Letzte PK von Wieler und Spahn: Weihnachten droht höchste Belastung der Intensivstationen; Dunkelziffer etwa 3 Mal so hoch

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

3. Dezember 2021

„Wären alle erwachsenen Deutschen geimpft, steckten wir nicht in dieser Lage“, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf der Bundespressekonferenz zur Pandemielage. Zum voraussichtlich letzten Mal hatte der geschäftsführende Gesundheitsminister gemeinsam mit RKI-Chef Prof. Lothar Wieler zur aktuellen Lage informiert und klang dabei durchaus selbstkritisch.

 
Wären alle erwachsenen Deutschen geimpft, steckten wir nicht in dieser Lage. Jens Spahn
 

Die Anpassung an die Lage sei „zu häufig nicht schnell genug“ erfolgt. Ein Punkt, der einen entscheidenden Unterschied gemacht hätte: „Im Rückblick hätten wir mit größerer Konsequenz diesen Unterschied zwischen geimpft und ungeimpft schon früher machen müssen. Es kam die Situation dazu, dass wir mit 12 Millionen ungeimpften Erwachsenen noch mal in eine solch schwierige Lage kommen können“, so Spahn.

Schon als 2G im August diskutiert worden sei, „hätten wir damals schon klarer diesen Unterschied machen müssen.“ Auch Geimpfte trügen zum Infektionsgeschehen bei, bestätigte Spahn. Dennoch sei die Inzidenz der Ungeimpften in allen Altersgruppen deutlich höher. Auch sei die Zahl der COVID-Intensivpatienten, die nicht geimpft sind, „um ein Vielfaches höher“.

Spahn rechnet mit deutlich mehr als 5.000 COVID-19-Intensivpatienten

Durch gemeinsame Kraftanstrengungen sei es gelungen, „die Impfkampagne wieder zum Leben“ zu erwecken, so Spahn. Nach aktueller Planung würden bis Mitte Dezember 18 Millionen Dosen BioNTech® und fast 25 Millionen Booster-Dosen Moderna® an die impfenden Stellen ausgeliefert.

Das Erreichen der gesteckten Impfziele scheitere jedenfalls nicht am Impfstoff“, betonte Spahn. Für die Ziele der nächsten 4 Wochen sei genug Booster-Impfstoff vorhanden. „Wenn wir all diese Impfdosen auch verimpfen, dann machen wir uns selbst das größte Weihnachtsgeschenk.“ Trotz und wegen der neuen Variante Omikron bleibe Impfen und Boostern das beste Mittel gegen diese Pandemie.

 
Wenn wir all diese Impfdosen auch verimpfen, dann machen wir uns selbst das größte Weihnachtsgeschenk. Jens Spahn
 

Bezogen auf Deutschlands Beteiligung an der COVAX-Initiative sagte Spahn: „Wir können gerade beides leisten: Wir können genug Impfstoff für die Impfkampagne in Deutschland zur Verfügung stellen und wir können helfen, die Welt zu impfen.“

Eine allgemeine Impfpflicht sieht Spahn nach wie vor skeptisch. Die Skepsis werde auch sein Abstimmungsverhalten bestimmen, sagte er. Kritisch sieht er die Idee einer allgemeinen Impfpflicht für unter 18-Jährige. Seiner Wahrnehmung nach belaste das die Debatte mit „zusätzlichen Emotionen“.

Deutschland werde die Zahl von mehr als 5.000 COVID-19-Intensivpatienten deutlich überschreiten, so Spahn. Er begrüßte die Verschärfungen der Maßnahmen: „Diese Entscheidungen kamen spät, für viele leider zu spät. Aber immerhin wurden sie getroffen“. Die Welle werde ihren traurigen Höhepunkt um Weihnachten erreichen.

Spahn rief dazu auf, die Auflagen ernst zu nehmen und die Kontakte soweit möglich zu reduzieren: „Helfen Sie mit, weiteres Leid zu vermindern. Schützen Sie sich und ihre Lieben, so können wir die vierte Welle brechen.“

RKI-Chef: Für Trendumkehr viel zu früh

RKI-Chef Wieler warnte davor, aus dem Plateau der Fallzahlen bereits eine Trendumkehr herauszulesen: „Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz ist auf einem sehr hohen Plateau, die Fallzahlen sind nach wie vor viel zu hoch.“ In einigen Bundesländern sehe man vermutlich tatsächlich erste Folgen der verschärften Maßnahmen. „In einigen anderen Regionen könnte diese Plateau-Bildung aber bei den hohen Fallzahlen aber Zeit auch darauf zurückzuführen sein, dass die Kapazitäten erschöpft sind, dass Infektionen nicht mehr so gut erfasst werden können, weil Labore und Gesundheitsämter einfach nicht mehr hinterherkommen“, so Wieler. Es sei „viel zu früh“, um daraus eine Trendumkehr auszulesen, „geschweige denn, auf schärfere Maßnahmen zu verzichten – im Gegenteil“.

 
Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz ist auf einem sehr hohen Plateau, die Fallzahlen sind nach wie vor viel zu hoch. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

Laut Wieler sei etwas mehr als 1% der gesamten Bevölkerung infiziert; das RKI gehe von einer Untererfassung um den Faktor 2 bis 3 aus. „Die Positivenrate ist hoch wie selten in den vergangenen 18 Monaten. Das deutet darauf hin, dass es eine Untererfassung gibt“, sagte Spahn. Hinzu komme, dass in Städten und Landkreisen mit sehr hohem Infektionsgeschehen die Meldungen nicht mehr tagesaktuell erfasst werden könnten.

Wie Wieler berichtete, lägen aktuell rund 4.800 COVID-19-Patienten auf Intensivstation. „Die Belastung wird in den nächsten Wochen unweigerlich zunehmen durch die weiter nachlaufende hohe Zahl an neuen Patienten, die auf Intensivstationen kommen“, erklärte der RKI-Präsident.

 
In diese Notlage hinein platzt jetzt noch die neue Variante Omikron. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

Wie erwartet steigen auch die Todesfälle deutlich an – dem RKI werden an einzelnen Tagen schon um die 400 Todesfälle gemeldet. „In diese Notlage hinein platzt jetzt noch die neue Variante Omikron“, sagte Wieler. Nach aktuellem Wissensstand könnte Omikron noch ansteckender als Delta sein und „auch Geimpfte und Genesene leichter infizieren“. Damit könne Omikron in noch kürzerer Zeit zu noch mehr Fällen führen und „das in einer Situation, in der das Gesundheitswesen bereits an vielen Stellen überlastet ist“.

Maßnahmen müssen konsequent flächendeckend umgesetzt werden

Die Maßnahmen, ganz besonders auch die Reduktion von Kontakten, müssten flächendeckend und konsequent umgesetzt werden, um die Fallzahlen zu senken, betonte Wieler und fügte hinzu: „Wir haben keine Zeit zu verlieren, keinen einzigen Tag“. Nur über sinkende Fallzahlen könnten die Kliniken entlastet werden.

Dass viele Krankenhäuser die medizinische Versorgung eingeschränkt haben, habe nicht nur für die COVID-19-Patienten Folgen, die zum Teil verlegt werden müssten: „Diese Verlegungen sind eine enorme Belastung und können die Heilungschancen beeinträchtigen.“ Die Überlastung der Kliniken wirkt sich auf vermeintlich leichte Eingriffe wie Hüft-Operationen aus, wobei auch diese in der Regel medizinisch indiziert sei und könne sie nicht stattfinden, „verlängert das eben auch das Leid der Betroffenen“, erklärte Wieler.

Eine Folge der überlasteten Kliniken ist auch, dass Krebspatienten nicht mehr optimal behandelt werden können. Schon jetzt finden laut Task Force Krebs und Corona mindestens 5% weniger Tumoroperationen statt. Wieler berichtet von internationalen Auswertungen die zeigen, wie sich das Sterberisiko bei einigen Krebsarten erhöht wenn sich eine Operation nur um 4 Wochen verzögert. „Das kann nach einer internationalen Übersichtsarbeit pro 1000 Brustkrebspatientinnen zu 10 mal mehr Todesfällen führen“, sagt Wieler. Krebs führt aber häufig erst viele Monate später zum Tod, „das bedeutet, dass eine Benachteiligung von Krebspatienten während dieser akuten Pandemie auch leicht übersehen werden kann.“

Effekte bereits in 2 Wochen?

Vorausgesetzt, die Maßnahmen werden konsequent umgesetzt, rechnet Wieler damit, dass in 2 Wochen die Zahl der Infizierten nicht mehr steigt. Bei den Todesfällen sehe man das innerhalb von 3 bis 4 Wochen, so der RKI-Chef.

 
Wir haben keine Zeit zu verlieren, keinen einzigen Tag. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

„Wir müssen die Inzidenz auf Dauer senken. Die Chance, dass man Menschen schützen kann, ist bei hohen Inzidenzen deutlich schlechter als bei geringen“, betonte Wieler und fügte hinzu: „Der weitere Verlauf der 4. Welle hängt davon ab, was jetzt getan wird. Werden die Maßnahmen umfangreich implementiert, dann ist die Welle schneller vorbei und fordert weniger Todesopfer, als wenn Maßnahmen nicht konsequent umgesetzt werden. Je mehr Menschen nach dieser 4. Welle immun sind, desto geringer die Wahrscheinlichkeit für eine 5. Welle.“

Der letzte gemeinsame Termin

Ob Wieler und er einander vermissen werden? Spahn lacht und sagt, er werde die Zusammenarbeit mit Prof. Wieler, mit dem RKI, mit allen Mitarbeitern des BMG vermissen. Wieler fügt hinzu, dass man ja erst wisse, was man vermisse, wenn man es nicht mehr habe. Spahn sagte: „Ich habe meine Arbeit als Bundesgesundheitsminister gerne gemacht und ich hätte sie gerne weitergemacht. Aber: That´s democracy.“ Im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit dem RKI sagte er: „Wir haben immer eine Lösung gefunden, dafür bin ich dankbar.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....