Neid, Eifersucht & Co: Ein Plädoyer für negative Gefühle – sie können zum Funktionieren der Gesellschaft beitragen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

10. Dezember 2021

Neid und Eifersucht – was soll daran schon positiv sein? Dass auch negative Gefühle wesentlich zum Funktionieren von Beziehungen und Gesellschaft beitragen können, machte Prof. Dr.Ulrich Schweiger, Lübeck, auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) deutlich [1].

Schweiger hält es für verkehrt, ausschließlich das mögliche destruktive Potenzial von Neid und Eifersucht zu sehen. Zumal sich negative Emotionen nicht direkt beeinflussen lassen: „Der Versuch, Emotionen nicht zu haben, verursacht ja paradoxe Effekte. Nehme ich mir vor, ein tugendhafter Mensch und niemals neidisch zu sein, führt das eher dazu, dass ich mehr Neid und mehr Eifersucht verspüre.“ Ein Frontalangriff auf Emotionen – etwa indem man sie für schlecht, schwierig, dysfunktional etc. erkläre – funktioniere nicht.

 
Der Versuch, Emotionen nicht zu haben, verursacht ja paradoxe Effekte. Prof. Dr. Ulrich Schweiger
 

Indirekt hingegen kann man negative Emotionen durchaus beeinflussen, wie das Emotionsregulationsmodell von James Gross zeigt. Indem man Situationen gezielt auswählt, sich anders verhält, auf Abstand geht, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtet und versucht, nicht automatisch zu bewerten, kann man negative Gefühle durchaus beeinflussen, erklärt Schweiger. Auch entgegengesetzt handeln hilft: Man ist großzügig zu jemandem, den man beneidet.

„Langfristig hat das einen erheblichen Effekt auf diese Emotionen, nur eben nicht sofort“, erklärt Schweiger. Auch der Verzicht auf Emotionsvermeidung und sich stattdessen eingestehen, dass man neidisch oder eifersüchtig ist, macht einen großen Unterschied. Hilfreich ist auch, den physiologischen Zustand zu ändern – Sport treiben, spazieren gehen oder schlafen.

Sozial konstruierte Emotionskonzepte spielen eine große Rolle

Wie fest sind Emotionen verankert? Mit der naiven Annahme, dass es im Gehirn ein fest verdrahtetes Set von basalen Emotionen gibt, hat Lisa Feldmann Barrett 2017 mit ihrer innovativen „Theory of Constructed Emotions“ aufgeräumt. Sie weist darauf hin, dass sozial konstruierte Emotionskonzepte eine sehr große Rolle spielen. Wenn aber Emotionen nicht biologisch fixiert, sondern mental konstruiert sind, unterscheiden sie sich nicht von Kognitionen. Durch bewusstes Wahrnehmen kann man sie verändern.

Der israelisch-US-amerikanische Psychologe Daniel Kahnemann interpretiert die „Dual Process Therapy“ als Struktur aus 2 Teilen, die voneinander getrennt sind: System 1 arbeitet automatisch-implizit und ist schwer zu korrigieren, während System 2 nur auf bewusste Anforderungen antwortet.

Schweiger wählt für die Veranschaulichung des Systems 1 die Müller-Lyer-Illusion. Die zeigt, dass das Gehirn beim Betrachten die beiden Linien automatisch vergleicht, als unterschiedlich lang wertet und sich – auch wenn klar ist, dass die beiden Linien gleich lang sind – nicht korrigieren lässt.

„Wichtig ist das deshalb, weil vergleichen, sich vergleichen ein ganz zentraler Prozess bei Neid und Eifersucht ist. Eine wichtige Grundlage von Neid und Eifersucht passiert einfach automatisch“, erklärt Schweiger. Die evolutionäre Perspektive auf Emotionen zeigt: Negative Emotionen sind nützlich und adaptiv, sie weisen aber auch Trade-offs auf, also Nachteile, mit denen man umgehen lernen muss.

Neid schützt vor Ungerechtigkeit und Ungleichheit

Welche Situationen lösen Neid aus? „Grundsätzlich Informationen, die nahelegen, dass andere in einer besseren Situation sind als man selbst, z.B. erfolgreicher sind, wohlhabender, gebildeter, angesehener sind, mehr Einfluss haben, schöner, gesünder sind, mehr geliebt werden“, zählt Schweiger auf. Die Reaktion darauf: Gerechtigkeit und Gleichheit geraten dadurch in Gefahr.

Körperlich kann sich Neid durch Herzklopfen, Übelkeit, Anspannung, Schlaflosigkeit äußern. Neid beeinflusst die Aufmerksamkeit und löst Vergleichsprozesse aus (Was hat der andere, was ich nicht habe?). Ein typischer Gedanke ist auch: Warum habe ich das nicht?

Das emotionsgetriebene Verhalten führt dazu, dass man schlecht über die Person redet, Kooperation verweigert, der Person schadet, sich freut, wenn der Person etwas misslingt, und Gerechtigkeit und Gleichbehandlung einfordert.

 
Wir handeln häufig Neid-vorbeugend. Prof. Dr. Ulrich Schweiger
 

Doch hinter Neid steckt auch ein Konzept: Neid gewährleistet Schutz vor Ungerechtigkeit und Ungleichheit, unterstützt die Entwicklung eigener Fertigkeiten (aufgrund der Vergleichsprozesse) und fördert auch die Einhaltung von fairen Standards in Gesellschaften, erklärt Schweiger.

Denn Emotionen beeinflussen nicht nur das gegenwärtige, sondern vor allem auch das zukünftige Verhalten und die soziale Interaktion, erinnert Schweiger. „Wir handeln häufig Neid-vorbeugend. Verhalten wir uns angeberisch oder ungerecht, könnte das Neid auslösen und eine ungünstige interpersonelle Stimmung hervorrufen“, so Schweiger.

Entgegengesetzes Handeln ist wichtig, um Neid in konstruktive Bahnen zu lenken. Sinnvoll ist das vor allem dann, wenn der andere keine Verhaltensstandards verletzt, der Neid auf Mutmaßungen gründet, die Ungleichheit schicksalhaft ist oder darauf beruht, dass der andere sich mehr anstrengt oder ein größeres Talent besitzt.

Typisch für Neid ist, dass er sich eher gegen eine bekannte oder befreundete Person richtet als gegen eine weit entfernte Person. Wahrscheinlicher wird Neid auch dann, wenn die beneidete Person ein ähnliches Talent hat, sich ähnlich anstrengt, aber mehr Erfolg hat als man selbst.

Eifersucht schützt vor Verlassenwerden und Betrogenwerden

Eifersucht auslösende Situationen sind Informationen, die nahelegen, dass der Partner, Freunde, Eltern, Geschwister oder Kinder andere Menschen mehr schätzen oder lieben als uns selbst, dass eine Beziehung in Gefahr ist. Der Körper reagiert darauf z.B. mit Herzklopfen, Zittern, Übelkeit.

Die Aufmerksamkeit liegt dann auf dem Verhalten, das die Eifersucht bestätigt. Emotional äußert sich das in Kontrollverhalten, Rückversicherungsverhalten, in Vorwürfen und einem breiten Spektrum von Versuchen, den Partner an sich zu binden (mate retention strategies).

Das Konzept hinter Eifersucht ist der Schutz vor Verlassen- und Betrogenwerden. Eifersucht unterstützt die Einhaltung von guten Standards in Beziehungen, unterstreicht die Bedeutung von engen Beziehungen. Und ähnlich wie Neid beeinflusst auch Eifersucht nicht nur das gegenwärtige, sondern auch zukünftiges Verhalten.

 
Im Sinne interpersoneller Emotionsregulation verhalten wir uns alle häufig so, dass wir keine Eifersucht auslösen. Das ist der vielleicht größte Einfluss, den Eifersucht auf das Verhalten hat. Prof. Dr. Ulrich Schweiger
 

„Im Sinne interpersoneller Emotionsregulation verhalten wir uns alle häufig so, dass wir keine Eifersucht auslösen. Das ist der vielleicht größte Einfluss, den Eifersucht auf das Verhalten hat“, so Schweiger.

Entgegengesetzt handeln sollte man, wenn der andere keine üblichen Verhaltensstandards verletzt, die Eifersucht ausschließlich auf Mutmaßungen gründet oder der Partner sich bereits getrennt hat. Sinnvoll ist entgegengesetztes Handeln auch dann, wenn die eigenen Emotionen mit den eigenen Werten kollidieren oder paradoxe Effekte hervorrufen: „Den Partner zu kontrollieren, funktioniert ja nicht nur nicht, es hat eher den Effekt, einen Partner zu vertreiben.“

Jede evolutionäre Anpassung weist Trade-offs auf, und gerade Neid und Eifersucht haben ein schlechtes Image, sagt Schweiger. In vielen Weltreligionen gelten sie als problematische Emotionen. Neid und Eifersucht werden mit kriminellem Verhalten in Verbindung gebracht und mit psychotischen Zuständen assoziiert. Sie gelten gesellschaftlich als unerwünscht, weil sie die zwischenmenschliche Kooperation einschränken, und sie gelten als Bedrohung der psychischen Gesundheit.

Neid und Eifersucht sind wichtige Elemente der mentalen Tool-Box

„Doch wie sähe es aus, wenn Menschen plötzlich nicht mehr zu Neid und Eifersucht fähig wären? Was wären die Folgen?“, fragt Schweiger und zählt auf:

  • Ungerechtigkeit und Ungleichheit würden nicht mehr bekämpft.

  • Reiche und Mächtige würden schamlos protzen und Macht ausüben.

  • Untreue und Illoyalität wären gleichgültig, Familien hätten weniger Zusammenhalt, Beziehungen wären weniger stabil.

  • Menschen würden keine Vorbilder mehr haben und viel weniger nach der Verbesserung ihrer Fertigkeiten und Strategien streben.

„Neid und Eifersucht sind wichtige Schutzemotionen. Wir müssen und können sie kultivieren“, betonte Schweiger. So richteten viele Menschen ihr Verhalten darauf aus, dass andere Neid und Eifersucht nicht oder nur in geringerer Intensität erleben. Beispielsweise, indem sie Zuwendung auf ihre Kinder gleichmäßiger verteilen, sich liebevoll um ihre Partner kümmern, in der Gesellschaft für Gerechtigkeit eintreten, nicht protzen und Macht sorgfältig ausüben.

 
Neid und Eifersucht sind wichtige Schutzemotionen. Wir müssen und können sie kultivieren. Prof. Dr. Ulrich Schweiger
 

„Neid und Eifersucht sind also wichtige Elemente unserer mentalen Tool-Box. Dass man sich mit einem Hammer verletzen kann, spricht nicht gegen die Qualität eines Hammers als Werkzeug an sich“, sagte Schweiger und erinnerte daran, dass Neid und Eifersucht vor allem von den Menschen verteufelt würden, die ein Interesse an Ungleichheit und Ungerechtigkeit hätten.
 

Kommentar

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