Wenn der Klimawandel auf die Seele schlägt: Angst vor Umweltzerstörung bedroht psychische Gesundheit junger Menschen

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

17. Dezember 2021

Die chronische Angst vor drohenden Umweltschäden wächst speziell bei Kindern und Jugendlichen stark an. Sie droht, zu einer signifikanten Verschlechterung der psychischen Gesundheit der Betroffenen und ganzer Gesellschaftsgruppen zu führen. Eine Umfrage unter englischen Kinder- und Jugendpsychiatern hat im Jahr 2020 ergeben, dass 57% von ihnen junge Patienten behandeln, die über den Klimawandel und die daraus resultierende Umweltproblematik ernsthaft beunruhigt sind.

 
Je nach individueller Ausprägung kann [die Angst vor dem Klimawandel] aber tatsächlich zu einer dysfunktionalen Angststörung und in der Folge zu chronischen Angstzuständen werden. Dr. Dietrich Munz
 

Prof. Dr. Mala Rao und Dr. Richard A. Powell, beide vom Department of Primary Care and Public Health des Imperial College, London, warnen in The BMJ Opinion davor, diese Angstgefühle auf die leichte Schulter zu nehmen [1]. Vielmehr hätten diese Angstgefühle komplexe seelische Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen und damit auf eine heranwachsende Generation, für die solche Ängste chronisch werden könnten.

Dr. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, stimmt den Verfassern im Prinzip zu, rät aber zu einer differenzierteren Betrachtungsweise: „Die beschriebene Angst vor dem Klimawandel würde ich eher als Sorge bezeichnen. Je nach individueller Ausprägung kann sie aber tatsächlich zu einer dysfunktionalen Angststörung und in der Folge zu chronischen Angstzuständen werden. Allerdings wird das nicht für jeden jungen Menschen zutreffen, der sich Sorgen um die Zukunft unseres Planeten macht.“

Jugend misstraut dem Establishment beim Umweltschutz

Eine andere, weltweite Befragung von jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren zeigte auf, dass junge Menschen in vielen Nationen mit ähnlichen Angstzuständen auf Klima- und Umweltveränderungen reagieren. Die Betroffenen gaben häufig an, sich von Regierungen und Erwachsenen zu diesen Themen schlecht informiert und um ihre Chancen auf günstigere Entwicklungen in der Zukunft betrogen fühlten.

 
Junge Menschen sind eher zu Kritik an bestehenden Zuständen bereit. Hinzu kommen Emotionen wie Wut oder Verzweiflung. Dr. Dietrich Munz
 

„Das stellt ein wichtiges gesellschaftliches Signal dar. Junge Menschen sind eher zu Kritik an bestehenden Zuständen bereit. Hinzu kommen Emotionen wie Wut oder Verzweiflung“, ergänzt Munz. „Werden ihre Sorgen durch Politiker und andere geistige Führer nicht ernstgenommen und keine Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt oder werden überzeichnete Katastrophen prognostiziert, wächst die Angst der Jugendlichen. Daraus können sich beispielsweise konkrete Ängste vor Einschränkungen ihrer Lebensqualität in der Zukunft entwickeln. Ein zugegeben übertriebenes Beispiel hierfür wäre etwa, die eigene Wohnung nicht mehr ausreichend heizen oder nicht mehr uneingeschränkt reisen zu können.“

Jetzt ist die Politik am Zug

An Politiker gewandt fordern Rao und Powell, Ängste der Betroffenen ernst zu nehmen und sich um ausreichende, sachliche und verständliche Informationen zu Klimaveränderungen und Umweltbelastungen zu bemühen, um damit die sozioökonomischen Folgen einer Pathologisierung der Angst vor Unbekanntem bei den Jugendlichen zumindest zu verringern.

 
Die Politik sollte sich heute um realistische Lösungsansätze der Klimaproblematik bemühen und offene Diskussionen darüber zulassen. Dr. Dietrich Munz
 

„In den 1980er-Jahren hatten viele, vornehmlich junge Menschen Sorgen wegen der uneingeschränkten Nutzung der Kernenergie sowohl für friedliche als auch kriegerische Zwecke“, erläutert Munz. „Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat die Politik diese Sorgen entkräften können. Zu einer Pathologisierung der Gesellschaft kam es nicht. Ich sehe hier Parallelen: Die Politik sollte sich heute um realistische Lösungsansätze der Klimaproblematik bemühen und offene Diskussionen darüber zulassen.“

Abschließend zitieren Rao und Powell John Kenneth Galbraith, einen renommierten US-Ökonomen, mit den Worten: „Alle großen Politiker hatten eines gemeinsam: Den Willen, sich in eindeutiger Weise mit den Ängsten der Menschen ihrer Zeit auseinanderzusetzen.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....