ihre Handlungen lieferten. 

 

Kommentar

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