Neuropathie bei Diabetikern: Auch Alkoholkonsum kann die Ursache sein, doch wie lässt sich das herausfinden?

Miriam E. Tucker

Interessenkonflikte

10. Dezember 2021

Alkoholkonsum kann auch bei Diabetikern für eine Neuropathie verantwortlich sein oder eine bereits bestehende Nervenschädigung verschärfen. Zu diesem Resümee kommen die Endokrinologen Dr. David S.H. Bell und Dr. Edison Goncalves vom Southside Endocrinology in Irondale, Alabama, USA, bzw. von Grandview Endocrinology in Homewood, Alabama, in einem Kommentar, der kürzlich in Diabetes Therapy veröffentlicht worden ist [1].

Daher sei es wichtig zu ermitteln, ob eine Person mit distaler symmetrischer Polyneuropathie (DSP) übermäßig Alkohol konsumiert, denn es ist unwahrscheinlich, dass sich die neuropathischen Symptome unter Alkoholkonsum bessern.

Sie erinnerten daran, dass Diabetes die häufigste Ursache für die Polyneuropathie ist, gefolgt von Alkohol. Bei Diabetikern, die Alkohol trinken, kann sich die Neuropathie-Symptomatik verstärken. Beschwerden wie Taubheitsgefühle, Kribbelparästhesien, Schmerzen und eine frühe motorische Beteiligung der Zehen lassen sich ursächlich kaum der einen oder anderen Ursache zuordnen.

Dennoch stellen Goncalves und Bell fest: „Patienten mit Diabetes und DSP werden routinemäßig auf andere Ursachen als Diabetes untersucht, darunter auf Vitamin-B12-Mangel, Paraproteinämie, Hypothyreose und auf eine medikamentöse oder autoimmuninduzierte Neuropathie.“ Die häufigste Ursache für die DSP sei neben dem Diabetes jedoch der Alkoholkonsum, der fast nie erfragt oder untersucht werde.

Unabhängig von der Kontrolle des Blutzuckerspiegels würden die Nervenschäden weiter fortschreiten, wenn der Patient den Alkoholkonsum nicht einstelle und ein Thiaminmangel nicht ausgeglichen werde, fügen sie hinzu.

Bell, ehemals Professor der Universität von Alabama in Birmingham, sagte gegenüber Medscape: „Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich den Patienten sage, ich werde Ihre Schmerzen nicht behandeln, wenn Sie nicht aufhören zu trinken, denn das ist gefährlich, und es wird Ihnen nicht besser gehen.“ 

 
Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich den Patienten sage, ich werde Ihre Schmerzen nicht behandeln, wenn Sie nicht aufhören zu trinken … Dr. David S.H. Bell
 

Dr. Michael James Polydefkis, Direktor des Cutaneous Nerve Lab und Professor für Neurologie an der Johns Hopkins Medicine in Baltimore, Maryland, stimmte „dem Kommentar grundsätzlich zu“.

Auch Rauchen, Bluthochdruck und ein hoher Cholesterinspiegel können eine diabetische Polyneuropathie verschlimmern, „sodass es plausibel erscheint, wenn ein Diabetiker unter Alkoholkonsum eine stärkere Symptomatik entwickelt. Aber um es genau zu wissen, benötigen wir mehr konkrete Daten“.

Wie offensiv kann man das Trinkverhalten erkunden?

Natürlich geben die Patienten ihre Trinkgewohnheiten nicht immer freiwillig und umfänglich preis. Und wenn sie danach gefragt werden, unterschätzen sie ihn in der Regel selbst. Bell und Goncalves berichten von 3 Fällen einer schweren Neuropathie, bei denen die Patienten – von denen 2 einen unter Metformin gut eingestellten Typ-2-Diabetes hatten – zunächst einen übermäßigen Alkoholkonsum verneinten, der jedoch später entdeckt wurde – in einem Fall sogar erst nach dem Tod.

Der dritte Fall betraf eine Frau mit Typ-1-Diabetes ohne Retinopathie oder Nierenprobleme, aber mit schwerer Neuropathie, die sich nicht zuletzt als Gastroparese manifestierte. Ihr starker Alkoholkonsum wurde erst festgestellt, nachdem sie eine akute Pankreatitis entwickelt hatte.

Daher empfehlen die beiden Endokrinologen den Grad des Alkoholkonsums bei Patienten mit DSP mithilfe der Bestimmung des Ethylglucuronid-Spiegels (EtG) im Urin zu beurteilen. EtG ist ein Alkoholmetabolit, der durch Glukuronidierung gebildet wird und im Urin bis zu 90 Stunden nach dem Alkoholkonsum nachweisbar ist, in Haarproben sogar noch länger.

Andere Tests wie erhöhte Leberenzyme (AST-Wert im Serum höher als ALT), Triglyceride und Harnsäure oder verminderte Magnesium- und Folsäurespiegel sind in der Regel nur bei sehr hohem Alkoholkonsum auffällig.

Insgesamt empfehlen die Autoren bei allen Patienten mit DSP, und insbesondere bei schmerzhafter DSP, ein „rigoroses“ Screening einschließlich biomedizinischer Tests auf Alkoholkonsum.

Polydefkis kommentiert: „Es stimmt, dass die Menschen ihren Alkoholkonsum oft unterschätzen. Ich nehme die Antworten der Patienten für wahr. Ich bespreche das aber auch immer mit den Patienten. Ebenso halte ich es mit dem Rauchen. Wenn sie sagen, dass sie nicht trinken oder rauchen, sage ich: Gut, dann fangen Sie auch nicht damit an! Wenn sie angeben, Alkohol zu trinken, sage ich ihnen, dass wir den Schwellenwert nicht kennen, aber dass größere Mengen sicher problematisch sind.“

Allgemeine biochemische Alkoholtests befürwortet er jedoch nicht. „Ich sehe meine Aufgabe darin, dem Patienten zu helfen. Wenn sie mir nicht die Wahrheit sagen wollen, muss ich keine Tests durchführen, um sie zu ‚überführen‘.“ 

 
Ich sehe meine Aufgabe darin, dem Patienten zu helfen. Wenn sie mir nicht die Wahrheit sagen wollen, muss ich keine Tests durchführen, um sie zu ‚überführen‘. Dr. Michael James Polydefkis
 

„Ich könnte mir jedoch durchaus Fälle vorstellen, in denen weitere Tests hilfreich sein könnten, um das Krankheitsbild eines Patienten zu verstehen ... Bei einer Person, die einen sehr leichten Diabetes und eine ausgeprägte Neuropathie aufweist, sollte der Verdacht aufkommen, dass es nicht am Diabetes allein liegt … Das wäre eine Situation, in der ich der Frage nach Alkoholkonsum intensiver nachgehen würde.“

Neuropathie-Medikamente und Alkohol als unselige Kombination

Die Verschreibung von Medikamenten zur Behandlung neuropathischer Symptome wie trizyklische Antidepressiva, Antiepileptika, Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer und Analgetika kann in Kombination mit Alkohol atemdepressiv wirken. Auf dem Beipackzettel des Antiepileptikums Pregabalin wird z.B. den Patienten geraten, es nicht mit Alkohol zu kombinieren, da dies die motorischen Fähigkeiten beeinträchtigen und die sedierende Alkoholwirkung verstärken könnte. „Man muss damit rechnen, dass sie trinken, wenn man ihnen Medikamente verschreibt“, betonte Bell. 

„Das“, räumte Polydefkis ein, „ist ein gutes Argument. Das müssen wir besser machen.“ Insgesamt hält er den Kommentar für provokativ: „Ich denke, wir brauchen mehr konkrete Daten, aber die Argumente der Autoren haben ihre Berechtigung.“

Bell spricht seit über 25 Jahren über die Gefahren, die von einem starken Alkoholkonsum und einer alkoholbedingten Hypoglykämie für Diabetikern ausgehen, selbst bei geringen Alkoholmengen. Gegenüber Medscape sagte er: „Die meisten Ärzte denken wahrscheinlich nicht darüber nach ... aber auch Diabetiker trinken.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert. 

 

Kommentar

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