DKFZ-Studie: Mit Vitamin D angereicherte Lebensmittel könnten Krebsmortalität um mehr als 10% senken

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

20. Dezember 2021

Eine Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D könnte die Krebssterblichkeit ähnlich effektiv senken wie eine Substitution in Form von Vitaminpräparaten. Das ist das Ergebnis einer Modellrechnung von Wissenschaftlern des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, die jetzt in Nutrition veröffentlicht wurde [1].

Wie das Team um den Erstautoren der Studie, Dr. Tobias Niedermaier von der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung, berichtet, steigt die Serumkonzentration von 25-Hydroxy-Vitamin-D mit angereicherten Lebensmitteln in einem ähnlichen Ausmaß wie durch die Supplementierung.

Aus diesem Grund gehen die Forscher davon aus, dass auch eine vergleichbare Senkung der Krebsmortalität erzielt werden kann. Eine 2019 im Fachblatt Annals of Oncology publizierte Metaanalyse hatte gezeigt, dass diese bei älteren Erwachsenen etwa 13% beträgt.

Die DGE rät von einer Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D ab

„Die Ergebnisse der Studie von Niedermaier und seinen Kollegen sind nicht überraschend“, kommentiert die Oecotrophologin Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) im Gespräch mit Medscape. Im 14. DGE-Ernährungsbericht habe man bereits auf die Rolle von Vitamin D beim Thema Krebssterblichkeit hingewiesen.

 
Im Vordergrund steht die körpereigene Synthese von Vitamin D und damit die Empfehlung, diese Substanz durch Sonnenbestrahlung der Haut selbst zu bilden. Silke Restemeyer
 

Wörtlich heißt es in dem Bericht: „Basierend auf der aktuellen Datenlage lässt sich kein kausaler Einfluss einer Vitamin-D-Supplementation auf die Krebsinzidenz nachweisen; jedoch konnte ein signifikant protektiver Effekt einer Vitamin-D-Supplementation auf die Krebsmortalität aufgezeigt werden.“

Dass eine Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D ähnliche Effekte haben könne, sei wenig erstaunlich, sagt Restemeyer. Dennoch sei diese für die Allgemeinbevölkerung aus Sicht der DGE nicht ratsam. „Im Vordergrund steht die körpereigene Synthese von Vitamin D und damit die Empfehlung, diese Substanz durch Sonnenbestrahlung der Haut selbst zu bilden.“

 
Fraglich bleibt, ob bei einer guten Vitamin-D-Versorgung eine zusätzliche Zufuhr überhaupt eine Risikosenkung bewirken kann. Silke Restemeyer
 

Eine zusätzliche Einnahme des Vitamins ist aus Sicht der Ernährungsexpertin vermutlich nur dann sinnvoll, wenn eine unzureichende Versorgung nachgewiesen wurde oder eine gezielte Verbesserung der Versorgung, insbesondere bei Risikogruppen, weder durch die normale Ernährung noch durch die körpereigene Vitamin-D-Bildung mithilfe von Sonnenlicht zu erreichen ist. „Fraglich bleibt, ob bei einer guten Vitamin-D-Versorgung eine zusätzliche Zufuhr überhaupt eine Risikosenkung bewirken kann“, sagt Restemeyer.

Andere Länder reichern schon zahlreiche Nahrungsmittel mit Vitamin D an

In vielen Ländern der Welt – etwa in Kanada, Schweden, Finnland und Australien – enthalten bereits zahlreiche Lebensmittel, zum Beispiel Milch, Joghurt, Orangensaft und Frühstücksflocken, zugesetztes Vitamin D. Staatliche Programme regeln dort, welche Nahrungsmittel mit welcher Vitamindosis angereichert werden.

Die Heidelberger Wissenschaftler um Niedermaier und den Letztautoren der Studie, den DKFZ-Epidemiologen Prof. Dr. Hermann Brenner, haben sich in ihrer Studie daher mit der Frage beschäftigt, ob sich die Krebsmortalität durch angereicherte Lebensmittel ähnlich gut senken lässt wie durch die tägliche Einnahme eines Vitamin-D-Präparats.

„Es ist nahezu unmöglich, den Effekt von Vitamin-D-angereicherten Lebensmitteln auf die Krebssterblichkeit mit einer klassischen klinischen Studie direkt zu untersuchen“, erläutert Brenner in einer vom DKFZ veröffentlichten Pressemitteilung. „Deshalb haben wir einen indirekten Weg gewählt, um diese Frage mithilfe sorgfältiger Modellrechnungen bestmöglich zu beantworten.“

Mehr Menschen mit niedrigem Vitamin-D-Spiegel würden erreicht

Dafür analysierten Brenner und sein Team zunächst durch Auswertung der vorhandenen Fachliteratur, welche Steigerung des Vitamin-D-Spiegels sich durch eine Supplementierung beziehungsweise durch angereicherte Lebensmittel erzielen lässt. Für Letztere ermittelten die Forscher einen durchschnittlichen Anstieg, der einer täglichen Einnahme von 400 internationalen Einheiten (IU) des Vitamins entspricht.

„Damit liegen wir in einen Dosisbereich, der sich in den Substitutionsstudien als wirksam erwiesen hat: Die Einnahme von 400 Einheiten pro Tag ging mit einer um 11% geringeren Krebssterblichkeit einher“, sagt Brenner.

„Natürlich gibt es wie bei allen Modellrechnungen noch Unsicherheiten darüber, wie stark den Lebensmitteln zugesetztes Vitamin D die Krebssterblichkeit tatsächlich senken kann“, räumt der Forscher ein. Aufgrund des vergleichbaren Anstiegs der Serumkonzentrationen von 25-Hydroxy-Vitamin-D, der in den ausgewerteten Untersuchungen zwischen 10 und 42 nmol/l lag, halte man es jedoch für plausibel, dass die Ergebnisse der Supplemetationsstudien bezüglich der Krebssterberaten übertragbar seien.

Die Ausgaben für eine Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D schätzen die Wissenschaftler auf nur etwa 5% der Summe, die erforderlich wäre, um die Bevölkerung ab einem Alter von 50 Jahren mit Vitamin-D-Tabletten zu versorgen. „Im Vergleich zu den eingesparten Krebsbehandlungskosten wären die Kosten vernachlässigbar gering“, sagt Niedermaier.

Zudem würde man weitaus größere Kreise erreichen, etwa Menschen mit einem geringeren Gesundheitsbewusstsein, die häufig besonders niedrige Vitamin-D-Spiegel hätten.

Die Risiken einer möglichen Überdosierung müssen überwacht werden

Die DKFZ-Forscher schlagen daher vor, das Potenzial dieses kostengünstigen und möglicherweise sehr effektiven Ansatzes, Krebstodesfälle zu vermeiden, in weiteren Studien zu prüfen – auch im Hinblick auf das Risiko möglicher Überdosierungen: „Obwohl Vitamin-D-Überdosierungen bei Programmen zur Anreicherung von Lebensmitteln unwahrscheinlich sind, sollte die Umsetzung von einer Studie begleitet werden, in der die Häufigkeit potenziell auftretender unerwünschter Wirkungen einer Überdosierung wie Hyperkalzämie überwacht wird“, schreiben die Forscher in ihrem Fazit.

 
Natürlich gibt es wie bei allen Modellrechnungen noch Unsicherheiten darüber, wie stark den Lebensmitteln zugesetztes Vitamin D die Krebssterblichkeit tatsächlich senken kann. Prof. Dr. Hermann Brenner
 

Auch das DKFZ ist allerdings der Ansicht, dass eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D neben der Zufuhr über die Nahrung auch durch Sonnenbestrahlung sichergestellt werden kann: Der Krebsinformationsdienst (KID) des Forschungszentrums empfiehlt, sich dazu 2- bis 3-mal pro Woche für etwa 12 Minuten bei Sonnenschein im Freien aufzuhalten. Gesicht, Hände und Teile von Armen und Beinen sollen für diese Zeitspanne unbedeckt und ohne Sonnenschutz sein.

Die Zufuhr aus angereicherten Lebensmitteln kann nur geschätzt werden

Die DGE-Expertin Restemeyer weist zudem daraufhin, dass bei der Interpretation der Publikation von Niedermaier und seinen Kollegen einige Einschränkungen zu berücksichtigen sind. Zum einen seien die analysierten Studien hinsichtlich der untersuchten Populationen, Dosierungen und Dosierungsschemata sehr heterogen, sagt sie. Zum anderen seien die Ausgangwerte der Serumkonzentrationen von 25-Hydroxy-Vitamin-D ebenfalls sehr unterschiedlich und in einer Studie gar nicht angegeben.

 
Darüber hinaus muss beachtet werden, dass die genaue Zufuhr von Vitamin D aus angereicherten Lebensmitteln gar nicht genau angegeben werden kann. Silke Restemeyer
 

„Darüber hinaus muss beachtet werden, dass die genaue Zufuhr von Vitamin D aus angereicherten Lebensmitteln gar nicht genau angegeben werden kann“, sagt Restemeyer. Dies liege vor allem daran, dass die Erfassung in den Studien retrospektiv anhand von Ernährungsprotokollen erfolgt sei. Daher lägen entsprechende Daten auch nur als „geschätzte durchschnittliche tägliche Aufnahme“ vor.

Erwachsene sollten nicht mehr als 100 μg Vitamin D am Tag aufnehmen

Auch Restemeyer sieht die Gefahren einer möglichen Überdosierung. „Bei der Umsetzung eines breit angelegten Vitamin-D-Anreicherungsprogramms könnten Teile der Bevölkerung zu viel Vitamin D zu sich nehmen, zum Beispiel aufgrund eines bereits guten Vitamin-D-Status oder eines zu hohen Verzehrs angereicherter Lebensmittel.“

Dies könne zu Hyperkalzämie und Hyperkalzurie führen, die wiederum eine Vielzahl von Beschwerden – etwa Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Kopfschmerzen, Depressionen, Übelkeit und Erbrechen – hervorrufen können.

„Aus diesem Grund sollte unbedingt die von der EFSA, der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, festgelegte tolerierbare Gesamtzufuhr für Vitamin D von 100 μg/Tag für Erwachsene und von 50 μg/Tag für Kinder von 1 bis 11 Jahren beachtet werden“, fordert Restemeyer. Diese beziehe sich auf die Vitamin-D-Zufuhr aus sämtlichen Quellen einschließlich Vitamin-D-Präparaten und angereicherten Lebensmitteln.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....