„Hoffnung, dass eine natürliche Heilung von HIV tatsächlich möglich ist“ – weltweit 2. Fallbericht veröffentlicht

Heather Boerner

Interessenkonflikte

1. Dezember 2021

Es klingt wie ein Märchen in Zeiten der HIV-Stigmatisierung: Eine Frau wacht eines Morgens auf und – schwupps – ist HIV bei ihr verschwunden. Zuvor hatte sie 8 Jahre mit der HIV-Infektion gelebt.

Für eine 30-jährige Argentinierin aus dem Dorf Esperanza (deutsch „Hoffnung“) hat sich diese Hoffnung buchstäblich erfüllt. Details wurden in den Annals of Internal Medicine veröffentlicht [1].

Die Frau, die so genannte „Esperanza-Patientin“, scheint die 2. Person zu sein, deren Immunsystem das Virus ohne eine Stammzellentransplantation aus dem Körper eliminiert hat. Die 1. war Loreen Willenberg, eine Frau aus Kalifornien, die, nachdem sie 27 Jahre lang mit HIV gelebt hatte, kein replizierendes Virus mehr in ihrem Körper hatte. Über sie wurde letztes Jahr berichtet.

 
Das macht uns Hoffnung, dass eine natürliche Heilung von HIV tatsächlich möglich ist. Dr. Xu Yu
 

„Das ist doch das Schöne an diesem Namen, oder? Esperanza“, sagt Dr. Xu Yu, leitende Prüfärztin am Ragon Institute des Massachusetts General Hospital, des Massachusetts Institute of Technology und der Harvard University in Boston, Massachusetts, und bezog sich dabei auf das spanische Wort. „Das macht uns Hoffnung, dass eine natürliche Heilung von HIV tatsächlich möglich ist.“

2 weitere Personen scheinen HIV überwunden zu haben, allerdings erst nach einem vollständigen Ersatz ihres Immunsystems durch eine Stammzellentransplantation: der „Berliner Patient“ Timothy Ray Brown und der „Londoner Patient“. Ein weiterer Mann aus Brasilien schien eine nicht nachweisbare Viruslast zu haben, nachdem er eine intensivierte antiretrovirale Behandlung und zusätzliches Vitamin B3 erhalten hatte.

Eine extrem seltene Patientengruppe

Die „Esperanza-Patientin“ gehört zu einer seltenen Gruppe von Menschen, den so genannten Elite-Controllern. Das Immunsystem dieser Menschen kann HIV zwar ohne antiretrovirale Medikamente in Schach zu halten, ist in den meisten Fällen allerdings nicht dazu in der Lage, das Virus zu eliminieren. Stattdessen kontrolliert ihr Immunsystem das Virus, ohne Reservoire anzugreifen, in denen sich HIV weiterhin repliziert und sich ausbreiten kann.

Die „Esperanza-Patientin“ und Willenberg gehören jedoch zu einer noch selteneren Gruppe. Ihr eigenes Immunsystem scheint nicht nur die HIV-Replikation außerhalb der Reservoire gestoppt zu haben, sondern auch Viren innerhalb von Reservoiren abgetötet zu haben.

Die beiden Frauen sind auch wissenschaftlich miteinander verbunden: Auf einer HIV-Konferenz im Jahr 2019 präsentierte Yu Daten zu Willenbergs Fall. Auf dieser Konferenz traf Yu dann Dr. Natalia Laufer, Forscherin am Instituto de Investigaciones Biomédicas en Retrovirs y SIDA an der Universität von Buenos Aires. Laufer untersuchte zu dieser Zeit die „Esperanza-Patientin“ und fragte Yu, ob sie und ihr Team am Ragon-Institut ihr bei der Sequenzierung des HIV-Genoms der Patientin helfen könnten, um festzustellen, ob das Virus tatsächlich spontan aus dem Körper der Frau entfernt worden war.

Das taten die beiden in Zusammenarbeit mit mehreren anderen Forschern, die sich mit der Heilung von HIV befassen. Die „Esperanza-Patientin“ hatte sich 2013 erstmals mit HIV infiziert. In den darauffolgenden 8 Jahren zeigten Ergebnisse von 10 konventionellen Viruslasttests, dass HIV nicht nachweisbar war, sprich: dass die Viruslast unter dem Quantifizierungsniveau der Standardtechnologie lag.

In dieser Zeit starb der Freund der Frau, der sie mit HIV infiziert hatte, an einer mit AIDS assoziierten Krankheit. Später heiratete sie und bekam ein Kind. Sowohl ihr neuer Partner als auch das Baby sind HIV-negativ. Während der Schwangerschaft erhielt sie nur 6 Monate lang antiretrovirale Medikamente.

Ein Relikt früherer Zeiten

Dennoch befand sich virales Erbgut im Körper der Frau. Laufer und Yu wollten wissen, ob es sich um infektiöse Viren handelt – oder um Relikte früherer Zeiten, sprich defekte, nicht mehr replikationsfähige Nukleinsäuren.

Die Forscherinnen führten eine umfassende Genomsequenzierung an fast 1,2 Milliarden Zellen durch, die Laufer 2017, 2018, 2019 und 2020 aus dem Blut der Patientin entnommen hatte, sowie an weiteren 503 Millionen Zellen aus der Plazenta des Babys, das die „Esperanza-Patientin“ 2020 zur Welt brachte, und an 150 Millionen ruhenden CD4-T-Zellen.

Es wurde eine provirale Sequenzierung der gesamten HIV-DNA durchgeführt, um festzustellen, ob das Virus noch intakt ist. Die DNA wurde dann mit Hilfe eines Algorithmus analysiert und auf Mutationen untersucht.

Die Forscherinnen untersuchten auch CD4-Zellen des Patienten, um festzustellen, ob dort vielleicht noch latente HI-Viren verborgen sind. Auf diese Weise führten sie eine vollständige Analyse durch, die weitaus empfindlicher ist als die Viruslasttests, denen sich die Frau in der Klinik unterzogen hatte.

Anschließend untersuchten sie das Immunsystem der Patientin, um herauszufinden, was die verschiedenen Zellen des Immunsystems darüber aussagen können, wie gut ihr natürliches Immunsystem HIV erkennen und abtöten kann. Sie isolierten Immunzellen der „Esperanza-Patientin“ und setzten diese Zellen im Labor HIV aus, um zu sehen, ob die Zellen das Virus erkennen und eliminieren konnten.

Um sicherzugehen, überprüften die Wissenschaftlerinnen auch, ob sich im Körper der Patientin antiretrovirale Medikamente befanden.

Dabei stellte sich heraus, dass die CD4-Zahl der Patientin ohne Behandlung bei etwa 1.000 Zellen/μl lag – ein Zeichen für ein funktionierendes Immunsystem.

Die DNA-Sequenzen zeigten große fehlende Abschnitte, und eine Sequenz wies eine immuninduzierte Hypermutation auf. Insgesamt wurden 7 Proviren gefunden, von denen jedoch keines in der Lage war, sich zu replizieren. Die untersuchten CD4-Zellen zeigten keine Anzeichen von latentem HIV.

Mit anderen Worten: Die Wissenschaftlerinnen hatten ein virales Relikt früherer Zeiten gefunden. „Diese HIV-1-DNA-Produkte weisen eindeutig darauf hin, dass diese Person in der Vergangenheit mit HIV-1 infiziert war und dass zu einem bestimmten Zeitpunkt aktive Zyklen der viralen Replikation stattgefunden haben“, schreiben Yu und ihre Kollegen in ihrem jüngsten Artikel.

Was für Ärzte, die solche Spontanheilungen potenziell für die Behandlung von Millionen HIV-Patienten nutzen wollen, vielleicht noch wichtiger ist, ist der Nachweis, dass das Immunsystem der Frau sich durch eine Reihe von genetischen Mutationen auf die Bekämpfung von HIV vorbereitet hatte. Die Forscherinnen schreiben, dass sie Beweise für eine „unvollständige Serokonversion“ gefunden hätten. Als die Patientin sich mit HIV infiziert hat, wurde die Infektion in ihrem Verlauf gestoppt.

Yu und ihre Kollegen erklären aber auch, sie könnten nicht beweisen, dass die Frau vollständig von HIV geheilt sei. „Das mag unbefriedigend klingen, spiegelt aber eine der wissenschaftlichen Forschung innewohnende Einschränkung wider“, heißt es in der Veröffentlichung. „Wissenschaftliche Konzepte können niemals durch empirisch erhobene Daten bewiesen werden; sie können nur widerlegt werden.“

Auf der Suche nach weiteren Patienten

Sind diese Frauen die einzigen, bei denen HIV spontan verschwunden ist? Das sei die Frage, so Dr. Carl Dieffenbach, Direktor der Abteilung für AIDS am National Institute of Allergy and Infectious Diseases, Teil des National Institutes of Health. So wie sie nicht widerlegen könnten, dass die Frauen sich selbst geheilt hätten, könnten sie auch nicht beweisen, dass sie und Willenberg die einzigen beiden Menschen seien, die eine solche Heilung erfahren hätten.

„Wir haben alle damit zu kämpfen“, sagte Dieffenbach gegenüber Medscape. „Das Ziel ist es, einige dieser Menschen zu finden, damit es vielleicht einen Weg gibt, wie man die Immunität induzieren, auslösen oder verändern kann. Aber es könnte sich auch um ein einmaliges Ereignis zum Zeitpunkt des Beginns der Infektion handeln. Wir wissen es einfach nicht.“

 
Wir glauben, dass es da draußen noch mehr [dieser Patienten] gibt. Dr. Xu Yu
 

Yu sagte, dass Ärzte sich an sie wenden sollten, wenn sie Fälle mit Ähnlichkeit zu Willenberg und zur Esperanza-Patientin hätten. Dann seien aufwändige Tests erforderlich, um festzustellen, ob dies zutreffe. „Wir glauben, dass es da draußen noch mehr [dieser Patienten] gibt“, so Yu gegenüber Medscape.

Auf die Frage, ob wir noch weit davon entfernt sind, diese einmalige Strategie zur Heilung auf die Millionen von Menschen anzuwenden, die täglich eine HIV-Behandlung erhalten, antwortete Yu: „Wir könnten nahe dran sein. Das ist das Schöne an wissenschaftlichen Entdeckungen. Wir wissen es nicht, aber deshalb brauchen wir mehr Engagement der Gemeinschaft und der medizinischen Fachkräfte, um uns zu helfen.“

Dieser Artikel wurde von Michael van den Heuvel aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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