Nachverfolgung: Gesundheitsämter überlastet; Lauterbach auf Impfstoff-Suche; neue, experimentelle COVID-19-Therapie

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

16. Dezember 2021

Im Medscape-Corona-Newsblog finden Sie regelmäßig die aktuellen Trends zu Neuinfektionen und Belegung von Intensivstationen sowie eine Auswahl von klinisch relevanten Kurzmeldungen zur Pandemie.

Corona-Newsblog, Update vom 16. Dezember 2021

Heute meldet das Robert Koch-Institut 56.677 Neuinfektionen innerhalb der letzten 24 Stunden. Vor 1 Woche waren es 70.611 weitere Fälle. Die 7-Tage-Inzidenz sinkt auf 340,1 Infektionen pro 100.000 Einwohner. Am Vortag lag der Wert bei 353,0. Weitere 522 Menschen sind in Zusammenhang mit COVID-19 gestorben (Vorwoche: 465).

Als 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz nennt das RKI 5,27 Fälle pro 100.000 Einwohner, Stand 15. Dezember. Am Tag zuvor lag der Wert bei 5,21.

Laut DIVI-Intensivregister waren am 15. Dezember 4.892 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sprich 34 weniger als am Vortag. Aktuell sind bundesweit 790 Betten im Low-Care- und 1.513 im High-Care-Bereich frei. Hinzu kommen 274 freie ECMO-Behandlungsplätze.

  • Gesundheitsämter beim Pandemie-Management überlastet

  • Nach dem Regierungswechsel: Alle wollen Booster Shots, doch Impfstoff fehlt

  • Janssen-Vakzin: EMA-Empfehlung zu Booster Shots

  • Wann ist der optimale Zeitpunkt für den Booster?

  • Myokarditis durch COVID-19 häufiger als durch COVID-19-Impfungen

  • Sicherheit und Wirksamkeit des rekombinanten Impfstoffs NVX-CoV2373

  • Hohe Mortalität unter ECMO – liegt es an Ärzten oder Patienten?

  • COVID-19: Forscher aus München entwickeln neue Behandlungsstrategie

Gesundheitsämter beim Pandemie-Management überlastet

Die hohen Fallzahlen haben auch Folgen für die Gesundheitsämter, wie Focus Online berichtet. „In weiten Teilen Deutschlands wird eine Kontaktpersonen-Nachverfolgung nicht mehr durchgeführt“, sagt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. „Die Gesundheitsämter schaffen es personell einfach nicht und haben aufgegeben.“ Das gelte für Sachsen, Baden-Württemberg und Berlin, aber auch für andere Regionen.

Teichert weiter: „Das Ziel, mit der Kontaktverfolgung Infektionsketten zu durchbrechen, ist nicht länger haltbar.“ Sie rechnet damit, dass das Virus weitergetragen werde und es zu neuen Infektionen komme. „Gerade mit Blick auf die neue Omikron-Variante ist das absolut besorgniserregend“, so ihre Einschätzung.

Nach dem Regierungswechsel: Alle wollen Booster Shots, doch die Impfstoffe fehlen

In der aktuellen Situation will die Regierung möglichst viele Erst-, Zweit- und Auffrischungsdosen verimpfen lassen. Die Sache hat nur einen Haken. „In der Tat, wir haben zu wenig Impfstoff“, räumte Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD) bereits am 14. Dezember ein. „Diesen Impfstoffmangel zu beseitigen, daran arbeite ich bereits seit Tagen.“ Bestellungen liefen „über alle Kanäle“. Und: „Wir müssen hier an Geschwindigkeit gewinnen, von daher bin ich auf mehreren Ebenen unterwegs, schon seit dem Wochenende.“ Weitere Informationen sollen diesen Donnerstag bei einer Pressekonferenz folgen. Wie viele Dosen wirklich fehlen, ist unklar. Für das kommende Jahr will Lauterbach 92 Millionen weitere Dosen bestellen.

„Wir haben in Deutschland gerade Rekordtempo beim Impfen in den Praxen erreicht“, kommentiert Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Diese Nachricht, dass wir einen Impfstoffmangel haben, ist ein fatales Signal an alle, die gerade mit vollem Einsatz diese Pandemie bekämpfen.“ Gassen weiter: „Wir brauchen Transparenz und vor allem ganz schnell genügend Impfstoffe.“ Es könne nicht sein, dass die wöchentliche Impfstoffauslieferung ein Glücksspiel sei, bei dem die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen nie wüssten, ob sie das erhielten, was sie auch bestellt hätten.

Janssen-Vakzin: EMA-Empfehlung zu Booster Shots

Zu Auffrischungsimpfungen selbst gibt es neue Empfehlungen. Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) ist zu dem Schluss gekommen, dass eine Booster-Dosis mit dem COVID-19-Impfstoff Janssen mindestens 2 Monate nach der 1. Dosis bei Personen ab 18 Jahren in Betracht gezogen werden kann. Das geht aus neuen Daten zur Höhe der Antikörper-Titer hervor.

Zum Risiko einer Thrombose mit Thrombozytopenie (TTS) oder anderer sehr seltener Nebenwirkungen nach einer Auffrischungsimpfung sei bisher nichts bekannt, dies werde aber sorgfältig überwacht, so die EMA in ihrer Mitteilung.

Der CHMP kam außerdem zu dem Schluss, dass nach 2 Dosen eines der in der EU zugelassenen mRNA-Impfstoffe Comirnaty® (von Pfizer/BioNTech) oder Spikevax® (von Moderna) 1 Auffrischungsdosis mit dem COVID-19-Impfstoff Janssen verabreicht werden kann.

Wann ist der optimale Zeitpunkt für den Booster?

Die Frage, wann Booster Shots sinnvoll sind, führt auch zu politischen Kontroversen. In Nordrhein-Westfalen erhalten Bürger auf Wunsch schon nach 4 Wochen Auffrischungsimpfungen. Damit setzt die Landesregierung eine Empfehlung der STIKO für Personen mit schwächerer Immunantwort um, macht aber auch klar, dass alle Bürger, deren Grundimmunisierung weniger als 5 Monate zurückliegt, nicht deswegen abgewiesen werden. Die STIKO rät derzeit gesunden Menschen zu einem Abstand von 6 Monaten bei der Boosterung.

„Diese Entscheidung des Landes NRW entbehrt leider jeglicher wissenschaftlichen Grundlage und ist ein typisches Beispiel dafür, wie man durch Aktionismus und fachlich nicht abgesicherte Regelungen die Verunsicherung in der Gesellschaft unnötigerweise erhöht“, kritisiert Prof. Dr. Christian Bogdan gegenüber dem Science Media Center Germany. Er ist Direktor des Mikrobiologischen Instituts – Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene, Universitätsklinikum Erlangen, und Mitglied der Ständigen Impfkommission. Bogdan: „Durch einen falschen Bezug auf die spezielle STIKO-Impfempfehlung für schwer immunsupprimierte Patienten wurde eine ultimative Verwirrung ausgelöst.“

Der Experte kommentiert, eine Booster-Impfung während der laufenden Immunreaktion könne den Schutz nicht verstärken. „Durch einen zu kurzen Impfabstand wird ein Großteil des möglichen Booster-Effekts verschenkt, der normalerweise in einer starken Vermehrung der antigenspezifischen T- und B-Lymphozyten sowie einer Erhöhung der Antikörperspiegel besteht“, so Bogdan weiter. „Hinzukommt, dass nach 2 Impfungen mindestens für die nächsten 4 bis 6 Monate ein robuster Schutz vor schwerer Erkrankung und Hospitalisierung in Folge einer SARS-CoV-2-Delta-Infektion besteht. Um einen höheren und insgesamt länger anhaltenden Schutz zu erzielen, ist es deshalb sinnvoll, allerfrühestens nach 4 Monaten zu boostern.“

Myokarditis durch COVID-19 häufiger als durch COVID-19-Impfungen

Zur Frage, wie häufig unerwünschte Effekte nach Impfungen auftreten, gibt es neue Real-World-Daten. Wissenschaftler haben in Großbritannien Aufzeichnungen von Personen ab 16 Jahren ausgewertet, die zwischen dem 1. Dezember 2020 und dem 24. August 2021 gegen COVID-19 geimpft worden sind.

Dabei ging es vor allem um Krankenhauseinweisungen oder Todesfälle aufgrund einer Myokarditis bis zu 28 Tage nach der Impfung mit dem AstraZeneka-Vakzin (n=20.615.911) oder mit mRNA-Impfstoffen (BioNTech/Pfizer, n=16.993.389; Moderna, n=1.006.191). Zum Vergleich wurden Ungeimpfte mit positivem Test auf SARS-CoV-2 herangezogen (n=3.028.867). Dabei kamen sie auf folgende Abschätzungen pro einer Million Menschen innerhalb von 28 Tagen nach der 1. Dosis:

  • 2 zusätzliche Myokarditis-Ereignisse (95%-Konfidenzintervall 0-3) beim AstraZeneca-Vakzin,

  • 1 zusätzliches Myokarditis-Ereignis (95%-Konfidenzintervall 0-2) beim BioNTech/Pfizer-Vakzin,

  • 6 zusätzliche Myokarditis-Ereignisse (95%-Konfidenzintervall 2-8) beim Moderna-Vakzin.

Dem stehen 40 (95%-KI 38-41) zusätzliche Myokarditis-Ereignisse pro einer Million Patienten in den 28 Tagen nach einem positiven SARS-CoV-2-Test gegenüber.

Sicherheit und Wirksamkeit des rekombinanten Impfstoffs NVX-CoV2373

Auch die Impfstoffforschung schreitet voran. Wissenschaftler haben Ergebnisse zu NVX-CoV2373 veröffentlicht. Hier handelt es sich um einen rekombinanten Spike-Protein-Nanopartikel-Impfstoff, der ein Adjuvans enthält. Bislang gab es nur Daten von einer Phase-2b/3-Studie aus dem Vereinigten Königreich und aus Südafrika.

Deshalb haben Forscher in der ersten Hälfte des Jahres 2021 in den Vereinigten Staaten und Mexiko eine randomisierte, verblindete, placebokontrollierte Phase-3-Studie durchgeführt, um die Wirksamkeit und Sicherheit von NVX-CoV2373 bei Erwachsenen (≥18 Jahre) ohne SARS-CoV-2-Infektion in der Vorgeschichte zu bewerten.

Teilnehmer wurden im Verhältnis 2:1 auf 2 Dosen NVX-CoV2373 oder Placebo im Abstand von 21 Tagen randomisiert. Das primäre Ziel war die Bestimmung der Wirksamkeit des Impfstoffs gegen COVID-19-Infektionen, die mindestens 7 Tage nach der 2. Dosis auftraten. Die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen mittelschwere bis schwere Erkrankungen und gegen verschiedene Varianten wurde ebenfalls untersucht.

Von 29.949 Teilnehmern, die zwischen 27. Dezember 2020 und 18. Februar 2021 randomisiert worden waren, erhielten insgesamt 29.582 (mittleres Alter 47 Jahre; 12,6% ≥65 Jahre) mindestens 1 Dosis: 19.714 den Impfstoff und 9.868 Placebo. Über einen Zeitraum von 3 Monaten wurden 77 Fälle von COVID-19 festgestellt: 14 unter den Impfstoff-Empfängern und 63 unter den Placebo-Empfängern. Daraus ergibt sich eine Wirksamkeit gegen Infektionen von 90,4% (95%-Konfidenzintervall 82,9%-94,6%).

10 mittelschwere und 4 schwere COVID-19-Fälle traten auf, alle bei Placebo-Empfängern, was eine Wirksamkeit des Impfstoffs gegen mittelschwere bis schwere Erkrankungen von 100% ergibt (95%-KI 87,0% bis 100%).

Bei den meisten sequenzierten Virusgenomen (48 von 61 Proben, 79%) handelte es sich um Variants of Interest oder Variants of Concern, größtenteils B.1.1.7 (Alpha; 31 der 35 Genome für VOI/VOC). Die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen alle dieser Varianten betrug 92,6% (95%-KI 83,6% bis 96,7%).

Impfreaktionen waren meist leicht bis mäßig und vorübergehend, traten jedoch bei Empfängern von NVX-CoV2373 häufiger auf als bei Empfängern von Placebo: nach der 2. Dosis häufiger als nach der 1. Dosis.

Hohe Mortalität unter ECMO – liegt es an Ärzten oder an Patienten?

Von der Prävention zur Therapie. Wissenschaftler fanden bei ECMO-Patienten in Deutschland eine vergleichsweise hohe Mortalität von rund 68%; Medscape hat darüber berichtet. Das internationale ECMO-Register nennt 51,9%. ARD Kontraste nennt 2 mögliche Ursachen:

  • Das Durchschnittsalter von ECMO-Patienten lag in Deutschland bei 57 Jahren, verglichen mit 51 Jahren im internationalen Schnitt. Die Mortalität unter ECMO erhöht sich mit steigendem Alter.

  • Während der Pandemie hat sich die Zahl an Kliniken mit ECMO von 231 auf 274 erhöht. Was auf den 1. Blick gut klingt, hat einen Haken. Laut Dr. Benjamin Friedrichson, Intensivmediziner am Universitätsklinikum Frankfurt, kämen 205 dieser Krankenhäuser auf weniger als 10 ECMO-Behandlungen pro Jahr. Niedrige Fallzahlen gelten unabhängig von der Indikation als Risikofaktor für Komplikationen oder für ein schlechtes Outcome. Das Uniklinikum Regensburg als Betreiber eines großen ECMO-Zentrums kommt hingegen auf eine Mortalitätsrate von 46,4%: mehr als 20% niedriger als im Bundesdurchschnitt.

Eine mögliche Konsequenz: Prof. Dr. Christian Karagiannidis, wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters, kann sich vorstellen, Behandlungen in einzelnen Zentren mit hohen Falzahlen mit ausgewiesener Expertise zu bündeln.

COVID-19: Forscher aus München entwickeln neue Behandlungsstrategie

Auch die Forschung hat Neues zu berichten. Ein Team der TU München unter Leitung von Prof. Dr. Ulrike Protzer hat zusammen mit weiteren Forschungseinrichtungen neue Strategien zur Behandlung von COVID-19 entwickelt. Grundlage ist ein Fusionsprotein aus dem ACE2-Protein und aus Teilen des Immunglobulins G (IgG). SARS-CoV-2 bindet bekanntlich stark an den zellulären Rezeptor ACE2. Freies ACE2 wäre zu instabil, deshalb haben Wissenschaftler ein Fusionsprotein entwickelt.

In Zellkulturversuchen konnte das Virus komplett neutralisiert und so eine Infektion verhindert werden. Dies funktionierte mit dem Wildtyp von SARS-CoV-2, aber auch mit Alpha, Beta und Delta. Omikron soll demnächst untersucht werden.

In ihrer neuen Herangehensweise sehen die Wissenschaftler 2 Vorteile. Das neue Fusionsprotein lässt sich biotechnologisch leicht herstellen – und erkennt auch potenzielle Varianten von SARS-CoV-2, vielleicht sogar andere Coronaviren.

 

Kommentar

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