Cisplatin beim Rektumkarzinom nutzlos; 2. OP beim Ovarialkarzinom verlängert Leben; Immunkrankheiten und Krebsrisiko

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

7. Dezember 2021

Im Onko-Blog dieser Woche geht es um eine Studie dazu, was die zusätzliche Gabe von Cisplatin zu Capecitabin und Radiotherapie bei fortgeschrittenem Rektumkarzinom bringt. Das Ergebnis: Leider nichts – nur zusätzliche Nebenwirkungen. Positives gibt es dagegen zum rezidivierten Ovarialkarzinom: Eine 2. Resektion kann das Überleben der Frauen verlängern. Personen mit MGUS (monoklonaler Gammopathie unklarer Signifikanz) haben kein erhöhtes Risiko, an COVID-19 zu erkranken oder schwerer zu erkranken. Immunbedingte Erkrankungen gehen mit einem erhöhten Krebsrisiko einher.

  • Enddarmkrebs: Cisplatin als Add-on nutzlos

  • Rezidiviertes Ovarialkarzinom: Länger überleben dank erneuter Resektion

  • Asymptomatische frühe CLL: Ibrutinib kein Ersatz für Watch-and-Wait-Strategie

  • MGUS: Kein höheres Risiko bei SARS-CoV2-Infektion

  • Krebserkrankungen: Erhöhtes Risiko bei immunvermittelten Erkrankungen

Enddarmkrebs: Cisplatin als Add-on nutzlos

Die Behandlung mit Cisplatin zusätzlich zu einer Capecitabin-basierten postoperativen Chemoradiotherapie (CRT) verbessert die Wirksamkeit der Therapie bei Patienten mit fortgeschrittenem Rektumkarzinom nicht, aber erhöht das Risiko für schwere Nebenwirkungen. Dies ergab eine multizentrische, randomisierte Phase-3-Studie mit 589 Patienten in 7 Zentren in China.

„Diese Ergebnisse unterstreichen die bedeutende Rolle von postoperativem Capecitabin mit Bestrahlung bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem Rektumkarzinom“, so das Fazit der chinesischen Arbeitsgruppe in JAMA Network Open .

Randomisiert waren 294 Patienten nach der Operation ihres Rektumkarzinoms mit Capecitabin plus Bestrahlung und 295 Patienten mit Capecitabin plus Cisplatin plus Bestrahlung behandelt worden. Sie wurden im Median 68 Monate nachbeobachtet.

3 Jahre überlebten 76,3% der Patienten in der Capecitabin-Gruppe und 74,1% in der Kombinationsgruppe krankheitsfrei. Die 5-Jahres-Werte lagen bei 72,0% bzw. 71,1% (Hazard Ratio: 1,07; p 0,68). Gesamtüberleben (HR: 0,91; p = 0,7) und lokale Rezidivrate (HR: 0,61; p = 0,16) waren ebenfalls nicht unterschiedlich. Bei Behandlung mit Cisplatin traten jedoch signifikant mehr akute Nebenwirkungen vom Schweregrad 3 und 4 auf als bei alleiniger Gabe von Capecitabin (38,6% versus 28,6%, p = 0,01).

Rezidiviertes Ovarialkarzinom: Länger überleben dank erneuter Resektion

Wenn ein platinsensitives, erstmals rezidiviertes Ovarialkarzinom ein 2. Mal komplett reseziert und anschließend mit Chemotherapie behandelt wird, überleben die Patientinnen länger im Vergleich zu Frauen, die nur eine Chemotherapie erhalten. Dies ergab die unter Leitung von Prof. Dr. Andreas du Bois, Evangelische Kliniken Essen-Mitte, durchgeführte AGO-Studie DESKTOP III, die von PD Dr. Philipp Harter, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie, Evangelische Kliniken Essen-Mitte, als Erstautor im New England Journal of Medicine publiziert worden ist.

An der Studie nahmen 407 Patienten teil, bei denen mindestens 6 Monate nach der ersten vollständigen Resektion und einer platinbasierten Chemotherapie ein Rezidiv aufgetreten war, die einen ECOG-Performance-Score von 0 und nicht mehr als 500 ml Aszites aufwiesen. Von den 206 Patienten, die in die Operationsgruppe randomisiert worden waren, unterzogen sich 192 dem Eingriff, wobei in 75,5% dieser Fälle eine makroskopische vollständige Resektion erreicht wurde. Bei 3,7% der Patienten war eine erneute Operation erforderlich.

Im Median überlebten erneut operierte Frauen 53,7 Monate, nur systemisch behandelte Frauen 46,0 Monate (HR: 0,75; p = 0,02). Patienten mit kompletter Resektion überlebten im Median sogar 61,9 Monate. Der günstige Effekt der erneuten Operation zeigte sich in allen Subgruppen.

Dr. Ginger Gardner und Dr. Dennis Chi, Memorial Sloan Kettering Cancer Center, New York, USA, schlussfolgern im begleitenden Editorial: „Die DESKTOP-III-Studie hat den Nutzen einer sekundären zytoreduktiven Chirurgie unabhängig von einer vorherigen anti-angiogenen Therapie gezeigt. Nun muss der zunehmende Einsatz von PARP-Inhibitoren in Kombination mit sekundärer Chirurgie in weiteren Studien untersucht werden.“

Asymptomatische frühe CLL: Ibrutinib kein Ersatz für Watch-and-Wait-Strategie

Bei Patienten mit früher, asymptomatischer chronischer lymphatischer Leukämie (CLL) verbessert die Einnahme von Ibrutinib im Vergleich zu Placebo zwar das ereignisfreie Überleben (EFS). Weil jedoch die Gesamtüberlebensdaten der Phase-3-Studie CLL12 noch ausstehen, sieht es die Deutsche CLL-Studiengruppe derzeit nicht als gerechtfertigt an, den Therapiestandard „Watch and Wait“ zu ändern, so ihr Fazit in Blood .

In die Phase-3-Studie zu Effektivität und Sicherheit von Ibrutinib vs. Placebo waren unbehandelte CLL-Patienten im Stadium Binet A mit Risiko für eine frühe Krankheitsprogression aufgenommen worden. Sie erhielten randomisiert Placebo (n = 181) oder Ibrutinib 420 mg/Tag (n = 181). Die Therapie dauerte im Ibrutinib-Arm 18,4 Monate, im Placebo-Arm 16,3 Monate.

Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 31 Monaten erreichte die Studie ihren primären Endpunkt. Ibrutinib verbesserte das ereignisfreie Überleben im Vergleich zu Placebo signifikant (nicht erreicht vs. 47,8 Monate im Median; HR: 0,25; p < 0,0001). Die 3-Jahres-EFS-Rate lag bei 87,3% bzw. 60,4%.

Eine Analyse des Gesamtüberlebens war wegen zu weniger Ereignisse noch nicht möglich. Die Studie wird fortgeführt.

Im Vergleich zu Placebo erhöhte Ibrutinib die Gesamttoxizität nicht. Die häufigsten schwerwiegenden Nebenwirkungen waren Vorhofflimmern, Pneumonie und Hautausschlag in der Ibrutinib-Gruppe und Basalzellkarzinom, Pneumonie und Myokardinfarkt unter Placebo.

Blutungen traten bei 33,5% der Patienten unter Ibrutinib und bei 14,8% in der Placebogruppe auf. Zur Reduktion des Blutungsrisikos wurde in der Studie der Einsatz von direkt wirkenden Faktor-Xa-Inhibitoren ergänzend untersagt und die Ärzte vermehrt auf das Problem von CYP3A4-bedingten Arzneimittelwechselwirkungen hingewiesen.

MGUS: Kein höheres Risiko bei SARS-CoV2-Infektion

Personen mit einer monoklonalen Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS), die Vorläufer eines multiplen Myeloms oder anderer schwerer Erkrankungen sein kann, erkranken nicht häufiger und nicht schwerer als gesunde Personen an COVID-19. Dies ergab eine Auswertung der isländischen iStopMM-Studie (Iceland Screens Treats or Prevents Multiple Myeloma Study), die im Blood Cancer Journal erschienen ist.

In der derzeit noch laufenden iStopMM-Studie wurden alle vor 1975 geborenen Isländer (n = 148.704) zu einem Screening auf MGUS eingeladen. Hiervon wurden von 75.422 Teilnehmern Serumproben analysiert. 32.047 Probanden, davon 1.754 mit MGUS, wurden zudem auf SARS-CoV2-getestet.

Der Test war bei 1.100 Teilnehmern positiv, davon wiesen 65 eine MGUS auf. Unter den schwer erkrankten 230 Teilnehmern waren 16 mit MGUS. Die MGUS war damit nicht mit einer erhöhten Rate an COVID-19 oder an schwerer COVID-19 assoziiert.

Weitere Daten zur iStoppMM-Studie werden Mitte Dezember auf der Jahrestagung der American Society of Hematology präsentiert.

Krebserkrankungen: Erhöhtes Risiko bei immunvermittelten Erkrankungen

Immunvermittelte Erkrankungen, z.B. Asthma, Zöliakie oder Autoimmun-Hepatitis, sind mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert. Eine internationale Arbeitsgruppe hat die Daten von 478.753 Personen aus der UK-Biobank analysiert und die Ergebnisse in JAMA Oncology publiziert.

Schon länger ist bekannt, dass die Immunregulation bei der Entstehung von Krebserkrankungen eine Rolle spielt. In der Post-hoc-Analyse mit Daten der UK-Biobank sollte daher untersucht werden, ob Störungen der Immunregulation, die sich in verschiedenen Erkrankungen manifestieren, mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert sind.

Fünf organspezifische immunvermittelten Erkrankungen waren signifikant mit einem höheren Risiko für lokale Krebserkrankungen assoziiert, und zwar Asthma mit Erkrankungen in den tiefen Atemwegen (HR: 1,34), Zöliakie mit Dünndarmkrebs (HR: 6,89), idiopathische thrombozytopenische Purpura mit hämatologischen Erkrankungen (HR: 6,94), primäre biliäre Cholangitis (HR: 42,12) und Autoimmunhepatitis mit hepatobiliären Karzinomen (HR: 21,26).

13 immunvermittelte Erkrankungen gingen mit einem erhöhten Krebsrisiko von benachbarten Organen, wie Morbus Crohn mit Leberkrebs (HR: 4,01; p  = 0,002), oder entfernten Organe wie Autoimmunhepatitis mit Zungenkrebs (HR: 27,75; p  = 0,001) oder in verschiedenen Bereichen einher, wie idiopathische thrombozytopenische Purpura mit Leberkrebs (HR: 11,96; p  < 0,001).

Colitis ulcerosa, Asthma und primäre biliäre Cholangitis waren mit einem insgesamt erhöhten Krebsrisiko verbunden.

„Diese Ergebnisse unterstützen die Bedeutung der lokalen und systemischen Immunregulation bei der Karzinogenese und können zukünftige Forschungen zur Rolle der Immunregulation und der Mikrobiota bei der Krebsentstehung unterstützen“, so die Schlussfolgerung der Autoren.

 

Kommentar

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