Neuaufstellung des Gesundheitssystems in Niedersachsen: Sektor-übergreifende Versorgung und mehr

Christian Beneker

Interessenkonflikte

22. Dezember 2021

Wenn es kein Gesundheitssystem gäbe, und man sollte eines entwickeln – wie würde es aussehen? Diese Frage warf auf einer Veranstaltung zum Bericht der Enquetekommission „Sicherstellung der ambulanten und stationären medizinischen Versorgung in Niedersachsen – für eine qualitativ hochwertige und wohnortnahe medizinische Versorgung“ Heiger Scholz auf, Staatssekretär beim Niedersächsischen Sozialministerium.

 
Größere Fachabteilungen in den Krankenhäusern führen einfach zu besseren Behandlungsergebnissen. Die Zahlen sind erschreckend deutlich! Heiger Scholz
 

Die Enquetekommission hatte nach zweijährigen Beratungen im Frühjahr 2021 ihren Abschlussbericht vorgelegt und bei ihrer Arbeit vielleicht so etwas wie die Neuaufstellung des Gesundheitssystems in Niedersachsen im Sinn gehabt.

Bei der stationären Versorgung etwa setzt die Kommission auf größere Versorgungseinheiten, statt jedes Kreiskrankenhaus zu erhalten. Scholz sagte: „Größere Fachabteilungen in den Krankenhäusern führen einfach zu besseren Behandlungsergebnissen. Die Zahlen sind erschreckend deutlich!“

Immerhin hält Niedersachsen für fast 8 Millionen Menschen aktuell 171 kleine und große Krankenhäuser vor. Die Landesregierung will die Versorgungslandschaft nun neu ordnen, indem sie 8 Versorgungsbezirke schafft, statt wie bisher 4.

 
Dort [in regionalen Versorgungszentren] werden wir die Sektor-übergreifende Versorgung versuchen. Heiger Scholz
 

Als Versorgungsstufen werden eingeführt:

  • Grund- und Regelversorgung,

  • Fachkrankenhäuser,

  • Krankenhäuser der Schwerpunktversorgung und

  • Krankenhäuser der Maximalversorgung.

Wo der Plan auf dem Land Versorgungslücken reißt, sollen regionale Versorgungszentren entstehen. „Dort werden wir die Sektor-übergreifende Versorgung versuchen“, sagte Scholz. Der Plan setze voraus, dass nötige Baumaßnahmen auch finanziert würden.

Hoch emotionale Fragen

Dass das Vorhaben nicht nur finanziell, sondern auch politisch schwer durchzusetzen ist, weiß auch Scholz. „Da werden hoch emotionale Fragen berührt.“ Er habe „schuhkartonweise Petitionen“ bekommen, die die Schließung kleinerer Häuser verhindern wollten. „Aber die Häuser waren nicht ausgelastet. Das heißt, die Leute gingen nicht in dieses Krankenhaus, wollten aber, dass es da ist“, sagte Scholz.

„Vielleicht sollte man seltener über die Nichtfinanzierbarkeit kleinerer Krankenhäuser sprechen als darüber, dass die Wahrscheinlichkeit, an einem Schlaganfall zu sterben, in einem großen Krankenhaus 9-mal geringer ist als in einem kleinen Krankenhaus.“

In Niedersachen werde man sich jetzt an die Neufassung des Krankenhausplanes machen. „Es gibt viel zu tun“, sagte Scholz.

Doch Geld und gute Argumente der Politik helfen nicht immer, sie hat wenig „Beinfreiheit“. „Bei zugelassenen Krankenhäusern haben wir keine Planungsmöglichkeiten“, erklärte Scholz. Nur wenn zum Beispiel ein Krankenhaus seinen Versorgungsauftag nicht erfülle, könne das Land es vom Netz nehmen. Für den geplanten Prozess in Niedersachen „müssen die Träger also den Willen zur Veränderung mitbringen“, sagte Scholz.

Kritisch sieht Scholz, dass Klinikketten die Praxen von niedergelassenen Ärzten aufkaufen und damit eine „Wertschöpfungskette aus der Praxis des Niedergelassenen bis in die Häuser der Maximalversorgung“ schmieden, zum Teil bis in das Hausartsystem hinein. „In Hildesheim gibt es keine einzige fachinternistische Praxis mehr, die nicht einem Krankenhaus gehört“, berichtete Scholz. Das sei nicht das, was der Gesetzgeber wollte, als er Krankenhausträgern erlaubte, medizinische Versorgungszentren zu betreiben.

24/7-Notfallversorgung? „Viel Spaß dabei, Ärzte zu finden, die das gerne machen“

Aber was dann? Die Enquetekommission setzt auf regionale Gesundheitszentren als Labor der Sektor-übergreifenden Versorgung. Damit soll vor allem in den ländlichen Gebieten Niedersachsens die medizinische Versorgung gesichert werden.

Aber auch Low-Care-Betten als Pflegeeinheit oder zur kurzzeitigen Überwachung in das Konzept aufzunehmen, sei schwierig, kommentierte Matthias Gruhl, Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen und für Allgemeinmedizin. Unter anderem deshalb, weil Low-Care-Betten im ambulanten Bereich außerhalb von Pilotprojekten „rechtlich nicht vorgesehen“ sind, so Gruhl.

Zudem schlägt die Kommission in ihrem Bericht vor, in den Regionalzentren eine 24/7-Notfallversorgung anzubieten. „Viel Spaß dabei, Ärzte zu finden, die das gerne machen“, sagte Gruhl. Außerdem fehle ihm in dem Konzept der regionalen Gesundheitszentren die Digitalisierung: „Warum können wir nicht als Kernmodell die fachärztlichen Praxen einbeziehen?“

Gruhl plädierte außerdem dafür, auch sozial benachteiligte Viertel in Großstädten als Standort für die Gesundheitszentren mit einzubeziehen, ebenso die Arbeit der Gemeindeschwestern in das Kernangebot der regionalen Gesundheitszentren hineinzunehmen.

Vor allem müssen die Kommunen die aktiven Treiber sein, aber mit externer Unterstützung und Moderation, weil die Kommunen in der Gesundheitsversorgung wenige Erfahrung haben. Schließlich empfahl Gruhl den Niedersachsen, sich mit ihren Plänen am Möglichen zu orientieren, nicht am Wünschenswerten.
 

Kommentar

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