Mahlzeiten stellen die innere Uhr: Diabetes-Risiko sinkt bei Nachtarbeitern wenn sie nur tagsüber essen

Interessenkonflikte

20. Dezember 2021

Einer kleinen klinischen Studie zufolge können das „Verstellen“ des zirkadianen Rhythmus vermieden und das typische Diabetesrisiko bei Nachtarbeitern gesenkt werden, wenn nur tagsüber gegessen wird. Die Studie wurde in Science Advances veröffentlicht [1].

Für 2 Wochen wurden 19 gesunde junge Erwachsene in eine kontrollierte experimentelle Umgebung verbracht. Zu diesem Setting gehörten auch simulierte Nachtschichten. 9 Probanden nahmen ihre 3 Mahlzeiten und einen Snack über Tag (zwischen 7 und 19 Uhr) zu sich. Sie zeigten keine Veränderung ihres zirkadianen Rhythmus und auch keine Glukoseintoleranz. Dies stand dabei im Gegensatz zu den 10 Personen, die tagsüber und nachts aßen.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass das nächtliche Essen die zirkadiane „innere Uhr“ des Körpers (im Hypothalamus) verstellt und damit den Schlaf-Wach-, den Hell-Dunkel- und den Fasten-Ess-Zyklus sowie alle anderen „Uhren“ im Körper beeinflussen könnte.

Demnach wäre in erster Linie das Timing der Mahlzeiten für die berichteten Auswirkungen auf die Glukosetoleranz und die Funktion der Betazellen verantwortlich. Und das ließe sich „möglicherweise auf die falsche Ausrichtung der zentralen und peripheren ‚Uhren‘ im ganzen Körper zurückführen“, sagte der Hauptautor der Studie Dr. Frank A.J.L. Scheer, Direktor des Medical Chronobiology Program in der Abteilung für Schlaf- und zirkadiane Störungen am Brigham and Women's Hospital in Boston.

„Während die zentrale zirkadiane Uhr noch auf die Bostoner Zeit eingestellt war [wo das Experiment stattfand], deuten die endogenen zirkadianen Rhythmen im Glukosestoffwechsel darauf hin, dass sich einige der peripheren ‚Uhren‘, wie z.B. in der Leber, dramatisch auf eine scheinbar asiatische Zeitzone umgestellt hatten“, erklärte er in einer Pressemitteilung des Krankenhauses.

Timing von Mahlzeiten könnte Nachtschichtfolgen entgegenwirken

„Dies ist die erste Studie, die das Timing der Essenszeiten als Faktor gegen die kombinierten negativen Auswirkungen einer gestörten Glukosetoleranz und einer gestörten Anpassung der zirkadianen Rhythmik als Folge von – simulierter – Nachtarbeit ausweist“, so Scheer in einer Pressemitteilung des National Heart, Lung, and Blood Institute, das als Hauptförderer der Studie auftritt.

 
Die Studie untermauert die Vorstellung, dass der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme für die Bestimmung von Parametern wie dem Glukosespiegel relevant ist. Dr. Sarah L. Chellappa
 

„Nachtarbeiter verlegen ihre Essensaufnahme oft in die Nacht, da sie in dieser Zeit wach sind“, fügte die Hauptautorin Dr. Sarah L. Chellappa hinzu. „Die Studie untermauert die Vorstellung, dass der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme für die Bestimmung von Parametern wie dem Glukosespiegel relevant ist. Das ist wichtig für Nachtarbeiter, da sie in der Regel nachts während der Schicht essen.“ Chellappa hatte gemeinsam mit Scheer geforscht und arbeitet aktuell in der Nuklearmedizin der Uni Köln.

„Unsere Ergebnisse könnten dabei helfen, eine Glukoseintoleranz bei Personen mit gestörtem zirkadianem Rhythmus zu verhindern, indem wir evidenzbasierte zirkadiane Strategien, wie z.B. im Hinblick auf den besten Zeitpunkt des Essens, entwickeln“, erklärte Cheppalla.

 
Unsere Ergebnisse könnten dabei helfen, eine Glukoseintoleranz bei Personen mit gestörtem zirkadianem Rhythmus zu verhindern, indem wir evidenzbasierte zirkadiane Strategien, wie z.B. im Hinblick auf den besten Zeitpunkt des Essens, entwickeln. Dr. Sarah L. Chellappa
 

„Zukünftige translationale Studien unter echten Schichtarbeitsbedingungen mit z.B. permanenten, rotierenden oder unregelmäßigen Nacht-, Früh- und Spätschichten sind erforderlich. Damit ließe sich dann feststellen, ob die von uns berichteten positiven Auswirkungen auf die Glukosetoleranz (sowie auf andere Gesundheits- und Leistungsergebnisse) auch für diese vulnerable Bevölkerungsgruppe gelten“, so Chellappa weiter.

Könnte ein Mahlzeiten-Timing Folgen von Schichtarbeit lindern?

In früheren Untersuchungen hat man gesehen, dass die zentrale zirkadiane Uhr bei Nachtarbeitern nicht mit dem Verhalten im Alltag übereinstimmt und dass diese Personen eine gestörte Glukosetoleranz und ein erhöhtes Diabetesrisiko haben.

Es war jedoch nicht klar, ob ein Verzicht auf nächtliche Mahlzeiten dieses Risiko verringern könnte. Um dies zu untersuchen, rekrutierten die Forscher also zwischen 2015 und 2018 die 19 jungen und gesunden Probandinnen und Probanden (7 Frauen, 12 Männer).

Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 26,5 Jahre alt, hatten einen mittleren Body-Mass-Index (BMI) von 22,7 kg/m2 und einen HbA1c-Wert zwischen 4,9% und 5,4%.

Sie unterzogen sich einem streng kontrollierten 24-Stunden-Rhythmus in einer speziell geschaffenen Testumgebung. Sie waren in separaten Räumlichkeiten untergebracht und hatten keinen Zugang zu irgendwelchen Zeitangaben. Wenn sie keine Tätigkeiten im Rahmen der Studie absolvierten, konnten sie lesen, schreiben, Filme ansehen oder sich handwerklich betätigen.

Zunächst wurden alle für 32 Stunden in einer engmaschig kontrollierten und schwach beleuchteten Umgebung wachgehalten. Sie blieben in weitgehend halbliegender Position und verzehrten im Stundenabstand identische Snacks als Teil eines Constant-Routine-Protokoll.

Danach wurden sie einer simulierten Nachtschicht unterzogen.

  • Die Teilnehmer der einen Gruppe nahmen tagsüber und nachts geplante Mahlzeiten ein.

  • Die anderen Teilnehmer nahmen nur tagsüber Mahlzeiten zu sich, die sich am ungefähren 24-Stunden-Zyklus der zirkadianen Rhythmik orientierten.

Die Teilnehmer folgten dann einem zweiten Constant-Routine-Protokoll, um die Nachwirkungen der beiden unterschiedlichen Mahlzeitenpläne auf die endogene zirkadiane Rhythmik zu bewerten.

  • Während der simulierten Nachtschicht stiegen die Glukosespiegel der Teilnehmer, die tagsüber und nachts aßen, um durchschnittlich 6,4% gegenüber dem Ausgangswert.

  • Dagegen passierte dies bei den Teilnehmern, die nur tagsüber aßen, nicht in signifikantem Ausmaß.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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